"Ministerium kann sich bei Zentralmatura nicht abputzen"

2. März 2015, 05:30
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Ex-Bifie-Chef Günter Haider fordert volle Ministeriumsverantwortung für "staatliche Prüfung"

Wien - Es ist eine schwere Geburt. So ließe sich die seit vielen Jahren laufende Implementierung der Zentralmatura in Österreich samt diverser tatsächlicher, aber auch vieler bloß vermeintlicher Probleme bei der Umsetzung bisher kommentieren. Vor allem laboriere dieses bildungspolitische Projekt, das "grundsätzlich eine richtige und wichtige Maßnahme ist, weil sie Vergleichbarkeit der Zeugnisse bringt und eine laufende Qualitätskontrolle ermöglicht", aber an einem "schweren Geburtsfehler in der Abwicklung", kritisiert Bildungswissenschafter Günter Haider (Uni Salzburg): "Es ist eine staatliche Prüfung, und die hätte immer direkt beim Ministerium angesiedelt sein müssen", fordert er im STANDARD-Gespräch.

Die weggeschobene Verantwortung

Basis für die Zentralmatura seien ja auch Verordnungen und Gesetze. Tatsächlich aber "habe das Ministerium diese Prüfung irgendwann weggeschoben, weil es sie sich selbst nicht zugetraut hat - aber hintenrum haben sie doch immer versucht, alles irgendwie zu kontrollieren und sich in alles einzumischen", erzählt Haider, der 2008 Gründungsdirektor des Bildungsforschungsinstituts Bifie war und bis März 2013 den Standort Salzburg leitete.

"Schuld war immer das Ministerium"

Das Bifie, konkret der Standort Wien, ist es auch, das nun für die Umsetzung der Zentralmatura zuständig ist - und damit in einer Lage, die inakzeptabel sei, sagt Haider. Denn das Bifie Wien sei eigentlich immer quasi "eine ausgelagerte Abteilung des Ministeriums gewesen, wo auch immer jemand aus der Sektion I oder II Chef war". Zudem säße im Bifie-Aufsichtsrat eine Mehrheit an Ministerialbeamten: "Man hat sich jede Entscheidung hintenrum vorbehalten, aber die Probleme wurden immer ans Bifie delegiert. Schuld war aber in Wirklichkeit immer das Ministerium", sagt Haider. Das sei ja auch explizit in der Sachverhaltsdarstellung von Martin Netzer, einem der beiden 2014 wegen angeblicher Matura-Pannen geschassten Bifie-Direktoren, nachzulesen.

Fehlende Literaturliste für Deutschmatura

Tatsächlich liege es etwa eindeutig in der Verantwortung des Ministeriums, dass "Lehrpläne nicht rechtzeitig fertig geworden sind oder bis heute keine für alle verbindliche Literaturliste für die Deutschmatura da ist". Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) sei der Geduldsfaden gerissen, und sie habe mit der IG Autorinnen Autoren eine notwendige und nützliche Liste erarbeitet, mit der die Schulen die Schüler auf die neue Matura vorbereiten können.

"Mangelnde Professionalität"

Das alles falle für ihn unter "mangelnde Professionalität im Ministerium, die sich immer wieder zeigt", sagt Haider und fügt als "selbstverständlicher Befürworter der Zentralmatura" bedauernd hinzu: "Das gibt den Gegner immer neue Angriffspunkte und gute Gründe, sich zurückzulehnen und zu sagen: Funktioniert nicht, unnötig. Dieses unprofessionelle Vorgehen fügt dem Projekt Zentralmatura immer wieder Schaden zu."

Haiders Forderung lautet denn auch: Zentralmatura zurück ins Ministerium und Politik raus aus dem Bifie. "Die Zentralmatura ist vom Bifie völlig abzutrennen und muss in Ministeriumsverantwortung. Das Ministerium muss für Durchführung und Verantwortung dieser zentralen staatlichen Prüfung selbst zuständig sein."

Schlagkräftige Organisation aufbauen

Dafür müssten im Ministerium "geeignete Infrastruktur und qualifiziertes Personal zur Verfügung gestellt werden". Beamte mit entsprechender Expertise gebe es auch dort, und mit Experten aus dem Bifie Wien könnte man eine "gescheite, schlagkräftige Organisation schaffen, die von der Festlegung der Vorgaben über die Administration bis zur Qualitätskontrolle alles in ministerieller Verantwortung erledigt. Das Ministerium kann sich bei so einer großen, wichtigen staatlichen Prüfung nicht an anderen abputzen."

Politik raus aus dem Bifie

Das Bifie in Salzburg solle weiterhin Bildungsmonitoring (Pisa-, Pirls-, Timss-Studie und Bildungsstandards) machen: "Diese Arbeit macht das Bifie unwidersprochen seit Jahren gut. Aber man soll den Bildungsforschern nicht ständig irgendwelche Aufgaben und ungeeignete Leute aus dem Ministerium hinüberschieben, sondern das Bifie wirklich politisch unabhängig aufsetzen und arbeiten lassen." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 2.3.2015)

  • Bildungsforscher Günter Haider von der Uni Salzburg kritisiert die Auslagerung der Zentralmatura ins Bifie Wien als "schweren Geburtsfehler bei der Abwicklung" und verlangt eine Entpolitisierung des Bifie.
    foto: ap / hans punz

    Bildungsforscher Günter Haider von der Uni Salzburg kritisiert die Auslagerung der Zentralmatura ins Bifie Wien als "schweren Geburtsfehler bei der Abwicklung" und verlangt eine Entpolitisierung des Bifie.

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