Friaul mit Fanatikern

27. Februar 2015, 17:39
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"Hinrichtung": Werner Stanzls Italokrimi mit k. u. k. Bezügen.

Ein stimmungsvoller Einstieg in den frühen Morgen eines italienischen Dorfes wird radikal unterbrochen. An die Mariensäule auf der Piazza ist ein Mann gefesselt, ein Lastwagen kippt tonnenweise Geröll auf ihn.

Das wirkt wie eine moderne Steinigung. Und bei einer Steinigung befällt nicht nur Commissario Vossi automatisch die Assoziation islamistischer Gewalttäter. Da veranstaltet jemand eine grausame Inszenierung. Doch was soll damit gesagt werden?

Vossi gibt Auftrag, einen Koran und vorsichtshalber auch eine Bibel zu kaufen. Es hat ja kein Christenmensch mehr eine Ahnung von Bibeltexten. Man durchstöbert die heiligen Schriften nach Vorschriften für Steinigungen und wird hier wie dort fündig. Aber das hilft nicht weiter. Nach dem nächsten Mord kann eine Verbindung zwischen den Opfern hergestellt werden. Sie gehörten zur Gruppe des Opus Urbani, sozusagen zur supergeheimen Hardcore-Abteilung des Opus Dei.

Vossi begibt sich auf heikle Mission. Er muss mit dem Vatikan Kontakt aufnehmen, und das geht nicht so leicht, denn das kann politische Verwicklungen bringen. Um die Misere vollkommen zu machen, sind die meisten Leute in die Ferien abgetaucht, und der Papst will Redipuglia einen Besuch abstatten: ein ideales Ziel für einen Attentäter.

Werner Stanzl, ein Mitglied der Gründungsredaktion des Standard, Korrespondent in Bonn und Brüssel und seit 1995 freier Journalist und Schriftsteller, erliegt der Versuchung, möglichst viel von seinem politischen Wissen in den Krimi zu packen. Das ist verständlich, macht aber den Mittelteil etwas mühsam.

Viel Palaver um die Auslegung religiöser Texte – und vatikanische Intrigen könnten kürzer sein. Hingegen sind Stanzels Beobachtungen bei einer Pressekonferenz und die Abhängigkeit scheinbar unabhängiger Medien von ihren Großinserenten voll der Ironie und leichten Ekels. Amüsant auch die Verachtung des NSA-Obersten in Rom für die ineffizienten Italiener.

Der routinierte Krimileser wird bald vermuten, in welchem Eck der Terror lauert, daher ist die Spannung etwas draußen, wenn es in Friaul zum Showdown kommt. Stanzls Stärke liegt hingegen in der Schilderung dieser Landschaft. Commissario Vossi hat einen Assistenten aus Sizilien, der naturgemäß fremdelt. Er erklärt ihm – und dem Leser – geduldig die Geschichte dieser merkwürdigen Gegend, wo der Isonzo Soca heißt, Vertriebene aus Istrien, Slowenen und Italiener zusammenleben und die Ortsschilder mehrsprachig sind.

Viele sind "Epocanos", Nostalgiker, die den alten Zeiten nachtrauern und Kaisers Geburtstag am 18. August feiern. Stanzl versteht es, diese gleichsam aus der Zeit gefallene Atmosphäre fühlbar zu machen, und das gibt dem Krimi ein originäres Flair. (Ingeborg Sperl, Album, DER STANDARD, 28.2./1.3.2015)

Werner Stanzl, "Hinrichtung. Krimi". € 14,99 / 301 Seiten. Styria Premium, Wien/Graz 2015

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