Von der Arbeit mit Suchtkranken zur Psychotherapeutin

Interview7. März 2015, 18:09
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Die Hamburgerin Annika Waldhaus hat in der Arbeit mit Drogenabhängigen begonnen, sich vom Fischbrötchen belegen, über Call Center-Jobs zur Psychotherapeutin durch gearbeitet

derstandard.at: Wie kam es zu Ihrer Berufsentscheidung?

Waldhaus: Ich wollte immer schon Psychologie studieren, bin aber am Numerus Clausus für Psychologie in Deutschland gescheitert und hab dann ein Jahr in einem Altenheim in Hamburg gearbeitet. Damals, Mitte der 90-er, wurde der Hauptbahnhof in Hamburg geräumt, man wollte die Junkies weg haben. Ich fand das schrecklich, die können sich ja nicht in Luft auflösen - da wollte ich mit Drogenabhängigen arbeiten. Ich war 20 und habe als pädagogische Hilfskraft zum Spritzentauschen und für andere solche Hilfsdienste gearbeitet. Das hat mir total gut gefallen.

derstandard.at: Gut gefallen? Wie ist das denn auszuhalten - Elend, Sucht...

Waldhaus: Ich kann mich gut abgrenzen. Das habe ich im Altenheim gelernt, das war so eine Station für die, die keiner mehr haben will. In dieser Zeit gab es für mich auch eine Art Supervision. Es hat mir Spaß gemacht, weil ich sein konnte, wie ich bin. Man durfte dort auch "Scheiße" sagen....ich lass mir auch nichts gefallen und ich bin sicher nicht die, die sagt: ach komm, jetzt hör doch mal auf mit den Drogen, du Armer...

derstandard.at: Wie gings dann weiter?

Waldhaus: Ich bin nach Berlin und habe Erziehungs- und Kulturwissenschaften studiert. Daneben hatte ich eine Menge Jobs: Fischbrötchen belegen, Call Center-Arbeit, Pflegedienst...

derstandard.at: Sie mussten Ihr Geld immer selber verdienen?

Waldhaus: Ja. Und ich hatte damals eine Wohnung am Prenzlauer Berg mit Kohleofen - was die wohl heute kostet! Jedenfalls habe ich in Norwegen fertig studiert, ich bin via Erasmus-Programm dort hin. Dort wollte ich als Putze einen Job und habe keinen gekriegt. Ich habe im Kindergarten geholfen und dort die Sprache richtig gut gelernt. Dann habe ich eine Anstellung in einer Drogentherapie-Einrichtung gekriegt. Das war Arbeit mit Substituierten - in Norwegen geht es eher darum, die Junkies weg zu haben von der Bildfläche, da geht es nicht so um eine Wiedereingliederung.

derstandard: Sie sind aber nicht geblieben...

Waldhaus: Nein, nach drei Jahren wollte ich unbedingt wieder Psychotherapeutin werden. Das gab´s in Norwegen und Deutschland nur unter bestimmten Bedingungen, also bin ich nach Österreich. Ich kam mit drei Koffern, ohne Wohnung und mit einer richtig teuren Ausbildung am Haken. Meine Eltern haben die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Ich habe einen Job im Streetwork ergattert und dann in der Obdachlosenbetreuung in der Wiener Gruft gearbeitet, dann bin ich zur Drogentherapie im Wiener Schweizer Haus Hadersdorf gekommen.

derstandard.at: Sie haben die rund 30.000 Euro für die Ausbildung erarbeitet...

Waldhaus: Ja. Im Zuge der Ausbildung habe ich Carl Rogers gelesen und mich in die personenzentrierte Psychotherapie eingearbeitet - das war von Anfang an Meines. Nicht Werkzeugkiste, sondern der ganze Mensch und ich in der professionellen Rolle als Ermöglicherin. Sieben Jahre habe ich berufsbegleitend studiert. Im Februar war die Abschlussprüfung.

derstandard.at: Hurra?! Warum haben Sie sich aber parallel selbstständig gemacht? Ziemliches Risiko...Existenzängste?

Waldhaus: Hurra! Ich wollte nur mehr machen, was mir echt Spaß macht. Ich bin neugierig auf Menschen. Immer mehr. Und ich bin fasziniert von der unbeschreiblichen Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Lebenswirklichkeiten. Existenzängste? Ach, ich kann meine Ansprüche sehr gut hinunter schrauben. ich habe so viele Jobs gemacht, irgendetwas kommt immer. Ich bin demnächst in die offizielle Liste eingetragen, ich klappere die Ärzte hier in der Umgebung im 15. Bezirk ab, mache Mundpropaganda - das wird schon! Und ich habe ja noch Gruppen im Schweizer Haus und in der Strafanstalt Josefstadt. In zwei Jahren sollte eine solche Praxis ins Laufen kommen, sagt man mir.

derstandard.at: Was sind die Krankheiten der Zeit?

Waldhaus: Kann ich schwer beurteilen, ich habe immer mit Suchtleuten gearbeitet. Trennung, Einsamkeit vielleicht. Vielleicht kommen sich Menschen heute nicht mehr so nah...

derstandard.at: Wie empfindet die Norddeutsche Österreich, Wien?

Waldhaus: Das darf ich jetzt nicht sagen, oder? Es wird Sie überraschen: Ich vermisse die alltäglichen freundlichen Gespräche, das einander Beachten und freundlich ansprechen. Über Belangloses austauschen, zueinander gewandt sein.

Link: Annika Waldhaus lebt und arbeitet im 15. Wiener Bezirk

  • Annika Waldhaus: "Kann meine Ansprüche auch recht gut runter schrauben."
    foto: ho

    Annika Waldhaus: "Kann meine Ansprüche auch recht gut runter schrauben."

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