Geschlechterschere in Mathematik ging auf

5. März 2015, 11:30
247 Postings

Erster umfassender OECD-Bericht zur Geschlechtergerechtigkeit in Bildung zeigt große Unterschiede zugunsten von Buben auch in Naturwissenschaften und wissenschaftlichem Denken

Paris – Während in vielen Ländern der Geschlechterunterschied der Schüler in der Mathematik kleiner wurde, ist dieser in Österreich angewachsen, heißt es in einem am Donnerstag präsentierten OECD-Bericht. 2003 zeigte sich im PISA-Test noch kein signifikanter Unterschied in den Mathematik-Leistungen zwischen Buben und Mädchen. 2012 betrug der Unterschied dann 22 Punkte zugunsten der Buben.

"ABC of Gender"

Insgesamt zeigen sich im ersten OECD-"ABC of Gender Equality in Education" teilweise deutliche Geschlechterunterschiede: So schneiden in vielen Ländern Buben bei mathematischen Aufgaben besser ab, während Mädchen beim Lesen wiederum in allen Ländern die Nase vorne haben. In vielen besonders leistungsstarken Volkswirtschaften – meist sind das asiatische Länder – liegen Mädchen bei den Mathematik-Ergebnissen jedoch gleichauf und erbringen dort auch bessere Resultate als ihre männlichen Altersgenossen in den meisten anderen Ländern.

"Nicht angeborenes (Un)Vermögen, sondern erworbene Haltung"

Umgekehrt ist dort auch das Leseverständnis der Buben höher als das der Mädchen in schwächeren Ländern. Das zeige, dass diese Unterschiede "nicht durch angeborenes (Un)Vermögen, sondern vielmehr durch eine erworbene Haltung gegenüber der Materie, der Schule, beziehungsweise dem Lernen ganz allgemein" verursacht werden, heißt es in einer Aussendung der OECD.

In Österreich dürfte sich hier in den vergangenen Jahren aber etwas zuungunsten der Mädchen verschoben haben: Denn während sich etwa in Finnland, Griechenland, in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macao, Russland, USA, Türkei und Schweden der Unterschied in den Mathematik-Leistungen deutlich verringerte, wuchs dieser in Österreich, Luxemburg und Spanien, heißt es in dem Bericht. Der Unterschied von 22 Punkten (PISA-Test von 2012) in Österreich ist nur in Luxemburg und Chile größer. Zum Vergleich: Der OECD-Schnitt liegt bei elf (2003: ebenfalls elf) Punkten. Insgesamt erzielten Buben und Mädchen zusammen 494 Punkte.

Große Unterschiede auch in Naturwissenschaften

Auch in den Naturwissenschaften weist die Statistik für Österreich relativ große Differenzen zwischen den Geschlechtern aus. Hier liegen lediglich Luxemburg, das Vereinigte Königreich, Japan und Dänemark vor Österreich (neun Punkte Unterschied zugunsten der Buben). Geht es in Aufgaben darum, "wie ein Wissenschafter zu denken" und etwa verbale Problemstellungen in mathematische Ausdrücke zu übersetzen, ist nur in Luxemburg (33 Punkte) der Unterschied zugunsten der Buben größer, als in Österreich (32 Punkte). Im OECD-Schnitt beträgt die Differenz hier 16 Punkte.

Weitere Gender-Differenzen: Ein genereller Trend sei, dass immer mehr Frauen höhere Bildungsabschlüsse erzielen. Besonders klar zeige sich das in Österreich, Tschechien, Italien Polen, der Slowakei und Slowenien, wo mittlerweile drei Fünftel der Abschlüsse der Sekundarstufe II auf Frauen entfallen, wie in dem Bericht hervorgehoben wird.

Ein interessantes Detail am Rande ist der Befund, dass Mädchen in fast allen Ländern mehr Zeit für Hausübungen aufwenden. In Österreich sitzen Mädchen wöchentlich durchschnittlich 72 Minuten länger bei der Aufgabe. Insgesamt kommen heimische Schüler hier auf rund viereinhalb Stunden und liegen damit knapp unter dem OECD-Schnitt.

Bildungsgefährdete Buben

Über alle Länder hinweg zeigte sich, dass Buben stärker gefährdet sind, grundlegende Bildungskompetenzen nicht zu erwerben. 60 Prozent der besonders leistungsschwachen Schülern sind männlich. "Ihr Risiko, die Schule abzubrechen, ist dementsprechend höher als das von Mädchen", heißt es in der Aussendung.

Heinisch-Hosek setzt auf Zentralmatura

Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) verweist anlässlich des heute, Donnerstag, präsentierten OECD-Berichts zur Geschlechtergerechtigkeit an Schulen auf zahlreiche Maßnahmen zur Verringerung von Geschlechterunterschieden zwischen Mädchen und Buben in Österreich. Zentrale Testungen wie die Neue Reifeprüfung tragen ihrer Ansicht dazu bei, "Gender Gaps" abzubauen.

"Der OECD-Bericht zeigt, dass Mädchen und Buben von Geburt an geschlechtsspezifischen Zuschreibungen ausgesetzt sind, die sich massiv auf ihren weiteren Bildungs- und damit auch Lebensweg auswirken. Unser Engagement muss einer Bildung und Erziehung gelten, die Kinder individuell nach ihrem Potenzial fördert", so die Ministerin in einer Aussendung.

Mittelfristig würde die standardisierte zentrale Reifeprüfung zu einer Verringerung von Geschlechtsunterschieden beitragen, da alle Schüler die gleichen Aufgaben erhalten und die Subjektivität der Beurteilung minimiert würde.

Der Bericht zeige auch, dass vor allem in Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern die Art der Präsentation der Inhalte Geschlechterunterschiede hervorrufen könne. In der Aus- und Weiterbildung der Lehrer soll weiter verstärkt dafür sensibilisiert werden, das eigene Verhalten im Unterricht zu hinterfragen und der Übertragung von Geschlechterstereotypen gezielt entgegenzuwirken, heißt es. (APA, 5.3.2015)

  • Dass Buben oft besser rechnen und Mädchen im Lesen besser sind, hat nicht "mit angeborenem (Un)Vermögen" zu tun, betonen die OECD-Analysten, sondern mit der "erworbenen Haltung zur Materie".
    foto: dpa / frank leonhardt

    Dass Buben oft besser rechnen und Mädchen im Lesen besser sind, hat nicht "mit angeborenem (Un)Vermögen" zu tun, betonen die OECD-Analysten, sondern mit der "erworbenen Haltung zur Materie".

Share if you care.