Psychisch Kranke in Österreich besonders von Arbeitslosigkeit betroffen

6. März 2015, 07:00
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OECD: Heimische Betriebe interessieren sich wenig für die Gründe von Krankenständen

Berlin/Wien - Die Zahlen der OECD sind erschreckend. Jeder Fünfte im erwerbsfähigen Alter leidet aktuell unter psychischen Problemen. Einmal im Leben hat sogar jeder Zweite mit mentalen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Die Folgen sind gravierend. Die direkten (Ausgaben für das Gesundheitssystem) und indirekten Kosten (steigende Sozialleistungen) liegen im Europaschnitt bei 3,6 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP). Für Österreich ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Schaden von 11,8 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen nicht bezifferbare Kosten durch die sinkende Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter.

Die Betroffenen haben ein wesentlich höheres Armutsrisiko, sie leben doppelt so häufig in Haushalten mit geringem Einkommen, wie aus einer aktuellen OECD-Studie hervorgeht. Dabei wurden neun Länder – darunter Österreich – näher unter die Lupe genommen.

Die Dimension des Problems ist vielen Staaten offenbar noch gar nicht richtig bewusst. In keinem Land gebe es eine umfassende Zusammenarbeit von Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik, die aus Sicht der Experten nötig wäre, um den Betroffenen eine optimale Hilfe anbieten zu können. Zwar kann Stress in Beruf und Ausbildung psychische Probleme verstärken. Bei entsprechender Unterstützung sei aber ein positiver Einfluss auf den Verlauf der Krankheit möglich.

Schlüsselrolle Schule

Vor allem der Schule komme daher eine "Schlüsselrolle" zu. Mehr als die Hälfte aller psychischen Erkrankungen gingen auf die Kindheit und Jugend zurück. Empfohlen werden Investitionen in Schulprogramme für psychische Gesundheit und entsprechend qualifizierte Fachkräfte. Explizit gelobt wird das österreichische Jugendcoaching-Programm, das 2012 eingeführt wurde und sich vor allem an Lernende der 9. Klassen richtet.

Sind allerdings bereits Probleme vorhanden, hat man es auf dem heimischen Arbeitsmarkt alles andere als leicht. Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Österreich am höchsten. Bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen – etwa Angstzuständen oder Depressionen – schnitten Dänemark und Belgien schlechter ab. Nimmt man den Schnitt aller neun Länder, gilt: Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist für psychisch Erkrankte doppelt so hoch wie für Gesunde.

Relativ schlecht schneidet Österreich auch bei der Beschäftigungsquote ab. Was allerdings berücksichtigt werden muss: Die Datenlage ist in beiden Fällen uneinheitlich. So basieren die österreichischen Werte auf den Jahren 2006/07, für andere Länder gibt es aktuellere Zahlen.

Unklar ist noch, wie sich in den vergangenen Jahren eingeleitete Reformen auswirken werden. In Österreich gibt es seit 2013 die Pflicht für Unternehmen, Arbeitsplätze auf psychische Belastungen zu untersuchen. Da die Umsetzung konkreter Maßnahmen aber freiwillig ist, befürchtet die OECD, es werde zu keinen wesentlichen Verbesserungen kommen. Eine Evaluierung dazu liegt jedenfalls noch nicht vor.

Beleuchtet wurde von der OECD auch das heimische Programm "Fit2work". Dabei wird Menschen, deren Job wegen gesundheitlicher Probleme gefährdet ist oder die Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Stelle zu finden, eine kostenlose Beratung angeboten. In der Studie wird aber die geringe Verbreitung kritisiert (nur jeder Zehnte bei den Langzeitkrankenständen). Generell sei Österreich das Land, in dem die wenigsten Betriebe Analysen über die Gründe von Krankenständen anstellen würden.

foto: dpa/oliver berg
Laut OECD überlegen sich die Firmenchefs zu wenig, wie sie bei Problemen der Mitarbeiter gegensteuern könnten

Eingeschränktes Angebot

Und schließlich werden auch die Bemühungen der Regierung erwähnt, medizinische und berufliche Rehabilitationsprogramme auszubauen, damit sich Menschen über 50 nicht gleich in die Invaliditätspension verabschieden. Bemängelt wird aber, dass diese Angebote nicht für Selbstständige, Bauern und öffentlich Bedienstete gelten würden. Bezweifelt wird auch der erhoffte Einspareffekt von 700 Millionen Euro bis 2018.

Der Rat der OECD ist jedenfalls klar: Krankenkassen und Arbeitsämter müssten in allen Ländern früher als bisher reagieren. Neben den Lehrern sollten auch Ärzte und Arbeitgeber stärker einbezogen werden. Der wichtigste Faktor im Kampf gegen psychische Krankheiten sei nämlich die Zeit. Je früher mit einer Behandlung begonnen werde, desto besser. Derzeit vergingen aber zwischen den ersten Anzeichen für mentale Störungen und dem tatsächlichen Therapiebeginn bis zu zehn Jahre. (Günther Oswald, DER STANDARD, 6.3.2015)

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