Hoffnungsträgerin Schulautonomie

Kommentar5. März 2015, 05:30
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Der Bericht zur Neuen Mittelschule ist wie eine Warnung - aber es gibt auch Gutes

Jetzt ruhen die Hoffnungen aller wieder auf ihr, der Schulautonomie. Dass diese von manchen neuerdings als Synonym dafür verstanden wird, alle Lehrer organisatorisch den Ländern zu unterstellen, ist nur ein kurioses Detail am Rande.

Die Vorgeschichte: Die Evaluierung der Neuen Mittelschule hat nicht das erwünschte Ergebnis für das rote Prestigeprojekt gebracht. Und das ist nicht nur ein Problem der SPÖ und ihrer ungeschickt kommunizierenden Unterrichtsministerin. Es macht sich auch nicht gut für die ÖVP, die das Schulmodell zwar nie wirklich mitgetragen, der flächendeckenden Einführung noch vor Abschluss der wissenschaftlichen Bewertung aber zugestimmt hatte. Das Gymnasium musste schließlich gerettet werden! Das ist den Schwarzen gelungen. Allerdings auf Kosten tausender Schülerinnen und Schüler, für die sich an mehr als der Hälfte der untersuchten Schulen nicht viel mehr geändert hat als der Name ihrer Bildungsinstitution.

Für Eltern liest sich der Bericht, der durchaus auch einige positive Entwicklungen aufzeigt, fast wie eine Warnung: Da wird angezweifelt, ob die Leistungen mancherorts nicht gar unter dem Niveau der alten Hauptschule liegen. Da ist von einer Verbesserung der sozialen Chancengerechtigkeit keine Rede mehr. Und, besonders hart: Für jene Schüler, die als Risikoschüler gelten, habe sich die Lernsituation "tendenziell verschlechtert", konstatieren die Wissenschafter.

Trotzdem besteht für die Neue Mittelschule Hoffnung - aus mehreren Gründen: erstens, weil die an sie gestellten Erwartungen völlig übertrieben waren und nie auch nur die Chance auf Realisierung hatten. Ein von der SPÖ als Gesamtschul-Wegbereiter verkauftes Konzept kann als einer von (bisher noch) drei alternativen Schultypen nie zu mehr sozialer Vermischung beitragen. Bildungsaffine Eltern wählen im Zweifel die AHS. Dort, wo es keine übersteigerten Erwartungen gibt, kann die NMS punkten - etwa mit weniger Gewalt und einem besseren Schulklima.

Zweitens: Es ist ein Irrtum, zu glauben, es reiche, Maßnahmen wie Teamteaching oder offenen Unterricht rechtlich zu verankern - und damit fänden sie statt. Wer plötzlich zu zweit in der Klasse steht, wer neuen Unterricht wagt, braucht dafür das notwendige Handwerkszeug. Einige Pilotschulen haben die fehlende wissenschaftliche Begleitung mittels großer Motivation wettgemacht. Die anderen gehen im Strudel des Alltags unter und finden sich jetzt in der Beschreibung als "Traditionsschulen" wieder, die nur wenig von dem umgesetzt haben, was die ideale NMS ausmacht.

Jetzt soll die Schulautonomie helfen. Nicht nur bei der fairen Verteilung und dem sinnvollen Einsatz der finanziellen Mittel (etwa Lernen in Kleingruppen statt zwei Lehrer pro Hauptfach für alle), auch bei der Personalauswahl und einer großzügigeren Auslegung des Lehrplans. Ein Viertel davon soll laut Expertenvorschlag künftig frei gestaltbar sein.

Klingt gut, vor allem im Abtausch mit einer für jeden Schulstandort öffentlichen Qualitätskontrolle. Im Unterschied zur leidigen Debatte darüber, ob Bund oder Länder für die Lehrer zuständig sein sollen, ist das auch etwas, was vor Ort spürbar wäre. Politisch hat das Vorhaben sogar Chancen auf Realisierung. Ob das zum Erfolg führt, hängt wieder ganz stark davon ab, ob es bei einer legistischen Maßnahme bleibt oder ob diese gut vorbereitet und professionell begleitet wird. (Karin Riss, DER STANDARD, 5.3.2015)

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