Zentralafrika: In Enklaven gefangen oder durchs Land getrieben

3. März 2016, 13:01
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Seit Jahrzehnten herrscht immer wieder Krieg im Land, allein seit Jahresbeginn haben Kämpfe 50.000 Menschen neu vertrieben

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik benötigt humanitäre Hilfe, das sind rund 2,7 Millionen Menschen. Seit Beginn des heurigen Jahres sind durch den Ausbruch von neuen Kämpfen 50.000 mehr Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden und flüchteten entweder in andere Landesteile oder über die Grenzen. Bereits seit Mitte 2012 tobt der Krieg zwischen den mehrheitlich christlichen Anti-Balaka-Truppen und den mehrheitlich muslimischen Séléka-Kämpfern – mittendrin internationale Friedenstruppen und vor allem die Millionen betroffenen Zivilisten.

Die Menschen, die es auf ihrer Flucht in eines der Lager geschafft haben, erhalten zumindest Unterstützung von den Hilfsorganisationen vor Ort. Viele Vertriebene schaffen es aber nicht so weit und verstecken sich monatelang im Busch – ungeschützt der Witterung, Krankheiten und Mangelernährung ausgesetzt. So erzählt Dalia Al Achi vom UNHCR von ihrer Begegnung mit einer Frau, die es acht Monate lang schaffte, ihre neun Kinder im Busch vor Gewalt zu beschützen. Das jüngste Kind gebar sie während dieser Zeit, hatte aber zu wenig Milch, um es zu säugen, und schlug sich schlussendlich bis in eines der Lager durch.

karte: derstandard.at/bauer

In Enklaven gefangen

Die Binnenflüchtlinge in der Peripherie sind aber nicht die einzigen Menschen in Not, die für die Helfer nur schwer erreichbar sind: In insgesamt sieben Enklaven, die über das Land verteilt sind, sind muslimische Nomaden von Anti-Balaka-Truppen eingekreist und werden festgehalten. Vor allem die Situation von 474 Menschen in Yaloke, im Westen des Landes und 200 Kilometer von der Hauptstadt Bangui entfernt, ist fatal. Obwohl sich internationale Soldaten im Gebiet befinden, sind die Mitglieder der Peuhl-Minorität noch immer Bedrohungen und verbaler und physischer Aggression ausgesetzt.

Der Berichterstatter für die Vereinten Nationen in Bezug auf Binnenflüchtlinge, Chaloka Beyani, forderte deshalb Ende Februar dazu auf, das Recht auf Freiheit für diese Nomaden zu respektieren. "Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich um indigene Menschen mit einem gewissen Lebensstil handelt, deren Art zu leben darin besteht, Vieh zu züchten, und dass der Schutz dieses Lebens vorrangig ist", so Beyani in einem Interview mit dem UNHCR.

foto: reuters/goran tomasevic
Séléka-Kämpfer versorgen ein krankes Kind in der Zentralafrikanischen Republik.

Schwacher Staat

Für Beyani sind die Hauptgründe für die Gewalt im Land die fehlende Infrastruktur und die mangelhafte demokratische, soziale und ökonomische Entwicklung der Zentralafrikanischen Republik. Im Zuge dessen würden sich die Menschen im Norden und Nordosten des Landes wie Bürger zweiter Klasse fühlen – vor allem Muslime wären vernachlässigt. Gleichzeitig sei es aber eine unzulässige Vereinfachung, den Krieg als religiösen Konflikt darzustellen. Seit Jahrzehnten herrscht immer wieder Krieg im Land, der Staat ist schwach, und in diesem Machtvakuum konnten sich die beiden verfeindeten Gruppen einnisten. Um den Konflikt aufzulösen, müsste man vor allem die beiden Gruppierungen entmystifizieren und ihnen die Macht nehmen.

Sowohl die Anti-Balaka als auch die Séléka heben in Teilen des Landes Steuern ein, etablieren ein eigenes Gesellschaftssystem und setzen sich so auch wirtschaftlich in den Gemeinschaften fest. Ihre Macht reicht teilweise bis in die Lager der Binnenflüchtlinge.

foto: ap photo/jerome delay
Ein muslimischer Bub vor einer christlichen Kirche. Den Krieg als religiösen Konflikt zu bezeichnen ist für den Berichterstatter der Vereinten Nationen eine unzulässige Vereinfachung.

Untersuchung durch den Internationalen Gerichtshof

Einen Versuch, die von beiden Konfliktparteien begangenen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, unternehmen zwei parallel laufende Untersuchungen des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. Der Chefankläger in dieser Sache, Fatou Bensouda, zeigte sich bei einer Pressekonferenz in der Zentralafrikanischen Republik Ende Februar davon überzeugt, dass Verbrechen von beiden Seiten begangen wurden, und rief die Bevölkerung auf, weitere Vergehen zu melden. "Diese Verbrechen müssen aufhören", sagte Bensouda und bedankte sich gleichzeitig bei der Regierung des Landes für die funktionierende Zusammenarbeit.

Trotzdem ist in vielen Teilen des Landes der Einfluss der Regierung nicht vorhanden. Al Achi stellt fest, dass "die Rechtsprechung wiederhergestellt werden muss". Weder Soldaten noch Polizisten seien in einigen Provinzen fähig, Verbrecher zu fassen und vor Gericht zu stellen. Dem stimmt auch Laurence de Barros-Duchêne von Ärzte ohne Grenzen zu. Die Hilfsorganisation, die einen großen Prozentsatz des medizinischen Systems in der Zentralafrikanischen Republik stellt, könne vielen Menschen nicht helfen, weil es zu gefährlich sei. Zwar will sich de Barros-Duchêne selbst nicht beschweren, doch würden die gezielten Angriffe auf Helfer und Hilfskonvois der internationalen humanitären Gemeinschaft zunehmen. Dabei hätten es die Kämpfer vor allem auf die Ladungen abgesehen, die sie entweder selbst oder für den Verkauf verwenden.

Flucht in die Demokratische Republik Kongo

Dass die Kämpfe Ende vergangenen Jahres wieder stark zugenommen haben, hat mehr als 19.200 Flüchtlinge über den Grenzfluss Ubangi in die benachbarte Demokratische Republik Kongo fliehen lassen. Dort treffen sie auf 10.000 weitere Flüchtlinge, die sich bereits in dem Gebiet aufgehalten haben. Das führt laut Ärzte ohne Grenzen dazu, dass die Trinkwasser- und Sanitätsversorgung in Gefahr ist. Krankheiten könnten sich schneller ausbreiten, und es gebe zu wenig Nahrung.

Deshalb würden viele Menschen wieder zurück über die Grenze reisen, um nach Essbarem zu suchen. Das lässt sie aber oft wieder zu Opfern von Gewalt auf der Seite der Zentralafrikanischen Republik werden. Laut UNHCR hat vor allem die sexuelle Gewalt in der Grenzregion stark zugenommen. Mädchen werden von Kämpfern entführt und vergewaltigt, viele Fälle werden aber nicht gemeldet. (Bianca Blei, derStandard.at, 3.3.2015)

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