Schulen sollen ein Viertel des Lehrplans selbst bestimmen

4. März 2015, 18:04
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Die Neue Mittelschule hält nicht, was sie versprach. Auf das Evaluierungsergebnis folgte die Suche nach Lösungen. Autonomie scheint ein Schlüssel

Wien - Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek wurde von der Veröffentlichung des - wenig schmeichelhaften - Evaluierungsberichts zur Neuen Mittelschule offenbar überrascht und ließ sich dementsprechend Zeit, ehe sie auf die Kritik reagierte. Am Dienstagnachmittag hielt sie schließlich fest: "Die Neue Mittelschule ist ein starkes und ein gutes Projekt. Die Evaluierung zeigt, wo noch nachzubessern ist, doch die deutliche Verbesserung des Schulklimas und der Schulkultur zeigen den richtigen Weg."

Enttäuschte Erwartungen

Der Befund der Experten, knapp zusammengefasst: Im Vergleich zur alten Hauptschule ist die Neue Mittelschule nicht besser - was die Schülerleistungen anlangt, besteht für die Wissenschafter sogar Zweifel, ob das Hauptschulniveau "an allen Standorten tatsächlich erreicht wird". Zwar fallen einzelne Standorte bei der Untersuchung des ersten NMS-Jahrgangs positiv auf. Diesen "Modellklassen" stehen aber 53,6 Prozent der Klassen gegenüber, die wesentliche Komponenten erfolgreicher Neuer Mittelschulen nicht umgesetzt haben - etwa Teamteaching, offenen Unterricht, flexible Lerngruppen.

Auch wer sich erwartet hatte, die NMS würde einen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit leisten, wurde enttäuscht: Lediglich für Schüler mit Migrationshintergrund könnte es "ein kleiner Vorteil sein", diesen Schultyp zu besuchen. Heinisch-Hosek fasst die Ergebnisse so zusammen: "Es ist nicht eine einzelne, sondern die Gesamtheit aller Maßnahmen, die positive Effekte bringt - vor allem für die Schul- und die Lernkultur." Ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zu dieser neuen Lernkultur sei es, das Engagement der Lehrkräfte für die Schülerinnen und Schüler sicht- und erfahrbar zu machen, erklärte die Unterrichtsministerin.

ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer warnte im Gespräch mit dem STANDARD präventiv vor übereilten Reaktionen: "Ein, zwei, drei Einzelmaßnahmen werden keine Lösung sein." Er sieht sich mit dem Evaluierungsergebnis in seinen zentralen Forderungen bestätigt, nämlich dass es eine "Stärkung der Elementarpädagogik" und mehr "Autonomie" für den einzelnen Schulstandort brauche. Und genau hier sei man in der Bildungsarbeitsgruppe gerade auf gutem Weg.

Vertrag zu Lasten Dritter

Der von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) als Bildungsberater bestellte Andreas Salcher hält die 2012 von Rot und Schwarz paktierte flächendeckende Einführung der NMS für einen "Vertrag zulasten Dritter". Die Ergebnisse selbst kommen für ihn nicht überraschend. Weder habe der Plan, Teamteaching mit zwei Lehrern pro Hauptfach in der Klasse umzusetzen, funktioniert, noch sei es zur erwünschten sozialen Durchmischung gekommen. Salcher: "Das war von Anfang an eine unrealisierbare Erwartungshaltung." Auch er kommt zu dem Befund: Es braucht mehr Schulautonomie.

Schulautonomie neu gedacht

Die Expertengruppe aus Bund- und Ländervertretern hat genau dafür bereits einige weitreichende Neuerungen vorgelegt. Das Kapitel "Schulautonomie neu gedacht" umfasst demzufolge mehrere Ebenen. Im Bereich der Pädagogik: "Schulautonome Schwerpunktsetzungen, Abweichungen vom Lehrplan im Ausmaß von bis zu 25 Prozent und die Wahl von alternativen Leistungsbeurteilungen."

Schulorganisation neu gedacht umfasst beispielsweise die "autonome Gestaltung des Tagesablaufs oder die Unterscheidung zwischen Öffnungszeiten und Unterrichtszeiten".

Das Personal soll sich laut Konzept die Direktion künftig frei wählen, auch die zugeteilten finanziellen Mittel (inkl. Leistungsprämienbudget für besondere pädagogische Leistungen) sind frei verfügbar. Im Abtausch mit so viel Autonomie soll die Schul- und Unterrichtsqualität regelmäßig gemessen und veröffentlicht werden. Beschlossen ist das alles freilich noch nicht.

Für Heinisch-Hosek bleibt jedenfalls ein "zentrales Problem" bestehen: die soziale Spaltung des Schulwesens ab der 5. Schulstufe. (Karin Riss, DER STANDARD, 5.3.2015)

Wissen: Die Neue Mittelschule

Die Neue Mittelschule (NMS) ist keine Gesamtschule, parallel dazu bleiben die AHS-Unterstufen erhalten. Die NMS ist ein eigener Schultyp für die Zehn- bis 14-Jährigen und soll bis 2018 sukzessive an die Stelle der Hauptschule. Im laufenden Schuljahr gibt es in Österreich 1073 Neue Mittelschulen, darunter sind nur elf AHS-Unterstufen. Damit sind derzeit rund 96 Prozent der Hauptschulen zumindest teilweise in NMS umgewandelt. 2015/16 werden dann alle Hauptschulen zumindest in der ersten Klasse auf NMS umgestellt sein.

Für temporäre Gruppenbildung, Förder- und Leistungsmaßnahmen oder Teamteaching mit zwei Lehrern in der Klasse gibt es Zusatzmittel, im Gegensatz zur Hauptschule sind keine fixen Leistungsgruppen vorgesehen.

Wie schon in Hauptschulen werden an NMS Schüler mit und ohne AHS-Reife unterrichtet. Inhaltlich ähnelt der Lehrplan jenem des Realgymnasiums. Zusätzlich zu den Ziffernnoten werden im NMS-Zeugnis die individuellen Lern- und Leistungsstärken festgehalten. (APA, red, DER STANDARD, 5.3.2015)

  • Ernüchterung für Gabriele Heinisch-Hosek: Die Neue Mittelschule erfüllt nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Dennoch bleibt die Unterrichtsministerin dabei: Das sei ein "starkes und ein gutes Projekt". Nachbesserungen seien allerdings notwendig.
    foto: apa/ herbert pfarrhofer

    Ernüchterung für Gabriele Heinisch-Hosek: Die Neue Mittelschule erfüllt nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Dennoch bleibt die Unterrichtsministerin dabei: Das sei ein "starkes und ein gutes Projekt". Nachbesserungen seien allerdings notwendig.

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