Impfkritiker sind nicht im "Narreneck", viele posten "off topic"

Userkommentar2. März 2015, 18:01
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Anmerkungen zur Debatte über die Impfdebatte – Eine Posterin antwortet Michael Hufnagl

Als Userin des Online-STANDARD, die in den vergangenen Tagen einiges in den Forendiskussionen zum Thema Impfen gepostet hat – und sich dabei auch in Unhöflichkeit verwickeln ließ –, kam ich zwangsläufig auch zum Userkommentar von Michael Hufnagl vom 25. Februar 2015. Man soll sich ja immer bemühen, Dinge besser zu machen, also bin ich gerne bereit, konstruktive Kritik anzunehmen und als Befürworterin eines rationalen und wissensbasierten Dialogs entsprechende Anregungen in meine zukünftige Onlinekommunikation einzubauen. Das wiederum erfordert eine Reflexion der Kritik und ihres Gegenstandes.

Hufnagl beginnt seinen Kommentar mit dem Postulat, dass es eine "Menschenmasse" gibt, die "subversive Impfkritiker" verprügeln möchte, und zwar mit "selbstgefälligem Gejohle" weil sie sich "im Besitz der unwiderlegbaren Deutungshoheit" wähnt. Ich gebe zu, dass meine Bereitschaft zum Weiterlesen nach dieser Einleitung bereits merklich abgenommen hat. Aber ein österreichischer Kolumnist darf schon einmal ins Derbe greifen, wenn er nach einem Anfang sucht.

Oft völlig abwegige Nebendiskussionen

In den Foren ist es nun aber keineswegs so, dass Menschen, die Kritik an bestimmten Impfungen üben, von vorneherein "im Narreneck" stehen. Vielmehr werden sie zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die Frage nach der Erforderlichkeit einer Tollwut- oder FSME-Impfung im Zusammenhang mit Kritiken an Impfungen gegen hoch infektiöse Erkrankungen wie Masern, off topic ist. Das ist kein "Narreneck" sondern die Forderung, beim Thema der laufenden Diskussion zu bleiben. Was Hufnagl vielleicht nicht weiß: Viele der Stammposter in Foren, in denen es um Impfungen, Homöopathie oder Alternativmedizin geht, sind alte Hasen und Häsinnen. Sie wissen nur zu genau, dass man immer aufpassen muss, um nicht in völlig abwegige Nebendiskussionen über Dinge abgedrängt zu werden, die mit dem Thema des Forums im besten Fall einfach nichts zu tun haben und die im schlechtesten Fall in die tiefen Abgründe von gängigen und anderen Verschwörungstheorien führen.

Ablenkung in Foren

Wird bei einer Debatte über die Impfpflicht für Masern einem vorsichtigen Befürworter die Frage gestellt, ob er denn gegen Tollwut oder FSME geimpft ist, dann kann ich schon verstehen, dass Antworten darauf einen etwas gereizten Unterton bekommen. Tollwut und FSME werden durch infizierte Tiere übertragen; Tollwut wurde bei uns durch Impfungen (!) von Tieren, die sie übertragen können, ausgerottet, was ja eigentlich ein toller Erfolg moderner Medizin und Biologie ist. Bei manchen Auslandsreisen wird die Tollwut-Impfung noch empfohlen und angesichts der Tatsache, dass Infektionen mit Tollwut praktisch immer tödlich enden, erscheint das mehr als vernünftig. Nur haben die Tollwut- und die FSME-Impfung argumentativ rein gar nichts mit dem Problemkreis rund um die vollständige Eindämmung von hoch ansteckenden Infektionskrankheiten, die zwischen Menschen übertragen werden, durch eine hohe Durchimpfungsrate zu tun.

Dichtung und verdrehte Wahrheit

Solche Fragen dienen der Ablenkung. Impfung ist Impfung, scheinen die "Skeptiker" zu argumentieren, und weil manche nicht zwingend notwendig sind, dürfe man alle in Frage stellen. Man mische noch ein paar Schlagworte dazu, etwa "Big Pharma" will ja nur ein Geschäft machen und Ärzte reden nicht genug über die Nachteile von Impfungen, Impfungen sind wider die Natur und voller schrecklicher Inhaltsstoffe. Wegen dieser Mischung aus Dichtung und möglicherweise verdrehter Wahrheit empfinden es die "Skeptiker" als vollkommen gerechtfertigt, alles in einen Sack zu stecken und argumentativ zu einem Scherbenhaufen zusammen zu schlagen.

Strohmann-Armee

Hufnagl übernimmt diese Strohmänner der "Impfskeptiker" und setzt ihnen noch ein paar schöne Formulierungen auf wie "Todesfetisch, Grippe-Panik, Impf-Alarmismus". In der Folge baut er eine ganze Strohmann-Armee auf: gute Alternativmedizin, Körperbewusstsein statt Vorsorgeuntersuchung, "Götter in Weiß", die Geldgier der Pharmaindustrie und weit und breit kein "Pulverl gegen die eigene Arroganz". Um zum Schluss die Zielgerade noch ein bisschen auszudehnen: Weil Übergewicht von Kindern zwischen sieben und 14 ein zunehmendes Problem ist, möchte er lieber über deren "verantwortungslose Eltern" reden als über Sinn und Zweck von Impfungen.

Recht auf Polemik im Forum

Nun, am ehesten könnte man mit Hufnagls emotionalem Elaborat eine Verschärfung des Tons in den einschlägigen Onlineforen rechtfertigen. Er tut all das, wovor er die armen "Impfskeptiker" zu verteidigen meint, selber – gibt das nicht auch mir das Recht, andere Menschen mit den Mitteln der Polemik auf das Verquere ihres Denkens und Schreibens hinzuweisen? Aber wollen wir einmal nicht so sein: Ich verstehe, dass Menschen Ängste und Bedenken haben, und ich werde mich weiter bemühen, zu unterscheiden, ob jemand einfach zu wenig Informationen und entsprechende Angst hat oder ob jemand nur ein Troll ist, der kein Interesse an einer Auseinandersetzung hat – und meine Onlineäußerungen entsprechend anpassen. Ich fürchte nur, Herr Hufnagl vermag dazu nichts Erhellendes beizutragen. (Martina Thomasberger, derStandard.at, 2.3.2015)

  • Viele der Stammposter in Foren, in denen es um Impfungen, Homöopathie oder Alternativmedizin geht, sind alte Hasen und Häsinnen, die darauf achten, nicht in völlig abwegige Nebendiskussionen abgedrängt zu werden.
    foto: apa/dpa/arne dedert

    Viele der Stammposter in Foren, in denen es um Impfungen, Homöopathie oder Alternativmedizin geht, sind alte Hasen und Häsinnen, die darauf achten, nicht in völlig abwegige Nebendiskussionen abgedrängt zu werden.

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