Ein Ammenmärchen für die Witwentröstung

1. März 2015, 17:41
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Julius Hays famos-zynisches Schauspiel "Haben" als Melodrama

Wien - Der Titel des Volksstückes Haben ist auch schon der ganze Witz. Eine ungarische Dorfgemeinschaft steht an der Schwelle zur Neuzeit. Die Armen darben, die Reichen werden immer reicher. Doch unter den Augen der Obrigkeit passiert Skandalöses: Der Tod hält reiche Ernte, er rafft ausnahmslos die Grundbesitzer dahin.

Das Land mit der "fetten Erde" fällt automatisch an die Witwen. Julius Hay (1900-1975), der jüdische Dramatiker mit den kommunistischen Wurzeln, lässt ein zynisches Gelächter erschallen. Es ist ausgerechnet die Hebamme des Dorfes, die allen Frauen, die ihre Gatten leid sind, das todbringende "weiße Pulver" überreicht. (So hatten sich die Kommunisten ihre Bodenreform ganz bestimmt nicht vorgestellt!)

Vergessener Klassiker

Im Wiener Volkstheater, wo Haben bereits 1945 auf dem Programmzettel stand, wird der vergessene Klassiker als schaurig schönes Melodrama neu erzählt. Regisseur Róbert Alföldi ist als geschasster Leiter des ungarischen Nationaltheaters ein besonders prominentes Opfer der nationalen Rückbesinnung in unserem schönen Nachbarland. In Wien hat er seinen Ausstatter Róbert Menczel eine matschige Böschung bauen lassen. Auf zwei Planken stolpern die Dörfler hinunter in die Niederungen des Daseinskampfes.

Ein Steg ragt weit hinein ins Parkett. In der Bühnenmitte aber steht das Heiligtum: eine Madonnenstatue hinter Glas. Im Schutz dieser Vitrine verbirgt die Amme Képes (Erni Mangold) das todbringende Mittelchen. Ihre neueste Kundin ist das Mädchen Mari (Andrea Bröderbauer). Die hat ihre Anstellung in der Stadt verloren. Das Kind des Polizisten Dani (Aaron Friesz) trägt sie unterm Herzen. Die Ehe mit dem Grundbesitzer Dávid (Haymon Maria Buttinger) soll sie für alle Zeiten sanieren. Überhaupt mit seinem Tod (Gott möge abhüten!) wäre sie fein heraus. Diesem vierschrötigen Mann schwillt ohnehin schon das Gesicht, denn er lebt in ständiger Angst vor dem Schlagfluss.

Reichhaltige Typenparade

Bröderbauer aber gibt ihrer Figur ein kostbares Erbe mit auf den Weg. Sie ist die spröde magyarische Schwester der Ödön-von Horváth-Fräuleins. Wenn ihr kleiner Streifenpolizist nach ihr ruft, lässt sie sich gerne dreimal bitten. Dafür zögert sie nicht, das, was ihr zusteht, von ihrer Umwelt einzufordern. Dann lässt sie sich von ihrem Staatsbeamten auch vor der Figur der Heiligen Jungfrau sexuell befriedigen. Die nüchterne Sachlichkeit Maris ist das eine Ereignis dieser unbedingt empfehlenswerten Inszenierung. Man bekommt eine reichhaltige Typenparade vorgesetzt. Die Kostüme aus dem Humana-Kleidersack lassen an die Armutsentwicklung der letzten Orbán-Jahre denken.

Zum anderen herrscht unter den Dörflern eine Gereiztheit, die für die Entwicklung dieser Gesellschaft nichts Gutes erahnen lässt. Der Faschismus, deutet Alföldi an, ist ein immer wiederkehrendes Phänomen. Er sitzt in den Herzen der Kleinhäusler, die da sind: der Trunkenbold von Priester (Patrick O. Beck), eine geschundene Figur. Der Arzt (Ronald Kuste), der sich frustriert durch die agrarischen Erzeugnisse frisst. Die Schulmeistersgattin (Wiltrud Schreiner), die Fortschritt wie eine erotische Heimsuchung ahndet.

Leistungsschau des Volkstheaters

Die Sache mit der Erbschaft geht für Mari nicht gut aus. Ihr "guter Geist" ist nämlich böse. Mangold brilliert mit ihrer im Schlaf gekonnten Figur der unnahbaren, dennoch volkstümlichen Alten. Eine Leistungsschau des Volkstheaters, der nicht alle Zuschauer gleichermaßen huldigen wollten. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.3.2015)

  • Heilige Hebamme, hilf: Erni Mangold (oben) schafft Trost
    foto: apa/techt

    Heilige Hebamme, hilf: Erni Mangold (oben) schafft Trost

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