Je glücklicher, desto nützlicher für die Firma

28. Februar 2015, 06:21
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Dem Unglück geht es jetzt an den Kragen: Von der Wirtschaft über Unternehmensführung bis ins Privatleben sind die Glücksproduzenten unterwegs. Im Fokus: "vorteilhafte Folgen"
für Individuum und Konzerne

Ökonomie, Wirtschaft und Politik schielen begehrlich auf das Glück des Einzelnen. Wollen es vermessen, herstellen, inkorporieren, verteilen und managen. Noch werden Wohlbefinden und sozialer Fortschritt im Westen in den Parametern des Bruttoinlandsproduktes gemessen. Die Glücksindustrie ist aber nach Ratgeberflut, Wunderpillen und Wunderwuzzis längst in neuen Dimensionen angekommen. Dabei war etwa das Glück im Job lang kein wissenschaftliches Thema: Für das Leid der Arbeit gibt es ja die süße Belohnung Einkommen. Deal!

Happyologie macht sich jetzt über die Disziplinen breit – im World Happiness Index der Uno, im Better Life Index der OECD, in Schulfächern (www.glueck-macht-schule.at), in Rotterdam wird zur Glücksforschung fleißig gesammelt und in die World Database of Happiness eingeschrieben. Glück ist auch das Thema in Mitarbeiterbefragungen, in Bonuskennzahlen von Führungskräften bis hin zu einem neuen Vorstandsjob: Chief Happiness Officers, die dafür sorgen, dass die Truppe schön happy ist. Top-down.Die Ansatzfläche für die Glücksproduzenten ist breit. Schließlich geht es um eine elementare Lebenssehnsucht.

Nützlicher Output

Der Nutzen ist gewaltig: Glückliche erbringen eine höhere Arbeitsleistung, zeigen mehr soziales Engagement, sind gesünder und haben mit größerer Wahrscheinlichkeit ein befriedigendes Privatleben, stabile Ehen, sagt der US-Psychologe Ed Diener, der gemeinsam mit Martin E. P. Seligman als Begründer der Glücksforschung gilt. "Vorteilhafte Folgen individuellen Glücksempfindens für die Gesellschaft" nennt Diener das.

"Wichtig ist auch eine gute Work-Life-Balance des Einzelnen, von der letztlich die ganze Wirtschaft profitiert", sagt der deutsche Volkswirtschaftsprofessor Karlheinz Ruckriegel, "denn ausgeglichene Mitarbeiter sind seltener krank und dem Unternehmen gegenüber loyal." Glück ist also gut – von der Produktivität bis zu den Gesundheitskosten und der Altersversorgung.

Es ist erstrebenswert angesichts der wachsenden Schar offen sichtlich Nichtglücklicher, die sich mit psychosomatischen Beschwerden, mit Erschöpfungssyndrom und Burnout ebenfalls in den Fokus mehr oder weniger besorgter Ökonomen, Firmenchefs und Politiker gerückt haben. Dabei jagen doch sowieso alle dem perfekten Glück wie einem Fetisch hinterher.

Ein Vogerl...

Wieso fliegt es so schnell davon? Es mag am Zwang zu einem ganz bestimmten Glück liegen, meint etwa der geschäftssinnige Münchener Psychologe Robert Betz, der mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat: Der Zwang zur Karriere, der Zwang, Kontakte zu pflegen, eine Bilderbuchfamilie zu "haben" und natürlich toll auszusehen.

Ein Leben aus der Dauerwerbesendung. Samt permanenter Fröhlichkeit – wer hat und kann das schon? Da stellt sich leicht das Gefühl ein, dem Goldstandard des Glücks nicht zu entsprechen, mit der Glückssuche gescheitert zu sein. Fachkollegen führen für das Scheitern neben einem permanenten Entsprechenszwang das riesige Möglichkeitsuniversum an: In einer globalisierten Welt, die so vieles bietet, wird es doch irgendwo noch einen tolleren Job, ein tolleres Haus, einen tolleren Partner geben. Man verpasst ja ständig etwas. Quasi "be happy or elsewhere".

Unhappy mit zu viel Facebook

Zum Beispiel in den sogenannten sozialen Netzwerken. Auch kein Glücksgarant. Forscher der TU Darmstadt und der Berliner Humboldt-Universität fanden kürzlich heraus, dass Facebook seine Nutzer tendenziell unhappy macht: Superpartys, Wahnsinnsreisen und sexy Freunde als Dauerzustand – an diesem virtuellen Ideal gemessen, muss das eigene echte Leben etwas grau aussehen. Tut es auch, denn das Facebook-Unglück tritt ein, sobald die virtuelle Perfektion mit Echtwelt-Kontakt verglichen wird. Zumindest stellt sich da das Gefühl ein, "ich müsste viel öfter glücklich sein". Also muss wieder alles optimiert werden.

Falsche Vorstellungen also und unerreichbare Ideale. Als Konsumgut einer hungrigen, satten Gesellschaft versagt das Glück. Aber auch irgendwie beruhigend, dass die Herstellung nicht dekaweise wie in der Wurstfabrik funktioniert. "Hedonistische Tretmühle" heißt, wenn mehr Konsum nicht mehr Glück bringt. Seit den 1970ern ist das Easterlin-Paradox mehrfach bestätigt, wonach Geld Lebenszufriedenheit kauft, aber ab einem gewissen mehr als absichernden Einkommen kein Glück.

Schlägt Sinn Geld?

Das steht mittlerweile auch in der anschwellenden Flut an Befunden zu den Generationen Y und Z, die unter dem Generalmotto "Sinn und Glück schlagen Geld" erscheinen. In den Arbeitsmarkt gelockt werden die Jungen hingegen mit allerlei Verheißungen. Gemixt wird ein süßer Cocktail aus Flexibilität, dem Gefühl der Selbstbestimmung und Freiheit, der Zugehörigkeit, des Verbundenseins, garniert mit etwas Glamour echter Unverzichtbarkeit und Bedeutsamkeit, versetzt mit Sozialem – vom Corporate Volunteering bis zur erweiterten Responsibility.

Im Kampf um die besten Jungen gilt ja immer noch: Du sollst keine andere Firma haben als meine. Die Organisationswissenschaften machen mit, von der demokratischen Holacracy, also der Entscheidungsfindung in großen Netzwerken, bis zur Boundaryless Organization, der vollkommenen Öffnung des Unternehmens intern wie extern, sind vielversprechende Labels im Spiel, die sich als Versatzstücke der Glückssehnsucht in der neuen Arbeitswelt präsentieren.

Doch unterm Strich ist dann doch jeder seiner Karriere Schmied und natürlich selber schuld, wenn sich das große Glück nicht einstellt. Immerhin sind weite Strecken der Karriere-, Arbeits- und Arbeitslosenlandschaft nicht gerade geeignet, allgemeine Glücksgefühle zu steigern. Zumindest schleicht sich allerorten das Gefühl ein, recht leicht ersetzbar zu sein. Oder stehen wir happyologisch an der Schwelle des Wandels zu neuen Gesellschaftsbildern, besserer Arbeit, gelingenderem Leben?

Michael Meyer, Karrierenforscher und Vizerektor der Wirtschaftsuniversität Wien, attestiert, es sei "wohl nicht unüblich, sich an der zeitgenössischen Einzigartigkeit und am Wandel zu berauschen. Die Beschäftigung damit ist ein Win-win: Bekommt man den Wandel konzeptionell oder gestaltend nicht in den Griff: Man ist entschuldigt, denn wer hätte es ahnen können, sind wir Zauberer? Und wenn es doch genau wie prognostiziert eintritt: Schaut her, was wir für Gurus sind."

Glückspropheten im Karrierenbereich sieht er allerdings auf eher wackeligen Beinen stehen. Einen Platz zum – erst einmal zufriedenen – Leben gebe es nun einmal dort, wo passende Arbeitsplätze verfügbar sind. Und auf die hat das Individuum keinen oder kaum Einfluss. " Überforderung und das erschöpfte Selbst sind die logische Konsequenz", attestiert Meyer.

Beziehungen, Gesundheit, sinnvolles Tun

Zurück zu dem, was die Disziplinen in quasi großindustriellem Zusammenschluss erzeugen wollen: emotionales und kognitives Wohlbefinden. Dabei geht es um das Verhältnis positiver und negativer Gefühle. Die Top drei: Soziale Beziehungen sind dafür am wichtigsten, lehrt auch die Hirnforschung. Gesundheit folgt, daran schließt sich eine befriedigende Tätigkeit (das muss nicht Erwerbsarbeit sein) an. Dass Glück als Gefühl den ganzen Körper durchströmt, haben Forscher der Aalto University in Finnland gemessen, Stolz sitzt in Kopf und Brust, die Angst in Brust und Bauch.

Was Glück aber – abseits philosophischer Schulen – ist, bleibt widersprüchlich. Von der genetischen Disposition bis zu den Erwartungen an das Leben ergänzen und widersprechen einander die Theorien.

Ein phänomenologischer Aspekt: Oft stehen sich Menschen bei der Glückssuche selbst im Weg, und definierte Glücksziele bleiben frustrierend weit außerhalb der Reichweite. Man muss es schon spüren wollen. Versprechenlassen und Konsumieren klappt nicht. (DER STANDARD, 28.02./01.03.2015)

  • Glücklichsein heißt für die Wirtschaft auch nützlich zu sein
    foto: der standard

    Glücklichsein heißt für die Wirtschaft auch nützlich zu sein

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