Mark Lanegan: Nicht gerührt, bloß geschüttelt

2. März 2015, 15:47
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Der US-Sänger trägt den Ehrentitel "The Voice". Am Sonntag gastierte er in Wien. Auf seine Stimme ist Verlass, nicht jedoch auf seine Begleitband. Diese besteht aus farblosen Söldnern. Lanegan sollte sie zum Teufel jagen

Wien - Es geht ihm gut, er tanzt sogar. Okay, tanzen ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber in Liedern wie Gray Goes Black oder Ode To Sad Disco wiegt er seinen Resonanzkörper tatsächlich hin und her und banged seinen Head, wie man sagt, zumindest angedeutet. Das war nicht immer so. Früher stand er auf der Bühne wie angenagelt, den Mikrofonständer in Präsentiert-das-Gewehr-Stellung, scheinbar ungerührt.

Dabei ist die Rührung seine große Begabung. Er bringt sie mit seiner Stimme. Mit ihr vermag Mark Lanegan, ewiges Eis zum Schmelzen zu bringen. Am Sonntagabend war er diesbezüglich in Wien und konzertierte in der Szene. Ewiges Eis zu verflüssigen, ist heute dank unser aller Dasein keine Kunst mehr, aber wir reden gleich wieder von früher, als man sich um den Sänger aus dem Nordwesten der USA sorgte.

Der Ruf des heute 50-Jährigen schien nicht zu gewährleisten, dass man seiner noch oft ansichtig werden würde. Von selbstzerstörerischem Lebenswandel und verbotenen Substanzen als Brandbeschleuniger desselben war damals die Rede, unterfüttert von Anekdoten und Geschichten, die meist mit der Einschätzung "gesund ist das nicht" endeten.

Gemeinerweise schuf er zu jener Zeit seine besten Alben. Heute steht er mit einer angemieteten Band aus der internationalen Regionalliga auf der Bühne, groovt sich durch Songs aus seinen jüngeren Arbeiten und ist, trotz seines beeindruckenden Kellerbaritons, bei Weitem nicht so überzeugend wie in der gesundheitsschädlichen Vergangenheit.

Es zählt zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass Popstars Stellvertreterkriege für uns bürgerliche Sesselfurzer führen. Wir ergötzen uns an der Kunst, die ihren Untergang begleitet, bestaunen ehrfürchtig den Verfallsprozess, der natürlich von supriger Authentizität begleitet wird.

Schlechte Gesundung

Mark Lanegan, "Dark Mark", wie er aus vielerlei Gründen genannt wird, ist seiner Abwärtsspirale entkommen. Das ist schön, doch seine Musik krankt an dieser Gesundung, ist nie schlecht, doch es fehlt ihr das desperate Moment älterer Arbeiten.

Lanegan hat als Protagonist der Seattler Undergroundszene Ende der 1980er-Jahre Kurt Cobain Bluesmusik vorgespielt, er hat mit der Band Screaming Trees Psychedelic in den US-Postpunk einfließen lassen, selbstzerfleischende Soloalben eingespielt oder die besten Songs der Queens of the Stone Age gesungen. Seine Stimme wird einer Liga zugerechnet, in der neben ihm nur Tom Waits oder Lee Hazlewood ins Getränk brummen.

Dieser elitäre Umstand garantiert zwar immer eine halbwegs souveräne Show, doch da ginge mehr. Auf der Bühne der ansonsten programmmäßig komplett abgesandelten Szene Wien eröffnete er mit When Your Number Isn' t Up, einer dieser dunklen Balladen zum Thema Einsamkeit und Blutrausch, begleitet nur von einer Gitarre. Dann kam der Rest der Band und führte ihn in Gefilde gefälligerer Stücke, einer Chiffre fürs Mittelmaß.

Vor den dörflichen Discobeats des Drummers verkam Lanegan zu einer Amanda Lear ohne Schwung und Peitsche. Ein Stück wie Harbourview Hospital von seinem Album Blues Funeral klang gar nach U2 mit einem ordentlichen Sänger, blieb aber trotzdem - und deswegen - ein Graus. Das Problem ist die Band.

Diese besitzt weder Druck, Willen oder das Vermögen, mehr als gefälliges Geplätscher zu produzieren. Und das ist Gift für kantige Songs wie das im Original mit PJ Harvey aufgenommene Hit the City oder drückende Balladen wie One Way Street. Schwer nachvollziehbar, dass ein Könner wie Lanegan meint, mit dieser blassen Formation sein Auslangen zu finden. (Karl Fluch, DER STANDARD, 3.3.2015)

  • Man sieht es nicht, aber Mark Lanegan tanzt. Ein bisschen zumindest. Doch, das stimmt. Ehrenwort.
    foto: picturedesk / ctk michal krumphanzl

    Man sieht es nicht, aber Mark Lanegan tanzt. Ein bisschen zumindest. Doch, das stimmt. Ehrenwort.

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