Herrengasse soll zur Begegnungszone werden

Video6. März 2015, 07:00
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Mitten in der Wiener City liegt die Herrengasse brach. Passanten nutzen sie, aber verweilen kaum in dem Grätzel. Eine Initiative möchte die Gegend nun zur Begegnungszone umgestalten

Wien – Im Eiltempo passieren Fußgänger die Herrengasse im ersten Wiener Gemeindebezirk, vorbei an prunkvollen Palais, Baustellen und traditionellen Wiener Kaffeehäusern. Auf den engen Gehsteigen der Straßenverbindung zwischen Freyung und Michaelerplatz drängen sich Fußgänger. Auf der Fahrbahn quetscht sich ein Bus der Linie 1A an den parkenden Autos vorbei.

derstandard.at/von usslar

Die Herrengasse hat vor allem eines: Durchzugsverkehr. Zum Shoppen geht man lieber in das nahegelegene Goldene Quartier rund um den Hohen Markt, für die Nahversorgung gibt es die Supermärkte am Schottentor. Um das Grätzel in der City zu beleben, wurde zu Jahresbeginn die Initiative Herrengasse Plus – eine Gruppe von Anrainern und Liegenschaftseigentümern – gegründet.

Teure Mieten

"Wir müssen hier endlich etwas machen, die Gasse ist im Dornröschenschlaf", sagt Wolfgang Spitzy, Sprecher der Initiative.

Zwischen der Freyung und dem Café Central werden Palais renoviert. Hier sollen Wohnungen entstehen. Für die künftigen Anrainer soll das Eck aufgewertet werden: durch Fassadenneugestaltung und Öffnung der Innenhöfe für Cafés und Geschäfte.

foto: andy urban

"Es gibt hier viele Hotels und Büros. Aber auch wer eine Wohnung hat, weiß, wie man sich das Leben schön macht", sagt Rainer H. Denn: "Billig sind die Mieten sicher nicht." Das Durchkommen auf den knappen Gehsteigen findet H. mühsam. Er hätte am liebsten eine Fußgängerzone, die U-Bahn-Station ist sowieso ums Eck.

Verhandlungen mit der Stadt

"Seit Monaten laufen die Verhandlungen mit dem Magistrat", erzählt Spitzy. Das Projekt stehe kurz vor der Realisierung. Es soll nicht nur bei der Aufwertung von Häuserfronten bleiben: "Wir wollen die unterschiedlichen Bodenniveaus angleichen, eine bessere Beleuchtung installieren und für Verkehrsberuhigung sorgen. Wenn möglich wollen wir auch Grünflächen." Eine Begegnungszone also.

Zwischen 4,5 und fünf Millionen Euro plant die Initiative dafür ein. "Die Steuerzahler müssen das nicht bezahlen", sagt Spitzy. Es handle sich um das erste Wiener Projekt von Hauseigentümern, die den öffentlichen Raum selbst gestalten und das finanzieren.

Dass Private die Herrengasse umgestalten wollen, wird seitens der Stadt positiv gesehen. "Zentral ist, dass eine Umgestaltung der Allgemeinheit zugutekommen muss", heißt es aus dem Stadtratsbüro für Stadtentwicklung und Verkehr.

"Wir profitieren aber auch davon", weiß Spitzy, der auch die Eigentümergemeinschaft des ersten Wiener Hochhauses an der Ecke Fahnengasse vertritt. Das Hochhaus aus den 1930ern bietet auf sieben Stockwerken rund 280 Wohnungen. Isabelle C.s Familie lebt in dem Bau von Beginn an. "Die Geschäfte hier sind vor allem für Touristen", sagt sie und schiebt ihr Fahrrad aus der Tür. "Ich kaufe da nicht ein."

Wiener Tradition

Im Erdgeschoß des Hochhauses gibt es eine Postfiliale und teils leerstehende Geschäftslokale. "In den Geschäftsboxen wollen wir Unternehmen mit Österreich bezug einquartieren", sagt Spitzy.

foto: andy urban

Ein Beispiel sei die Zuckerlwerkstatt, die vor zwei Jahren geöffnet hat. Mit dieser Strategie will die Initiative sich vom Goldenen Quartier abgrenzen. Die Shops des noblen Nachbargrätzels gebe es an jedem Flughafen. In der Herrengasse setzt man auf Wiener Bäckereien und Saftbars. Einen Grätzel-Namen hat die Initiative auch: "Palais-Viertel". (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 06.03.2015)


Seit 1948 ist die Wiener Innere Stadt in der Hand der Volkspartei. Bei den Bezirksvertretungswahlen 2010 erreichte die ÖVP 38,0 Prozent der Stimmen. Die SPÖ folgte mit 23,4 Prozent. Die Grünen belegten den dritten Platz und erreichten 18,4 Prozent, die FPÖ schaffte 10,3 Prozent.

Bei der Gemeinderatswahl im selben Jahr musste die ÖVP im ersten Bezirk ein Minus von 8,5 Prozentpunkten einstecken. Sie fiel auf 32,8 Prozent zurück, hielt sich aber weiterhin vor den Sozialdemokraten mit 31,1 Prozent. 16,5 Prozent wählten Grün und 15,4 Blau.

Ursula Stenzl ist seit 2005 Bezirksvorsteherin.

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