Am Friedhof der Lippenstifte

23. März 2015, 17:00
215 Postings

Für Lippenstiftträgerinnen ist der Satz: "Nein, diese Farbe gibt es leider nicht mehr" traumatisch - kommt aber immer wieder vor

Jeden Tag in der Früh stehen sie an, die zwei einzigen Entscheidungen. Was anziehen? Und: welchen Lippenstift aufmalen? Ich gebe es zu, Farbe gibt mir jeden Tag in der Früh einen Kick. Vor allem an grauen Tagen sind Farbtupfer schön. Vor allem im Gesicht, konkret auf den Lippen. Man sieht dann irgendwie besser aus als ohne. Das denke ich auch, wenn ich die Kolleginnen im Büro sehe. Knallrot, Pink-glitzernd oder ein schöner Beerenton? Sehr erfreulich.

Allerdings muss Lippenstift immer zum Farbton der Haut passen. Bläuliches Rot: lässt blasse Typen bleich aussehen, Orangetöne kommen bei Couperose (das sind erweiterte Äderchen, die sich gerne auf Wangen ausbreiten) überhaupt nicht gut und Pink ist meist eher für Blonde geeignet.

Für alle, die sich, so wie ich, eher auf ihr Gefühl verlassen, ist das, was zählt, der flüchtige Blick in den Spiegel, der einem bestätigt: Sieht gut aus. Diese Erkenntnis ist langfristig. Erleichtert morgens eine Entscheidung und gibt abends Sicherheit.

"Leider nicht mehr"

Im Leben aller Lippenstift-Userinnen kristallisieren sich so einzelne Lieblinge heraus, die zu tagtäglichen Begleiterinnen werden. Das Schlimmste, was dann eines Tages passieren kann, ist das Ende eines solchen Lieblings und die Auskunft einer Dame in der Parfümerie, die sagt: "Nein, diese Farbe gibt es von dieser Firma leider nicht mehr". So geschehen bei Shiseido S27, einem magischen Rosa-Orange, bei Terry Rouge Delectation 4 mousse de noisette, der nicht nur schön war, sondern auch unheimlich gut schmeckte. Bei Aveda Camelia 55/sheer, dem ich bis heute nachweine.

Sowie Guerlain KissKiss 241 oder Clarins Rouge Eclat 06 True aubergine oder einem Lippenstift von Yves Saint Laurent, dessen Farbnummer ich nicht mehr lesen kann, weil das Etikett mit der Nummer vom vielen Herumtragen in meiner Taschen abgeschubbert ist. Sie alle wohnen – ausgekratzt bis zum letzten Rest in einer Lade im Fernsehzimmer, quasi in meinem Friedhof der Lippenstifte. Ich kann mich nicht trennen.

Schmerz antizipieren

Bei jeder neuen Lippenfarbe, auf die ich mich einlasse, nehme ich mir vor, jede Art von "Limited edition" zu ignorieren. Ich frage im Voraus. Zur Sicherheit quasi und um mir den Trennungsschmerz zu ersparen. Die traurige Wahrheit: Ich richte mich dann aber nie danach. Hoffentlich wird Rosewood Cream 'n Gleam von La Biosthetique, mein aktueller Favorit mich noch lange begleiten. Ich spüre den Trennungsschmerz schon, im Voraus. (Karin Pollack, derStandard.at, 23.3.2015)

  • Neue Kolumne: Rondo-Redakteurin Karin Pollack schreibt über Kosmetik und die Freuden und Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können.

  • Die Lieblingslippenstifte geben Sicherheit. Blöd, wenn es die Lieblingsfarbe plötzlich nicht mehr gibt.
    foto: apa/epa/marcelo sayao

    Die Lieblingslippenstifte geben Sicherheit. Blöd, wenn es die Lieblingsfarbe plötzlich nicht mehr gibt.

Share if you care.