Jugendarbeiter: Reaktion auf Extremismus kommt zu spät

3. März 2015, 05:30
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In Innsbruck wurde eine Extremismusberatung eröffnet. Erreicht würden damit aber nur Angehörige, nicht die Betroffenen selbst. Jugendliche mit "Hinwendung" zur Terrormiliz IS gebe es auch in Österreich schon längst

Innsbruck - Vor etwa einem Jahr sei den Innsbrucker Jugendarbeitern aufgefallen, dass islamistischer Extremismus auch in Tirol angekommen ist. Damals kam regelmäßig eine Gruppe junger Männer ins "Z6", die zuerst vor allem "nationalistisch agiert" habe. "Das kannte ich und konnte ich zuordnen", sagt Elfi Oblasser, Leiterin des Jugendzentrums. Sie sei aber rasch stutzig geworden.

Die Jugendlichen hatten gewisse Codes für sich entdeckt: Den erhobenen Zeigefinger nutzen sie als Zeichen der Begrüßung - er ist die drohende Gebärde der Kämpfer für einen islamischen Staat -, irgendwann fanden die Mitarbeiter bei den jungen Männern eine schwarze Flagge, bedruckt mit der sogenannten Schahada, einem Glaubensbekenntnis. "Über Facebook konnten wir Querverbindungen herstellen", sagt die Jugendarbeiterin Elisa Dörler. Schlussendlich habe man eine "starke Hinwendung" zur Terrormiliz IS erkannt.

"Nichts mit Religion zu tun"

Die Gruppe wurde getrennt, die Anführer bekamen Hausverbot, man habe viel mit den jungen Männern gesprochen. Den Jugendarbeitern sei dadurch klar geworden: Es gibt einige Jugendliche in Österreich, die sich ausgegrenzt fühlen, die hier kaum Perspektiven haben, die von Kindheit an mit Diskriminierung leben - und für die könnte der sogenannte Heilige Krieg gefährlich verführerisch sein.

"Das hat überhaupt nichts mit Religion zu tun. Was die Kriegsmaschine IS propagiert, ist eine eigene menschenverachtende Ideologie", sagt Oblasser. Vor zwei Wochen wurde in ihrem Jugendzentrum eine Stelle für Extremismusberatung eröffnet. Sie richtet sich vor allem an Eltern, Freunde und Lehrer, denen auffällt, dass sich ein Jugendlicher verändert. Erste Anzeichen seien der Rückzug aus dem Familienleben, ein neuer Freundeskreis, keine Bereitschaft zu einem offenen, kritischen Gespräch - Dinge, die wohl auf die meisten Heranwachsenden irgendwann zutreffen.

Aussteigerprogramme

"Es ist heute schwer zu sagen, wer genau die Zielgruppe ist. Wir haben viel zu spät begonnen, uns mit dieser Form von Extremismus auseinanderzusetzen. Das Problem ist nicht neu, seit den Anschlägen in Paris und Kopenhagen ist es bloß sichtbar", sagt Oblasser. Für die Anziehungskraft der IS macht sie auch eine "seit Jahrzehnten gescheiterte Integrationspolitik" verantwortlich. Hinzu komme, dass Jugendliche leicht verführbar seien: "Man will auffallen, ausbrechen, ist auf der Suche nach Anerkennung", sagt Dörler. Junge Menschen zu radikalisieren sei einfacher, als viele denken.

Getan sei es mit Beratungsstellen nicht, schließlich könne man damit die direkt Betroffenen kaum erreichen. "Was wir dringend brauchen, sind Aussteigerprogramme, doch die gibt es derzeit weder in Deutschland noch in Österreich. Wir müssen diesen Menschen Alternativen bieten", sagt Oblasser.

"Opposition Islam"

Was sie in der Jugendarbeit derzeit erlebe, sei der gegenteilige Trend: Seit den kürzlich verübten Anschlägen würden muslimische Jugendliche zunehmend über Fälle von Diskriminierung aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit berichten. "Der Islam wird von der westlichen Welt derzeit zur Opposition stilisiert. Dabei wäre das Schlüsselwort doch Inklusion." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 3.3.2015)

"Jihadismus" in Österreich

Salafismus bezeichnet eine ultrakonservative islamistische Strömung, die sich streng an der Frühzeit des Islam orientiert. Die Szene ist aber keine in sich geschlossene Bewegung. Eine Minderheit der jihadistischen Salafisten will ihre Ziele mittels Gewalt durchsetzen.

Rund 190 Österreicher sollen bereits in den Irak und nach Syrien in den sogenannten "Heiligen Krieg" gezogen sein. Mehr als 60 mutmaßliche Jihadisten seien zurückgekehrt. (mika)

  • Jugendliche mit "Hinwendung" zur Terrormiliz IS gebe es auch in Österreich schon länger, berichten Jugendarbeiter. Das Problem sei nicht neu, doch erst seit den kürzlich verübten Anschlägen "sichtbar".
    foto: apa / dpa / marijan murat

    Jugendliche mit "Hinwendung" zur Terrormiliz IS gebe es auch in Österreich schon länger, berichten Jugendarbeiter. Das Problem sei nicht neu, doch erst seit den kürzlich verübten Anschlägen "sichtbar".

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