Zehntausende bei Trauermarsch für Putin-Gegner Nemzow

1. März 2015, 17:57
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Der Mord an Putin-Gegner Boris Nemzow hat auch in Russland großes Echo ausgelöst. Im TV liefen Sondersendungen, in Moskau gab es einen Trauermarsch. Putin selbst vermutet die Täter in der Opposition – und fordert harte Strafen

Die Schätzungen gingen traditionsgemäß weit auseinander: Die Moskauer Polizei sprach zunächst von 7000 Marschierenden bei der Trauerkundgebung für den Freitagnacht ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow, später erhöhte sie die Zahl auf 16.500. Derweil erklärte einer der Organisatoren, Expremier Michail Kassjanow, die Zahl liege sogar über den genehmigten 50.000 Demonstranten.

Ein von der Opposition schon länger geplanter Protestzug war kurzerhand in einen Trauermarsch für Nemzow umorganisiert worden. Die Stadtverwaltung bewies dabei Takt. Sie kam den Demonstranten bei der Verlegung der Veranstaltung ins Stadtzentrum entgegen.

Viele Teilnehmer waren mit russischen Flaggen und Nemzow-Fotos ausgestattet. Vereinzelt gab es "Russland ohne Putin"-Rufe, doch insgesamt verlief der Marsch ruhig. Zusammenstöße mit Anti-Maidan-Demonstranten, die bei einer ähnlichen Aktion in Woronesch Redner mit grüner Farbe beworfen hatten, gab es in Moskau nicht. Der Marsch endete mit einer Kranzniederlegung auf der Moskworetzki-Brücke, wo Nemzow erschossen worden war. Kassjanow schlug vor, sie in Nemzow-Brücke umzubenennen.

Größere Vorfälle gab es zwar nicht, die Polizei nahm aber den ukrainischen Abgeordneten Alexej Gontscharenko fest. Er sei der Staatsanwaltschaft "zur Durchführung weiterer Prozesshandlungen übergeben" worden, heißt es. Festnahmen gab es auch in St. Petersburg, wo parallel 6000 Demonstranten an einer Gedenkfeier teilnahmen.

Unscharfe Aufzeichnungen

Eine heiße Spur gab es vorerst auch zwei Tage nach dem Mord noch nicht. Aufgetaucht sind unscharfe Aufzeichnungen einer Überwachungskamera, die darauf hindeuten, dass der Täter an der Unterführung unter der Moskworetzki-Brücke auf sein Opfer gewartet hatte und nach der Tat in ein helles Fluchtauto stieg.

Medienberichte über das angebliche Auffinden des Fahrzeugs dementierte das Ermittlungskomitee. "Ich würde darum bitten, gegenüber derartigen Informanten vorsichtiger zu sein, weil es sich in der Regel um Desinformation und nicht selten um Provokation handelt", sagte der Sprecher der Behörde, Wladimir Markin. Am Sonntag startete das Ermittlungskomitee dann einen Zeugenaufruf: Personen, die den Mord gesehen hätten oder Informationen über die näheren Umstände besäßen, sollten sich melden, heißt es auf der Webseite der Behörde, die eine Belohnung von drei Millionen Rubel (43.000 Euro) bietet.

Streit gibt es um den Umgang mit der Kronzeugin Anna Durizkaja: Die 23-jährige Ukrainerin habe gebeten, in ihre Heimat zurückkehren zu können, schrieb die ukrainische Botschaft in einem Beihilfegesuch an das russische Außenministerium. Durizkajas Anwalt Wadim Prochorow klagte, Nemzows Begleiterin habe schon ausgesagt und an allen Ermittlungshandlungen mitgewirkt, werde aber nach wie vor von der Polizei in einer Moskauer Wohnung festgehalten. Das Ermittlungskomitee besteht auf der Notwendigkeit ihrer Beteiligung an weiteren Untersuchungen.

Die Erschießung des 55-jährigen Ex-Vizepremiers in direkter Nähe des Kremls hat in Russland gewaltiges Echo ausgelöst: Wurde Nemzow jahrelang von den staatlichen und staatsnahen TV-Kanälen ignoriert – er tauchte allenfalls in Beiträgen auf, in denen er und die Opposition diffamiert wurden –, so brachten die Sender am Wochenende Sonderprogramme und Talkshows zum Tod des Politikers, der zuvor von kremlnahen Kommentatoren als "politische Leiche" geschmäht worden war.

Russlands Führung reagierte mit Beileidsbekundungen. Präsident Wladimir Putin nannte den Mord eine "Provokation". In einem Telegramm an Nemzows Mutter versprach der Kreml-Chef, alles zu tun, "damit die Organisatoren und Vollstrecker des feigen und zynischen Mordes ihre gerechte Strafe erhalten". (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD, 2.3.2015)

Porträt: Boris Nemzow – Als Reformer vom Kreml in die Opposition

Wissen: Putins Kritiker

Der vorerst ungeklärte Mord an Boris Nemzow ist bei weitem nicht der erste spektakuläre Todesfall eines prominenten Kremlkritikers. Zuletzt soll Oligarch Boris Beresowski 2013 im britischen Exil Suizid begangen haben – ein Untersuchungsbericht des Parlaments lässt die Möglichkeit eines Mordes offen.

Die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa (2009) und die Journalistin Anna Politkowskaja (2006) wurden erschossen; die Hintergründe der Taten sind ungeklärt. Im Gefängnis starb 2009 der schwerkranke Anwalt Sergej Magnitski an einer Poloniumvergiftung, 2006 in London der Ex-KGB-Agent Alexander Litwinenko.

Im Straflager sitzt seit 2013 Sergej Udalzow, Mitbegründer der Anti-Putin-Demos 2012 - wegen angeblicher Anstiftung zur Gewalt. Sein Mitstreiter Alexej Nawalny wurde jüngst wegen Unterschlagung zu bedingter Haft verurteilt, sein Bruder Oleg erhielt eine unbedingte Strafe. Ex-Oligarch Michael Chodorkowski lebt nach fast zehn Jahren Lagerhaft im Exil. (red)

  • Die Organisatoren sprechen von rund 70.000 Teilnehmern.
    foto: reuters/maxim zmeyev

    Die Organisatoren sprechen von rund 70.000 Teilnehmern.

  • Erste Demonstranten am Sonntagnachmittag in Moskau in Gedenken an Boris Nemzow.
    foto: ap photo/dmitry lovetsky

    Erste Demonstranten am Sonntagnachmittag in Moskau in Gedenken an Boris Nemzow.

  • Demo-Vorbereitungen in Moskau.
    foto: ap/golovkin

    Demo-Vorbereitungen in Moskau.

  • Verstärktes Polizeiaufgebot in der russischen Hauptstadt.
    foto: reuters/karpukhin

    Verstärktes Polizeiaufgebot in der russischen Hauptstadt.

  • Trauer um Boris Nemzow in St. Petersburg.
    foto: ap/lovetsky

    Trauer um Boris Nemzow in St. Petersburg.

  • Zahlreiche Menschen besuchten am Samstag den Tatort.
    foto: reuters/karpukhin

    Zahlreiche Menschen besuchten am Samstag den Tatort.

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