Der Tod ist ein Vogerl

Kolumne1. März 2015, 17:00
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Sie war 43 Jahre lang meine Oma, meine Zeiten als Enkelin sind jetzt vorbei

Aber schau, sagen alle, so ein begnadetes Alter, so ein langes Leben, so viel Zeit, die sie hatte. Ja, ja, schon klar. Alle, die das sagen, die da trösten wollen, die haben schon recht. Und man fühlt sich selbst ein bisschen eigenartig, dass einen das alles so überraschend trifft. Immerhin hatte man sich doch die längste Zeit darauf vorbereiten können.

Siebenundneunzig Jahre, im achtundneunzigsten Lebensjahr, also fast hundert. Und so lange wohlauf. So lange ist es ihr gut gegangen. So lange war sie, wie sie das bis zuletzt immer ausgedrückt hatte, so gern auf der Welt. Und wir, wir hatten sie so gern auf der Welt. Ich kannte meine Oma seit 43 Jahren, besser noch: sie mich. 43 Jahre das Gefühl, der größte Schatz auf der Welt zu sein. Das will niemand missen, oder?

Alte Lockenwickler

Und ganz abgesehen vom Vorrücken in die nächste Generationenreihe, in die nächste Reihe Richtung Abgang: Sie fehlt. Sie fehlt mir beim Laufen im Augarten, wenn ich auf ein paar alte Kastanien trete, die noch aus dem letzten Herbst daliegen und die sie immer in ihren Manteltaschen hatte und unter dem Kopfpolster, um Kraft zu sammeln.

Sie fehlt mir, wenn ich neuerdings, so wie sie es ihr ganzes Leben getan hat, zum Frühstück Butterbrot und Marmelade esse. Sie fehlt mir, wenn ich beim Suchen die Schachtel mit den alten Lockenwicklern finde, mit denen ich ihr die grauweißen Haare eingedreht habe, immer, wenn sie bei uns in Wien auf Besuch war. Wo ist sie jetzt?, hat mein Vater gefragt, kurz nachdem sie jetzt gegangen war, mit dem traurigen, ernsten Gesicht eines Fünfjährigen.

Ein leises Piepsen

Tja, wo ist sie jetzt? Ich liege in der Wanne und lasse heißes Wasser nachlaufen, um mich ein bisschen zu erwärmen. Und plötzlich höre ich dieses zarte Piepsen, gleich hinter dem Fenster zum Lichthof, das niemand je öffnet und wo sonst nur manchmal die alten Tauben lästig gurren.

Piep, piep, piep! Ich denke nach über das Leben, das Sterben und Reinkarnation, über den katholischen Glauben meiner Oma, die Babytauben und den heiligen Geist. Wenn Menschen weg sind, die lange da waren, kommen komische Gedanken. Piep, piep, macht es leise. Wo ist sie jetzt? Ich weiß jetzt eine Antwort: auf jeden Fall bei uns. Irgendwo da draußen. Vielleicht sogar im Lichthof. (Mia Eidlhuber, derStandard.at, 1.3.2015)

  • Der katholische Glaube meiner Oma, die Taube und der heilige Geist.
    foto: apa

    Der katholische Glaube meiner Oma, die Taube und der heilige Geist.

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