Von Schnörkeln, Kürzeln und Hakerln

27. Februar 2015, 17:38
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Spuren der Redezeichenkunst: zur Ausstellung "Stenograms" des französischen Künstlers Julien Bismuth in der Wiener Galerie Emanuel Layr

Wien - Auf weißen Blättern im DIN-A4-Format sieht man mit zartem Strich verfasste Texte. Die Ornamentik einzelner Zeichen erinnert an arabische Lettern. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Stenogramme, die der französische Künstler Julien Bismuth erstellen ließ.

Ausgangsmaterial für die Schriftbilder waren eigene Texte, die Bismuth (geb. 1973) ursprünglich in Online-Foren gepostet hat, und zwar immer erst dann, wenn sich die Aufregung um das jeweilige Thema schon wieder gelegt hat: "I like to join the discussion, when it has gone quiet", heißt es auch in einem der Texte, für die Bismuth seine eigenen, meist viel zu langen Forenbeiträge vulgo Postings neu arrangiert hat.

Die Übersetzungen findet man in einem Begleittext, wobei ein fast gleichmütiger Tonfall den oft sehr emotionalen Duktus von Postings schön konterkariert. Schließlich interessiert den Künstler neben der Darstellung von Sprache und Schrift weniger deren Überzeugungskraft als vielmehr ein experimenteller Umgang mit der Textproduktion: Zitieren, Kopieren, Beschneiden, aber auch Neuzusammensetzen gehören etwa zu jenen Verfahren, derer sich der studierte Literaturwissenschafter immer wieder bedient.

In der Präsentation der Wiener Galerie Layr zeugen Siebdruckplatten von seinem Bemühen um Reproduzierbarkeit: Bei näherem Hinsehen kann man auf den rotblauen Platten nämlich jene feinen Lettern erkennen, die offenbar in gedruckter Form auf den A4-Blättern vorliegen.

Dass es Bismuth neben der Stenografie – der schon "fast vergessenen Schrift" – und unterschiedlichen Textsorten immer auch um die Art der Distribution geht, machen zudem ein Tagebuch, Postkarten, aber auch ein Schwarzweißfoto deutlich: Letzteres zeigt eine Gruppe junger Frauen auf einem Sportplatz, die sich dort offenbar unter freiem Himmel die verschiedensten Kürzel aneignen. Das Bild bewirbt den Stenografiekurs der "Educational Research Association of Pasadena" und verknüpft Stenografie einmal mehr mit dem weiblichen Geschlecht. Den Sekretärinnencharme dieses Bildes strapaziert Bismuth allerdings nicht weiter, obgleich der Künstler freistellt, das von ihm im World Wide Web gefundene Bild zu reproduzieren (aber nicht zu verkauften!).

Steno-Poesie

Für ein Video hat Bismuth jede einzelne Seite eines Tagebuchs abgefilmt: Das bei einer Internetauktion erstandene Buch gehörte Charles H. Bell, der darin 1921 – als Teenager – notierte: "Das Gute ist, dass das meiste in Steno geschrieben ist. Und ich bezweifle, dass ich oder irgendjemand anderer in der Lage sein wird, das zu lesen." Dass er damit recht behalten sollte, bedeutet zwar, dass man nicht sehr viel über Bells Leben erfährt; dafür legt es in der Schau Zeugenschaft über den (poetischen) Gebrauch der Stenografie ab.

Eine Reihe Vintage-Postkarten ist hingegen den grafischen Qualitäten der Kurzschrift gewidmet: Die Kürzel wurden zu Porträts ihrer Erfinder (u. a. Franz Xaver Gabelsberger), zu Karikaturen oder Eselsbrücken zusammengesetzt.

Obwohl man so einiges über die Schrift erfährt, ist doch unübersehbar, dass sie dem Künstler als Aufhänger für seine bildbetonte Herangehensweise an Sprache und das Schreiben dient: Mit Stenografie hat das Video Pierre Bismuth nämlich nicht viel zu tun. Man sieht darin den Vater des französischen Künstlers einen Zettel mit jener Signatur versehen, die er als junger Mann für seinen Führerschein einstudiert hat. Leider war seine Unterschrift den Beamten aber zu konstruiert, weswegen sich anstelle des Schnörkels doch nur ein simpler Haken in seiner Lenkerberechtigung findet. (Christa Benzer, Album, DER STANDARD, 28.2./1.3.2015)

Galerie Emanuel Layr, An der Hülben 2, 1010 Wien, bis 14. 3.


  • Cheerleading der Stenografie: Im Internet fand Julien Bismuth dieses Foto, das den offensichtlich plein air stattfindenden Stenokurs der "Educational Research Association of Pasadena" bewirbt.
    foto: emanuel layr

    Cheerleading der Stenografie: Im Internet fand Julien Bismuth dieses Foto, das den offensichtlich plein air stattfindenden Stenokurs der "Educational Research Association of Pasadena" bewirbt.

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