Wolff: "Die Formel 1 ist nicht mehr so hip"

Interview2. März 2015, 10:13
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Noch laufen die Testfahrten in Barcelona, am 13. März aber hebt die Formel-1-Saison 2015 an. Das Team von Mercedes geht als Favorit ins Rennen. Doch davon will Teamchef Toto Wolff nichts wissen.

Standard: In der vergangenen Saison konnte Mercedes 16 von 19 Rennen gewinnen, Lewis Hamilton wurde Weltmeister. Was muss man 2015 trotzdem besser machen?

Wolff: Über den Winter stand die Haltbarkeit im Fokus. Ein Defekt hat Nico Rosberg das Rennen beim Saisonfinale gekostet, das gefällt uns nicht. Wir haben also eine Arbeitsgruppe aufgesetzt, um diese Probleme in den Griff zu bekommen. Die Herausforderung war, die Verlässlichkeit zu verbessern, ohne den Speed zu verlieren.

Standard: Welche Erkenntnisse konnte Mercedes dabei in mehr als tausend Testrunden gewinnen?

Wolff: Die Fahrten zeigen, ob wir Ergebnisse aus dem Labor auf der Strecke umsetzen können. Korreliert die Aerodynamik mit jener aus dem Windkanal? Entsprechen die auf dem Kurs generierten Werte bezüglich Hydraulik oder Elektronik unseren Berechnungen? Wir müssen wissen, ob das Auto die Erwartungen erfüllen kann.

Standard: Wie lautet die Antwort?

Wolff: Es sieht so aus, als würden wir nicht ganz falsch liegen. Aber man muss vorsichtig bleiben. Der Sport ist brutal ehrlich, es zählt nur die Stoppuhr. Ein Sprichwort sagt: "When the flag drops, the bullshit stops." Erst in Melbourne werden wir wissen, ob unsere Entscheidungen richtig waren.

Standard: Das ist doch branchenübliches Understatement.

Wolff: Wir müssen nicht Trübsal blasen. Aber es geht auch um Innovationskraft. Wir wissen nicht, wozu die üblichen Verdächtigen Ferrari, Red Bull oder McLaren in der Lage sind. Ferrari war schon bei den Testfahrten gut dabei. So schnell kann man nicht schauen, ist ein anderes Team voran.

Standard: Was hält ein Team nach dem Weltmeistertitel auf Trab?

Wolff: Wir müssen arbeiten, als hätte es diesen Erfolg nie gegeben. Ich bin in einem Dauerzustand der Unzufriedenheit, das macht mir das Leben nicht einfacher.

Standard: Aber eine kleine Pause wird man sich doch gegönnt haben.

Wolff: Natürlich, ein Spannungsabfall war notwendig. Man muss den Stress abbauen, den so eine Saison mit sich bringt. Das hat aber keine Auswirkung auf kommende Aufgaben. Einige Teams haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie mehrere Titel in Folge gewinnen können. Das ist auch der Anspruch von Mercedes.

Standard: Werden wir erneut einen Titelzweikampf zwischen Rosberg und Hamilton erleben?

Wolff: Dazu müssen wir den beiden zunächst ein Auto hinstellen, das um die Weltmeisterschaft fahren kann. Wenn uns das gelingt, ist eine Fortsetzung des Duells wahrscheinlich. Nico und Lewis haben sich 2014 hart bekämpft, sie werden es wieder tun. Ich sehe keinen davonziehen.

Standard: Hat man aus der Rivalität Lehren gezogen, oder wird es wieder krachen?

Wolff: Wir lassen die beiden Rennen fahren, das ist unsere Philosophie. Ich denke nicht, dass 2015 einfacher wird. Wir haben zwei Fahrer auf Augenhöhe, also werden wir wieder enge Situationen und Diskussionen haben. Sie werden nicht die besten Freunde sein, das darf man bei zwei Sieganwärtern nicht erwarten. Aber das Team ist in der Vorsaison gereift. Wir können mit solchen Situationen jetzt besser umgehen.

Standard: Es war der erste Titel für die Silberpfeile seit 1955. Trotzdem klagt man in Deutschland über sinkende TV-Quoten. Sind Sie ob der Resonanz enttäuscht?

Wolff: In Deutschland gibt es eine Sättigung, man könnte fast von einem Kater sprechen. Michael Schumacher und Sebastian Vettel haben gemeinsam elf Titel gewonnen. Und es gibt andere Sportarten, die die Massen begeistern. Die Formel 1 ist nicht mehr so hip wie Anfang der 2000er. Aber wir jammern auf hohem Niveau.

Standard: Fehlt es Mercedes im Motorsport an Strahlkraft?

Wolff: Bei uns stehen die Fahrer im Vordergrund. Sie sind unsere Gladiatoren, unsere Botschafter. Es geht im Sport stark um den Sportler selbst. Die Schicksale, Dramen und Erfolge der Piloten berühren uns.

Standard: Bei Ferrari ist der Pilot Nebendarsteller, Hauptsache, die rote Maschine läuft.

Wolff: Ferrari hat eine lange Geschichte in der Formel 1, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Auch Mercedes hatte ikonische Jahre in den Fünfzigern, dort knüpfen wir jetzt an. Wir wollen, dass der Funke überspringt. Das geht aber nicht von heute auf morgen.

Standard: Der mögliche Verlust eines Rennens in Deutschland wird die Aufgabe am Heimmarkt nicht erleichtern.

Wolff: Der Grand Prix am Nürburgring ist für uns ein wichtiges Rennen, das haben wir ausgesprochen. Aber die Austragung liegt in der Entscheidungsgewalt des Bernie Ecclestone.

Standard: Kommt Ecclestone nach seinem Korruptionsprozess weniger gerne nach Deutschland?

Wolff: Das spielt überhaupt keine Rolle, Ecclestone ist ausschließlich kaufmännisch interessiert. Er muss die Einnahmen weiterentwickeln, das ist sein Auftrag.

Standard: Bei aller Freude über wachsende Einnahmen, in Österreich waren Piloten erstaunt, dass am Freitag Menschen an der Strecke sind. Hat die Formel 1 den Fans nicht längst den Rücken gekehrt?

Wolff: Die historischen Strecken sind wichtig, und wir fahren auch in Monza oder Spa. Der Rechteinhaber will aber die Einnahmen optimieren, das ist verständlich.

Standard: Noch ist unklar, ob das Marussia-Nachfolgeteam Manor in Australien an den Start gehen darf. Wie steht Mercedes dazu?

Wolff: Wir hatten schon einen Verbleib von Marussia befürwortet. Aber die Formel 1 ist ein Haifischbecken, in dem sich auch die Kleinen bekämpfen. Wenn einer wegfällt, bleibt mehr für die anderen.

Standard: Stört Sie dieses Kalkül?

Wolff: Es ist unerfreulich. In einem Team arbeiten Menschen, von deren Einkommen hängen Familien ab. Wir brauchen sichere Jobs, alles andere ist sekundär. (Philip Bauer, DER STANDARD, 2.3.2015)

Toto Wolff (43) wurde in Wien geboren. Seine Karriere im Motorsport startete er 1992 in der Formel Ford. 2009 erwarb der Investor einen Minderheitsanteil an Williams F1. 2013 wurde er Nachfolger von Norbert Haug als Motorsportchef bei Mercedes.

  • Toto Wolff  ist unzufrieden, das ist ein Dauerzustand.
    foto: apa/techt

    Toto Wolff ist unzufrieden, das ist ein Dauerzustand.

  • Lewis Hamilton dreht seine Runden bei den Testfahrten in Barcelona. Die Zeiten machen Titelverteidiger Mercedes erneut zum Favoriten.
    foto: apa/ap/fernandez

    Lewis Hamilton dreht seine Runden bei den Testfahrten in Barcelona. Die Zeiten machen Titelverteidiger Mercedes erneut zum Favoriten.

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