Rundschau: Eine Welt ist nicht genug

Ansichtssache28. März 2015, 10:00
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Terry Pratchett & Stephen Baxter: "Der Lange Krieg"

Broschiert, 492 Seiten, € 18,50, Manhattan 2015 (Original: "The Long War", 2013)

Wenn man sich die unfassbare Flut an Reaktionen auf den Tod Terry Pratchetts durchliest - ob von Berufskollegen oder von Fans -, dann kann man mit Fug und Recht behaupten: Terry Pratchett war einer der meistgeliebten Menschen auf dem ganzen Planeten. Was für eine wunderbare Bilanz eines Lebens - und vielleicht das Einzige, was noch schwerer wiegt als die Bücher, die er uns hinterlassen hat.

Noch in der Trauerphase ist nun der zweite Teil der Saga von der "Langen Erde" auf Deutsch erschienen, in der der unerreichte Meister der Funny Fantasy einen seiner seltenen Ausflüge in die Science Fiction unternahm und dafür mit Hard-SF-Autor Stephen Baxter kooperierte. Es ist nicht wirklich überraschend, dass die "Lange Erde" bei SF-Fans besser ankam als bei denen, die gerne einen weiteren Scheibenwelt-Roman gehabt hätten. Letztere beklagten, dass sie hier Pratchetts Handschrift vermissen würden. Aber das ist ein Irrtum: Ohne Pterry sähen diese Bücher nicht so aus, wie sie aussehen. Und sie wären nicht so gut.

The Big Picture ...

Zur Erinnerung: Im ersten Band der Reihe wurde eines schönen Tages der Bauplan einer billigen kleinen Erfindung veröffentlicht, die es Menschen ermöglicht, zu parallelen Erden zu wechseln. "Westlich" und "östlich" unserer Welt reihen sich ungezählte Millionen von Erden aneinander - jede ein bisschen anders als ihre Nachbarinnen, aber alle mit einer großen Gemeinsamkeit: Nirgendwo sonst als auf unserer alten Datumerde haben sich Menschen entwickelt. Ein noch nie dagewesenes Zeitalter der Kolonisierung beginnt.

Band 2 setzt 25 Jahre nach dem legendären Wechseltag ein. Inzwischen pendeln Twains genannte Luftschiffe zwischen tausenden neubesiedelten Welten, die zu nutzungsorientierten Großeinheiten wie dem "Minengürtel" oder dem "Weizengürtel" zusammengefasst wurden. China sprengt auf einer der Parallelwelten Teile des Himalaya weg, damit Zentralasien auch ein bisschen Regen abbekommt (geht's schief, probiert man halt "nebenan" was anderes aus). Und dann sind da noch Lücken in der Weltenreihe, in denen gar keine Erde existiert, weil sie in dieser Variante der Wirklichkeit einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen ist. Über solche Lücken kann man de facto "zu Fuß" in den Weltraum wechseln (was in Band 3 noch eine Rolle spielen wird). All das ist typisch Stephen-Baxter'sches Denken im großen Maßstab.

... und die großen kleinen Dinge des Lebens

Pratchett kommt da ins Spiel, wo Baxters Fähigkeiten seit jeher recht überschaubar waren: Der große Humanist verleiht dem Ganzen nämlich eine menschliche Note. Nehmen wir zum Beispiel eine Episode aus "Der Lange Krieg", in der ein Trupp US-Soldaten in einer nach Unabhängigkeit strebenden Kolonie abgesetzt wird, um den aufmüpfigen SiedlerInnen klarzumachen, dass Washington auch in parallelen Amerikas das Sagen hat.

Betreten stellen die strammen Krieger allerdings fest, dass sie zu doof waren, die nötige Ausrüstung mitzunehmen, um sich dort zurechtzufinden. Und so müssen sie sich von einem freundlichen Siedler mitnehmen lassen wie verirrte Touristen. Anstatt Eindruck für die Militärmacht der USA zu schinden, stehen sie letztendlich peinlich berührt im Versammlungshaus der Kolonie herum - in Socken, weil man vor dem Eintreten doch bitte die Schuhe ausziehen möge. So etwas konnte nur Terry Pratchett einfallen.

Amerikanische Themen

Im ersten Band verlegten die beiden britischen Autoren den Frontier-Mythos auf eine neue Ebene. Nun setzen sie mit weiteren uramerikanischen Topoi fort: der Sklaverei und der Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner. Beides dargestellt anhand der Trolle genannten Hominiden, die die Lange Erde bevölkern. Eine intelligente und friedliche Spezies, die keine Technologie entwickelt hat und aus eigenem Vermögen zwischen den Welten wechseln kann. Sie werden oft für körperliche Schwerarbeiten herangezogen, zudem setzt ihnen die unaufhaltsame Ausbreitung der Menschheit zu - so lange, bis die Trolle zu verschwinden beginnen, und niemand weiß, wohin.

Die "Ich will nicht"-Geste einer Trollmutter gebiert aber auch den Slogan derjenigen KolonistInnen, die sich von der Datumerde lösen wollen. Aus gutem Grund: Erst wurden sie nach der Emigration enteignet, jetzt sollen sie auch noch Steuern zahlen - und das alles für null Gegenleistung von daheim. Genüsslich lassen Baxter & Pratchett die "No taxation without representation"-Bewegung des 18. Jahrhunderts wiederaufleben. Nur sind die USA diesmal die herrschsüchtige Kolonialmacht. Die Spannungen steigen, es droht der im Titel angekündigte Lange Krieg.

Themen, Themen und noch mehr Themen

Darüberhinaus werden wie schon in Band 1 weitere Welten der Langen Erde mit immer seltsameren Lebensbedingungen erkundet. So bricht eine chinesische Expedition zur symbolischen 20-Millionen-Welten-Marke im Osten auf. Mit an Bord das hochbegabte Mädchen Roberta Golding, das bereits das nächste Thema ankündigt: das erste Auftauchen eines neuen Menschen, eines Homo superior. Außerdem werden weitere intelligente Spezies entdeckt, und zu allem Überfluss beginnt auch noch der Yellowstone-Supervulkan Probleme zu machen. Eh schon wissen: Der, der etwa alle 650.000 Jahre ausbricht und zuletzt vor ... etwa 650.000 Jahren ausgebrochen ist.

Die riesige Themenfülle - ein typisch Baxter'sches Phänomen, for better, for worse - erfordert natürlich ein entsprechend großes Personal. Mit dabei sind neben einigen neuen Hauptfiguren auch wieder die versierten WechslerInnen Sally Linsay und Joshua Valienté. Letzterer mittlerweile in einer verschlafenen Kolonie namens Weiß-der-Kuckuck-wo ansässig und glücklich verheiratet ... und seine Frau ist so richtig gar nicht begeistert davon, dass er wieder zum Weltenwandern aufbricht. Aber wenn der Lockruf der Langen Erde erschallt, was soll man dann tun! Selbst die mittlerweile schwer kranke Polizistin Monica Jansson kann sich dem nicht entziehen und mischt wieder kräftig mit.

Skynet lächelt dir zu

Und dann ist da natürlich noch Lobsang, der mehr denn je hinter den Kulissen die Strippen zieht. Und was auch immer er vor seiner Existenz als Künstliche Intelligenz ursprünglich war - inzwischen hat er sich zu einer Art freundlichem Skynet mit ungezählten Backups entwickelt, die einfach überall sind, um den Fortschritt der Menschheit zu gewährleisten.

Seine Beinahe-Allmacht ist Lobsang schon selbst unheimlich geworden: Genug, um sich mit einem Bewusstseinsupload der verstorbenen Nonne Schwester Agnes einen digitalen Widerpart zu erschaffen. Die fluchende, motorradfahrende und gerne handgreiflich werdende wilde Hummel soll gewissermaßen das Orakel seiner Matrix werden. Mit dem Vergleich hab ich jetzt zwar zwei Filmreihen in einen Topf geschmissen, aber gab es nicht ohnehin Pläne, die "Terminator"- und "Matrix"-Franchises verschmelzen zu lassen? Was ist daraus eigentlich geworden? Lobsangs postmortale Existenz und sein Weg zur Quasi-Göttlichkeit sind zugleich Anlass für Gedanken über Religion, die auffallend oft in "Der Lange Krieg" auftauchen.

Rechnet man das alles zusammen, kommt man auf einen Roman, der hart an der Grenze der inhaltlichen Belastbarkeit steht (mir aber trotzdem fast so gut gefallen hat wie sein Vorgänger). Da die "Lange Erde" als Reihe konzipiert war - Band 3, "The Long Mars", ist auf Englisch bereits erschienen -, musste man sich bislang keine Sorgen machen, dass das alles nicht noch in befriedigender Form abgehandelt werden würde. Doch nun, nach Pratchetts Tod? Es ist zu befürchten, dass nach der Scheiben- und unserer Rundwelt nun eine dritte verwaist zurückbleiben wird.

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