Fall Alijew: Verschwörungstheorien und Videokameras

4. März 2015, 16:49
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Ein Besuch in der Justizanstalt Wien-Josefstadt zeigt, dass ein Mord nur mit großer Verschwörung möglich gewesen wäre

Wien - Wenn Rachat Alijew in seiner Einzelzelle der Justizanstalt Wien-Josefstadt keinen Selbstmord begangen hat, wie seine Verteidiger insinuieren, muss es zumindest fünf korrupte Justizwachebeamte geben, wie ein Lokalaugenschein des Standard zeigt.

Traktkommandant Martin Pressinger führt durch den fünften Stock, die Krankenabteilung. Die Zelle, in der Alijew starb, ist links am Ende des Ganges. "Da ist eine Kamera", zeigt Pressinger an die Wand, "vorn, im Eingangsbereich, sind zwei weitere." Die Aufzeichnungen von außen zu manipulieren ist schwer bis unmöglich. Denn die Bilder werden nicht per Funk, sondern über eine interne Leitung in den Raum übertragen, in dem in der Nacht drei Beamte für die Überwachung von drei Stockwerken zuständig sind.

Aufnahmen drei Tage gespeichert

"Die Aufnahmen werden 72 Stunden gespeichert und dann automatisch überschrieben", erläutert der Beamte. "Einen Zugriffscode haben nur die Direktion und die Personalvertretung."

Selbst wenn die Aufzeichnungen - von wem auch immer - manipuliert sein sollten, gibt es noch ein weiteres Zugangsproblem für einen Mörder, der einen Betäubten mit Mullbinden in der von außen nicht einsehbaren "Nasszelle" strangulieren will. "In der Nacht haben nur zwei Kollegen unten im Wachzimmer die Haftraumschlüssel. Fordert man sie an, müssen sie gemeinsam kommen", sagt Pressinger.

Ein weiteres Problem für Verschwörungstheoretiker: Wird in der Nacht eine Zellentür geöffnet, geht in der Überwachungszentrale des Stockwerks ein schriller Alarm los. Auf einem Monitor wird angezeigt, welche der Türen geöffnet wurde. Dass diese noch dazu über ein System verfügen, das jeden Eintritt mitzählt, spielt da fast keine Rolle mehr.

Medikamenteneinnahme vor Pfleger

In den grünen Türen befindet sich auch eine Klappe für die Essensausgabe, durch die auch Medikamente verabreicht werden. Alijew bekam das Schlafmittel Zoldem. Ob es möglich sei, dass er die Tabletten gesammelt hat? "An sich müssen die Häftlinge sie vor dem Pfleger schlucken. Aber es gibt natürlich ein paar Tricks", schließt Pressinger es nicht aus.

Dass 14 Stunden lang niemand nach dem prominenten Häftling geschaut hat, gesteht er ein. "Aber er galt nicht als selbstmordgefährdet." Da werde nur stichprobenartig durch das Guckloch in die Zelle geschaut.

Für Grünen-Sicherheitssprecher Peter Pilz ist die Sache dagegen nicht so klar, wie er bei einer Pressekonferenz erklärte. Es sei nicht sein Job, zu klären, "ob der Tod Selbstmord, Mord, ein Unfall oder sonst was war". Die Vorgehensweise der Justiz würde aber zu Spekulationen führen.

Peter Pilz droht mit U-Ausschuss

Sein Hauptgegner ist ohnehin Justizminister Wolfgang Brandstetter, ehemals Verteidiger von Alijew. Pilz kündigte eine parlamentarische Anfrage an, in der die Rolle Brandstetters aufgeklärt werden soll. Er wittert undurchsichtige Geldflüsse sowie Falschinformationen und will auch geklärt haben, ob der kasachische Ex-Botschafter in einer Wohnung nur zum Schein angemeldet war.

Sollte sich Brandstetter, wie bisher, auf seine Verschwiegenheitspflicht berufen, sei ein Untersuchungsausschuss "unvermeidlich". (Michael Möseneder, DER STANDARD, 5. 3. 2015)

  • Links hinten die Zelle, in der Rachat Alijew starb. Oben in der Mitte die Gangkamera.

    Links hinten die Zelle, in der Rachat Alijew starb. Oben in der Mitte die Gangkamera.

  • In der Überwachungszentrale des Stockwerks, in dem sich die Krankenabteilung befindet.
    foto: michael mösender/standard

    In der Überwachungszentrale des Stockwerks, in dem sich die Krankenabteilung befindet.

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