Die besten Indie-Games im Februar: Wölfe im Vollkontaktsport

Ansichtssache1. März 2015, 12:00
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Der Dezember war dem Rückblick auf das Indie-Jahr 2014 vorbehalten und der Januar war einem Ausblick auf die spannendsten Indie Games 2015 gewidmet - das macht dieses "Best of" zum ersten des Jahres. Ganz zu Beginn ein Hinweis auf zwei bemerkenswerte Indies, die die Plattform gewechselt haben: Zum einen gibt es den wunderbar originellen Physik-Plattformer "Yet It moves" der österreichischen Entwickler Broken Rules nun auch für Apples iOS-Geräte - wer das inzwischen schon fast klassische Geschicklichkeitsspiel noch nicht ausprobiert hat, hat nun auch mobil die Gelegenheit, diese Indie-Bildungslücke zu schließen.

Zum anderen ist mit "868-Hack" von Michael Brough ein absoluter Gameplay-Geheimtipp in die Gegenrichtung von iOS auf Steam gewandert: Wer sich nicht von der Brough-typischen Optik abschrecken lässt, bekommt ein wahres Kultspiel nun auch für Windows und Mac.

Doch natürlich gibt es auch reichlich Neues: Hier sind die besten Indie-Spiele der vergangenen Wochen.

foto: sunless sea

Sunless Sea (Windows, Mac, ab 16,99 Euro)

Schon letzten Sommer würdigte der GameStandard die damals noch unfertige Early-Access-Version, nun ist "Sunless Sea" endlich final erschienen. Abgesehen von einem grundlegend neuen Kampfsystem, das nun nicht mehr rundenbasiert, sondern in Echtzeit abläuft, hat sich wenig verändert, und das ist eine gute Nachricht: Der britische Entwickler Failbetter Games hat sein bereits sehr gutes Early-Access-Spiel mit viel Feintuning, Detailverbesserungen und viel mehr Inhalt zu einem außergewöhnlichen fertigen Spiel veredelt - ein wahres Positivbeispiel für das Entwicklungsfinanzierungsmodell. Als Kapitäne auf dem unterirdischen Ozean erwartet Spielerinnen und Spieler ein einzigartig fantasievolles, höchst literarisches Spiel, das durch seine fantasievolle Welt immer wieder in Erstaunen versetzt. Eine Prise "Pirates!", ein wenig Roguelike, gelungene Optik, atmosphärischer Sound und eine Viertelmillion Wörter ergeben eine faszinierende Mischung. Dass bei hohen Auflösungen die Schriftgröße suboptimal klein ist, ist der einzige Wermutstropfen.

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foto: apotheon

Apotheon (Windows, Mac, Linux, PS4 ab 13,49 Euro)

Auch das optisch einzigartige "Apotheon" wurde vom GameStandard bei Erscheinen bereits ausführlich getestet. Das Action-Adventure verbindet konsequent die Optik antiker Vasen mit einem umfang- und abwechslungsreichen Streifzug durch die griechische Mythologie. Nicht nur Freunde des "Metroidvania"-Genres finden in "Apotheon" einen sowohl optisch als auch spielerisch gelungenen modernen Klassiker, der seinen einzigartigen Style mit einer großen Portion mehr als solidem Gameplay rechtfertigen kann.

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foto: darkest dungeon

Darkest Dungeon (Early Access: Windows, Mac 19,99 Euro)

Wer Early-Access-Spiele wegen einzelner schwarzer Schafe prinzipiell meidet, versäumt hin und wieder auch echte Perlen. "Darkest Dungeon" ist bereits jetzt fertiger (und stabiler!) als so manches Hochglanzspiel bei Release und lockt mit originellem Gameplay und stylischem Look schon jetzt zahlreiche Spieler in seine düsteren Kerker. "Darkest Dungeon" ist auch im Early-Access-Status absolut empfehlenswert - die offizielle Fertigstellung im Herbst soll lediglich mehr Inhalte nachliefern. Auch hier hat der GameStandard bereits einen ausführlicheren Blick riskiert.

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foto: deadnaut

Deadnaut (Windows, Mac Linux, ab 9 Euro)

Wenn in Science-Fiction-Klassikern wie "Aliens" Weltraumhelden und -soldaten zu gefährlichen Ausflügen auf unbekannte Raumschiffe oder Planeten ausschwärmen, werden sie stets aus der Ferne von Männern und Frauen hinter taktischen Bildschirmen unterstützt, die mal mehr, mal weniger hilfreich das geschehen an der Front überwachen. Das Unikat "Deadnaut" simuliert nun diesen Gefechtsstand und zeigt uns eine prozedural generierte Abfolge von teils recht atmosphärisch-unheimlichen Einsätzen auf im Weltall driftenden verlassenen Raumschiffen, auf denen unseren fünf Spezialisten ein Best-of des Weltraumhorrors droht. Der Minimalismus der Darstellung - als "Operator" sieht man das oft drastische Geschehen an Bord der geenterten Schiffe nur über die abstrakten Missionsschirme - steht großer Atmosphäre nicht im Weg, und das Echtzeit-Mikromanagement der kauzigen Einheiten verlangt überraschend viel taktisches Geschick.

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foto: frozen cortex

Frozen Cortex (Windows, Mac, Linux, ab 22 Euro)

Egal, wie schlau eine künstliche Intelligenz auch sein mag: Der Mensch ist nach wie vor des Menschen bester Wolf. "Frozen Cortex", der inoffizielle Nachfolger des taktischen Geheimtipps "Frozen Synapse", bietet nun ausgiebig Gelegenheit, seinen Mitmenschen eins auszuwischen. Im futuristischen Vollkontaktsport treten akrobatische Roboterteams in einer American-Football-Variante gegeneinander an, und zwar rundenweise und gleichzeitig. Zur Klarstellung: "Frozen Cortex" ist kein Sport-, sondern ein überaus herausforderndes Strategiespiel mit origineller Mechanik. Wie im Quasi-Vorgänger planen beide Kontrahenten die Bewegungen ihrer Spieler, die dann zugleich zur Ausführung kommen. Somit wird nicht nur strategisches Vorgehen wichtig, sondern vor allem das Erraten der gegnerischen Spielzüge. Was sperrig klingt, ist im Spiel selbst ein hochspannender Nervenkrieg mit Überraschungs- und Schockmomenten. Schön, dass beim Kauf des Spiels ein zweites Exemplar für potenzielle Mitspieler gratis dabei ist.

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foto: hand of fate

Hand of Fate (Windows, Mac, Linux, PS4, Vita, XBox One, ab 17,99 Euro)

Wenn das mal keine originelle Mischung ist: "Hand of Fate" des australischen Entwicklers Defiantgames verbindet Action-Brawler, Rollenspiel und Kartensammelspiel zu einem außergewöhnlichen Spielerlebnis. Bei der magischen Kartenpartie gegen einen mysteriösen Zauberer verwandeln sich die gespielten Karten zu Gegenständen, Ereignissen oder kurzen Actionsequenzen, in denen Spieler Fallen ausweichen oder aber in "Batman"-Manier gegen eine Vielzahl an kleinen und größeren Feinden antreten müssen. Die Karten der einzelnen "Partien" ergeben, gut durchmischt, sich immer wieder ändernde Abfolgen, die sich zu kleinen und später auch größeren Abenteuern zusammensetzen. Sowohl das eigene als auch das gegnerische Kartendeck, aus denen sowohl gute wie auch schädliche Ereignisse gezogen werden, erweitern sich im Lauf des Spiels - das "Deckbuilding", also das Perfektionieren der eigenen Kartenmischung, entwickelt sich im Verlauf der Kampagne zur großen Herausforderung und sorgt auch nach deren Ende im Endlosmodus für Langzeitmotivation. Die gelungene Präsentation und tatsächlich einzigartiges, solides und im späteren Spielverlauf herausforderndes Gameplay machen "Hand of Fate" auch für Kartenspielverächter interessant.

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foto: grav

Und sonst …?

Auch "Hot Tin Roof" (Windows, Mac, Linux, ab 13,49 Euro) ist ein schräger Hybrid: Das humorige Adventure mit dem passend bizarren Untertitel "The Cat That Wore A Fedora" verbindet eine fantasievoll-skurrile Noir-Detektivgeschichte mit 2D/3D-Puzzle-Platformer. Wer sich hingegen vom simplen Pixel-Look von "Depths of Tolagal" (Windows, Mac, Linux, ab 8,99 Euro) abschrecken lässt, versäumt ein taktisches Roguelike, das in seinen Kämpfen gegen unterschiedlich reagierende Gegnertypen ganz schön viel Strategie zu bieten hat.

Zum Abschluss zwei - unterschiedliche - Early-Access-Tipps für all jene, die nicht warten wollen:

"Chaos Reborn" (Windows, Mac, Linux ab 18,99 Euro) ist tatsächlich eine wiedergeborene Legende, die ihr nicht minder legendärer Schöpfer in die Gegenwart holen will. kein Geringerer als Julian Gollop, Vater der Original-"X-Com"-Reihe, lässt in seinem Strategiespiel für zwei Zauberer taktische Duelle mit Magie und Monstern wiederaufleben; schon jetzt ein herausforderndes und - bei auf den ersten Blick einfachen Basisregeln - erstaunlich komplexes Multiplayervergnügen.

"GRAV" (Windows, ab 18,99 Euro) hingegen lockt all jene, denen das Warten auf die bunten Science-Fiction-Universen von "No Man’s Sky" zu lange dauert und schickt seine Early-Access-Pioniere in eine noch zeitweise spielerisch raue, aber auf jeden Fall optisch beeindruckende außerirdische Sandboxwelt.

Schon ganz schön viel Bemerkenswertes im Indie-Jahr 2015. Dranbleiben: Es kommt noch einiges auf uns zu. (Rainer Sigl, derStandard.at, 29.2.2015)

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