Information und Desinformation

1. März 2015, 17:27
114 Postings

Automatisierte Tweets streuten tausendfach Gerüchte

Die Ermordung von Kreml-Kritiker Boris Nemzow macht wieder einmal deutlich, dass Internetdienste wie Twitter zwar Nachrichten so schnell wie kaum ein anderes Medium verbreiten können; gleichzeitig wird aber auch klar, dass der Anteil an ungesicherten Informationen - oder von gezielter Desinformation - sehr groß und sogar dominant sein kann.

Wie Der Spiegel in seiner Onlineausgabe am Wochenende berichtete, nützten offenbar Kreml-nahe PR-Strategen soziale Netzwerke gezielt für ihre Zwecke. Neben zahlreichen Putin-freundlichen Nutzern und Kommentatoren wurden schon am Samstag in den frühen Morgenstunden - also nur wenige Stunden nach der Ermordung des Politikers - auf Twitter hunderte sogenannte Bots aktiv. Dabei handelt es sich um kleine Computerprogramme, die weitgehend automatisch in fast endloser Folge Aufgaben erledigen - zum Beispiel das wiederholte Versenden von Tweets. Für diese Vorgänge ist in der Regel keine Interaktion mit einem menschlichen User notwendig; die Bots - der Begriff ist von "Roboter" abgeleitet - agieren automatisiert.

Am Wochenende verbreiteten dutzende Bots den gleichen Satz, dem zufolge Nemzow auf obskure Weise "von den Ukrainern" umgebracht worden sei - und zwar, weil er jemandem "die Freundin ausgespannt" habe. Ungefähr zur gleichen Zeit verbreitete das Kreml-Portal Lifenews die Meldung über eine angebliche Abtreibung bei Nemzows Begleiterin.

Offener Hass

Später wurde via Bots ein weiterer Tweet verbreitet: "An alle Verräter des Vaterlands: Euer Leben ist euren Herren nichts wert." Auch hier vermutete der Spiegel eine konzertierte Aktion, um ein "trending topic" zu produzieren, also einen Twitter-Trend, auf den User automatisiert hingewiesen werden, auch wenn sie nicht gezielt danach suchen.

Auch offener Hass wurde formuliert: Als am Tatort der liberale Politiker Anatolij Tschubais auf Knien um seinen ermordeten Freund trauerte, twitterten viele, man hätte auch ihn erschießen sollen. (red, DER STANDARD, 2.3.2015)

Share if you care.