Prozess um Terroranschlag in Boston beginnt

4. März 2015, 14:48
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Schwierige Suche nach 18-köpfiger Jury, die über Todesstrafe entscheiden soll

Ist er ein kaltblütiger Fanatiker des Terrors? Oder ein willensschwacher Teenager, der sich von seinem dominanten Bruder zu einem Verbrechen anstiften ließ, das er allein nie begangen hätte? Dschochar Zarnajew hat eine der beiden Rucksackbomben gezündet, die beim Boston-Marathon im April 2013 drei Menschen töteten und mehr als 260 verletzten.

Beliebt in der Schule, das Englisch akzentlos, auf Fotos an den jungen Bob Dylan erinnernd, schien er Fuß gefasst zu haben in seiner neuen Heimat, in die der Junge mit tschetschenischen Wurzeln im Alter von acht Jahren gekommen war. Anders als Tamerlan, der Bruder, der von einer Karriere als Profiboxer träumte, sein Ziel nicht erreichte und wohl auch aus Verbitterung mit radikalislamischen Ideen zu sympathisieren begann. Dschochar, wird die Verteidigung argumentieren, stand förmlich im Bann des Älteren, der ihn steuerte wie einen Roboter.

Doch die Worte, die er, damals 19, kurz vor seiner Festnahme an die Innenwand eines Bootes gekritzelt haben soll, in dem er sich vor der Polizei versteckte, zeichnen ein anderes Bild. "Die US-Regierung tötet unsere unschuldigen Zivilisten", das dürfe nicht ungesühnt bleiben. "Wir Muslime sind ein Körper. Wer einen von uns tötet, tun uns allen weh." Im John Joseph Moakley Courthouse, einem Bundesgericht in Boston, hat am Mittwoch das Verfahren gegen Zarnajew begonnen.

Wirbel um Auswahl der Jury

Vorangegangen war, mehrfach vom Schneechaos unterbrochen, eine Auswahl der Jury, die allein schon für Wirbel sorgte. "Ich glaube, das ist etwas, womit ich zu kämpfen hätte", sagte etwa der Kandidat mit der Nummer 43, Pharmalaborant, einer von 1373 potenziellen Geschworenen, die Anfang Januar zur Wahl standen. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich so gestrickt bin, dass ich zu jemandes Tod beitragen kann." Wird Zarnajew für schuldig befunden, kann es die Todesstrafe bedeuten. Wer der 18-köpfigen Jury angehören wollte, sechs Ersatzleute inbegriffen, durfte Todesurteile also nicht grundsätzlich ablehnen. Eine Stadt, die sich als tolerante, aufgeklärte Bildungsmetropole Amerikas versteht, stürzte es in tiefe Gewissenskonflikte.

Mehrheit gegen Todesstrafe

Nach einer Umfrage des "Boston Globe" sind zwei Drittel ihrer Bewohner dagegen, den Angeklagten zu exekutieren. Und bereits 1984 hat Massachusetts, der Bundesstaat, in dem Boston liegt, die Todesstrafe aus seinen Statuten gestrichen. Zarnajew aber steht vor einem Bundesgericht, in seinem Fall gelten die Gesetze der amerikanischen Föderation, und die lassen eine Hinrichtung explizit zu.

Verteidigt wird er von Judy Clarke, einer Spitzenanwältin, die schon andere Todeskandidaten vor der Giftspritze bewahrte, zum Beispiel Eric Rudolph und Jared Loughner. Rudolph hatte 1996 im Olympiapark von Atlanta einen Sprengsatz gezündet, Loughner 2011 vor einem Supermarkt in Tucson ein Blutbad angerichtet und die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords so schwer verletzt, dass sie Monate brauchte, um wieder sprechen zu lernen. In Boston drängte Judy Clarke immer wieder darauf, die Verhandlung an einen anderen Ort zu verlegen.

Keine Unbefangenheit

Die Marathonbomben, gab sie zu bedenken, hätten die Stadt derart am Nerv getroffen, dass es unbefangene Geschworene praktisch nicht geben könne: "Jeder in der Region ist im Grunde selber ein Opfer". Viermal in Folge schmetterte George O’Toole, der zuständige Richter, das Ansinnen ab. Aber wie schwierig es ist, in Boston eine neutrale Jury zu finden, auch das machte der Auswahlmarathon klar.

Da war die Kandidatin Nr. 40, klug, aufgeschlossen und unvoreingenommen. Mit dem Peace Corps half sie als Freiwillige in Nepal, daheim setzte sie sich für Schwulenrechte ein und kämpfte für bessere Schulen. Kurzum, ein perfektes Spiegelbild der liberalen Hochburg Boston, scheinbar die Idealbesetzung. Doch als O’Toole die Frau nach persönlichen Verbindungen zu Opfern des Attentats fragte, musste sie lange um Fassung ringen. Sie kannte Martin Richard, den jüngsten der drei Toten; der Achtjährige hatte in ihrem Viertel gelebt. Als Unparteiische war sie damit ausgeschieden. (Frank Herrmann, derStandard.at, 4.3.2015)

  • Dschochar Zarnajew (Zweiter von rechts) bei Prozessbeginn.
    foto: apa/epa/collins

    Dschochar Zarnajew (Zweiter von rechts) bei Prozessbeginn.

  • Ein Standbild aus einem Video zeigt den Augenblick der Explosion
    foto: ap photo/wbz-tv

    Ein Standbild aus einem Video zeigt den Augenblick der Explosion

  • Die Presse wartet vor dem Gerichtsgebäude.
    foto: ap/dwyer

    Die Presse wartet vor dem Gerichtsgebäude.

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