"Das Ziel muss sein: Mehr Autonomie"

Interview4. März 2015, 18:18
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Der Soziologe Johann Bacher, einer der Autoren des Evaluierungsberichts zur Neuen Mittelschule, beklagt unzureichende wissenschaftliche und praktische Umsetzungsstrategien.

STANDARD: Sie stellen der Neuen Mittelschule kein gutes Zeugnis aus. War die Erwartung zu groß?

Bacher: Man hat gehofft, dass die NMS auch für diejenigen, die ihr Kind an ein Gymnasium bringen wollen, attraktiv genug ist. Das ist nicht so. Die Idee einer stärkeren sozialen Durchmischung kann auch nicht funktionieren, wenn die Neue Mittelschule in Konkurrenz zu anderen Schulformen eingeführt wird. Hier wird nach wie vor sozial selektiv gewählt.

STANDARD: Das ist aber nicht der einzige Grund für das durchwachsene Ergebnis. Warum kommt es nur an ausgewählten Standorten zu Leistungsverbesserungen der Schüler?

Bacher: Wir haben nach vier Typen unterschieden. Am unteren Ende liegen die "Normal- und Traditionsklassen", hier muss man noch einmal genau untersuchen, warum sie die grundsätzlichen Konzeptmerkmale der NMS (wie Teamteaching, Phasen offenen Unterrichts, flexible Lerngruppen, Anm.) nicht ausreichend umgesetzt haben. Was sich jetzt schon sagen lässt: Nur eines dieser Elemente umzusetzen reicht nicht.

STANDARD: Was tun mit jenen über 50 Prozent der Klassen, die das NMS-Konzept nur unzureichend umgesetzt und folglich die schlechtesten Ergebnisse erzielt haben?

Bacher: Hier braucht es dringend ganzheitliche Entwicklungspläne für die einzelnen Schulstandorte vor Ort. Nach dem Pioniereffekt jener Schulen, die sich besonders gut vorbereitet an die Umwandlung zur NMS gemacht haben, gab es danach nur unzureichende wissenschaftliche und praktische Umsetzungsstrategien.

STANDARD: Bis 2018 soll die NMS die Hauptschule ablösen. Was muss geschehen, damit die nächste Evaluierung besser ausfällt ?

Bacher: Bislang wurden die finanziellen Mittel sehr breit eingesetzt. Dabei brauchen Schulen mit hoher sozialer Belastung natürlich auch mehr Unterstützung. Das Ziel muss sein: Ein Mehr an Autonomie - personell wie finanziell. Die Mittelverteilung auf Basis eines Sozialindex hätte man eigentlich vor der flächendeckenden Einführung der NMS angehen müssen.

STANDARD: Die Unterrichtsministerin befürwortet das, Sie sitzen selbst in einer Arbeitsgruppe zum Thema. Wie weit ist man mit der Umsetzung?

Bacher: Die Überlegungen hierfür sind fertig und werden jetzt im Rahmen des Gesamtpakets zur Schulreform verhandelt. Will man die soziale Mittelverteilung, wird man auch über größere organisatorische Einheiten für die Schulorganisation reden müssen, damit es auch wirklich mehr Unterstützungspersonal am einzelnen Schulstandort geben kann. (Karin Riss, DER STANDARD, 5.3.2015)

foto: altreiter
Johann Bacher (55) ist Professor für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Johannes-Kepler-Universität Linz
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