Voyeurismus als Sozialutopie: "Newtopia" auf Sat.1

2. März 2015, 07:07
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Würden Sie mit diesen Menschen eine neue Gesellschaft gründen wollen? Auf in Woche 2 des Realityformats

Wenn sich Candy, selbst ernannter Freigeist, in einem Beisl mit seinen an eine zerzauste Dachsfellmütze erinnernden Haaren zu einem setzen und erzählen würde, dass er sich gerne im gebrauchten Badewasser anderer wäscht und ungefragt schildern würde, wie genau er Frauen zum Orgasmus bringt - die meisten würden sich, ohne auszutrinken, wegsetzen. Doch in "Newtopia", das Sat.1 als "größtes TV-Experiment aller Zeiten" verkauft, ist der 44-jährige Politologe, der aussieht wie eine 60-jährige Hippiekarikatur, ein "Star".

Vieles wurde von Privatsendern schon ersonnen. Nach Bauern, vertauschten Hausfrauen, partnersuchenden Nackedeis und diversen Containerwohngemeinschaften macht man auch mal gerne einen auf Sozialutopie. Der 1516 von Thomas Morus geschriebene Roman Utopia muss dabei ungefragt als Pate herhalten. 15 "Pioniere" sollen die ideale Gesellschaft in einer Scheune südlich von Berlin erschaffen. Fixstarter sind, wie in jeder Realityshow: Voyeurismus und Fremdschämen.

Pioniere sehen in dem berechenbaren, langweiligen Setting, so aus: ein kuschelndes Model, ein smarter Keyaccount-Manager, der erwähnte Freigeist, eine Architektin, die gern an schwarze Löcher in der Galaxie denkt, und andere "Typen", die das Castingteam wohl in Esozirkeln und Bars auflas.

Würden Sie mit ihnen eine neue Gesellschaft gründen wollen? Ihnen auch nur einen Gebrauchtwagen abkaufen? Eben.

Sie kaufen sich Ofen, Make-up, Pizza und Schoko vom Startkapital von 5000 Euro, von dem am Freitag in Folge fünf noch knapp 4000 übrig waren. Einer muss dann immer raus, wie man es aus jenen Formaten kennt. Oft ist es der Zuseher. p derStandard.at/TV-Tagebuch

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