"Die Idee, anständiger zu leben"

Interview28. Februar 2015, 12:00
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Mit "Wald" erscheint Anfang März der dritte Roman von Doris Knecht. Die Wiener Autorin und Kolumnistin über doppelte Krisen und Frauen über 40

STANDARD: Doris Knecht, ein Facebook-Status von Ihnen vergangene Woche lautet: "2. Auflage bei einem Buch, das erst in zwei Wochen erscheint". Nicht schlecht?

Knecht: Stimmt. Ich schätze, dass der Buchhandel viel bestellt hat. Ehrlicherweise weiß ich nicht, wie hoch die erste Auflage ist (lacht).

STANDARD: Bestseller zu schreiben, ist das Segen oder Fluch?

Knecht: Natürlich Segen!

STANDARD: Geldsegen?

Knecht: Sagen wir, Geld ist es noch nicht SO viel, aber natürlich ein bisschen eines. Aber mir geht es um den Umstand, ein Buch geschrieben zu haben, das die Leute lesen wollen. Mein erstes Buch war ein Versuchsballon: Kann ich das? Und will das jemand lesen? Das hat überraschend gut funktioniert und insofern ist es schön, gute Verkaufszahlen zu haben. Und natürlich wird man im Verlag gleich noch viel netter behandelt. Sagen wir so: Beim ersten Buch wurde ich noch nicht zur Leipziger Buchmesse eingeladen, beim dritten muss ich meine Flüge dorthin nicht mehr selbst buchen.

STANDARD: Die Verfilmung von "Gruber geht" ist gerade in den Kinos angelaufen. Spielt das auch für das Buch wieder eine Rolle?

Knecht: Offensichtlich. Im Standard war die Taschenbuch-Ausgabe von "Gruber geht" gerade wieder auf der Bestseller-Liste. Damit habe ich gar nicht mehr gerechnet. Aber der Verlag hat natürlich gehofft, dass der Film das Buch noch einmal mitreißt.

STANDARD: Wie ist das, den eigenen Stoff laufen zu sehen?

Knecht: Super. Ich hatte bei der Regisseurin Marie Kreutzer von Beginn an ein gutes Gefühl. Ich wusste, die versteht die Gruber-Figur so wie ich sie verstehe. Ich glaube, ich hätte weniger gern gehabt, wenn ein Mann das verfilmt, weil ein Mann diese doch recht testosteronhältige Figur Gruber womöglich ganz anders verstanden - und auch besetzt hätte.

STANDARD: Gab es trotzdem Überraschungen beim Anschauen?

Knecht: Das einzige, was mich tatsächlich überrascht, ist, dass ich den Film jetzt dreimal gesehen habe und jedes Mal wieder zum Blatzen angefangen habe (lacht).

STANDARD: Im neuen Buch steht eine Frau im Mittelpunkt. Es handelt vom Scheitern dieser Frau an der Gesellschaft und von ihrem Rückzug aus der Gesellschaft. Ist "Wald" ein Krisenroman?

Knecht: Ja, absolut. "Wald" handelt von einer Frau in der Krise, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens ist sie in der Krise, weil sie die Weltwirtschaftskrise übersehen hat oder weil sie geglaubt hat, dass sie mit den Mitteln, die sich ihr ganzes Leben lang bewährt haben – Ehrgeiz, Tatkraft, ihre gute Ausbildung, Tüchtigkeit – fertig wird mit diesem bisschen Weltwirtschaftskrise. Das war dann aber nicht so. Das wiederum hat sie in eine sehr persönliche Krise gestürzt. "Wald" ist also ein doppelter Krisenroman.

STANDARD: Wann haben Sie "Wald" geschrieben?

Knecht: Fertig gestellt habe ich das Buch letzten Sommer, begonnen ein Jahr davor. Das Ganze war stark beeinflusst von den vielen Geschichten über den Zusammenbruch in Griechenland und das Einbrechen des Mittelstands. Dort sind viele in Situationen geraten, in denen sie gedacht haben, mit ihrem Talent, ihren Ausbildungen und ihrem Fleiß sind sie sicher, und dann wurde ihnen komplett der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich fand es sehr spannend zu beobachten, wie die begannen, andere Mittel und Wege zu finden, um zu überleben. So eine Geschichte wollte ich erzählen: Wie wäre es, wenn das uns passiert?

STANDARD: Die Krise ist nie näher gekommen als bis nach Griechenland?

Knecht: Schon! Aber nicht so krass in meinem direkten Sichtfeld. Diese ganzen Selbstversorgerideen auch in meinem Umfeld sind vielleicht auch krisenbedingt, ich würde sie aber doch vorwiegend unter "Hobby" subsumieren. Das wurde nie als ein Muss erlebt, sondern immer als ein Wollen. Ich sehe es eher als ein romantisches Sehnen nach einer Naturexistenz. Meine Überlegung: Würden diese Leute hier überleben, wenn sie müssen? Könnten ihnen ihre Gemüsebeete, die sie mit viel Liebe pflegen, auch ein Überleben garantieren?

STANDARD: Die Antwort darauf?

Knecht: Ich wage lieber keine.

STANDARD: Die Hauptfigur des Buchs, Marian, heißt eigentlich Marianne. Es geht also auch um Lifestyle und Selbstoptimierung. Ist "Wald" eine Abrechnung mit dem Bobo-Dasein?

Knecht: Das sind meine Bücher in gewisser Weise alle. Aber diese Marian ist noch am wenigsten eine Bobo-Existenz. Die hat wenig Lässiges an sich. Sie ist sehr geradlinig und eher fantasielos. Auch ihre Mode ist so. Sie glaubt an feste Werte. Die war nie eine, die sich treiben ließ.

STANDARD: Marian tauscht, nicht freiwillig, ein städtisches Wohlstandsleben gegen ein karges Landleben ein. Diese neue Bescheidenheit liegt aber auch sehr im Trend.

Knecht: Genau. Das ist das, was alle immer machen wollen. Von der Hand in den Mund leben und mit der Natur eng verbunden sein. Diese, nennen wir sie, Bobo-Werte werden ja immer wieder gerne verächtlich gemacht. Ich dagegen finde es eigentlich ein schönes Konzept. Dahinter steckt die Idee, besser, anständiger zu leben und weniger Schaden anzurichten. Aber, wenn man sich vieles dann genauer anschaut, kommen natürlich oft auch falsche und verlogene Lebensentwürfe dabei heraus. Diese neuen Landexistenzen sind keine Hippies, die mit wenig auskommen. Wenn es schwierig wird, fährt man dann doch zum Supermarkt und in den Baumarkt.

STANDARD: Eine Szene im Buch zeigt diesen Perspektivenwechsel dieser Marian ganz gut. Sie steht auf der Wiese irgendwo im Nichts und sieht nur noch die Kondensstreifen der Flugzeuge, mit denen sie früher nach London, Mailand oder sonst wohin gejettet ist. Das ist ja zusätzlich nicht schlecht für ihren ökologischen Fußabdruck ...

Knecht: ... aber trotzdem ist sie sich noch immer nicht sicher, wo sie lieber wäre. Sie war sich immer sicher, dass sie lieber die Frau in dem Flugzeug ist bis sie unfreiwillig da hin geraten ist, wo sie jetzt steht. Und sie fragt sich, ob sie noch die Frau in dem Flugzeug ist oder schon eine ganz andere.

STANDARD: Ist "Wald" ein Plädoyer zur Umkehr?

Knecht: Nein. Es ist mehr eine Was-wäre-wenn-Versuchsanordnung ohne moralischen Imperativ.

STANDARD: Apropos neue Bescheidenheit ... worauf verzichten Sie gerne?

Knecht: Ich verzichte eigentlich nicht auf viel. Es wäre verlogen, das zu behaupten. Wir leben in einem so unvorstellbaren Wohlstand. Ich verzichte immer nur, wenn es leicht geht, aber wenn ich etwas ganz sofort dringend brauche, bestell ich es dann doch bei Amazon. Wie es alle machen. Es ist mehr die Idee von Verzicht, mit der wir leben.

STANDARD: Kein Fleisch-Verzicht, nicht vegan ...

Knecht: ... nein, und ich habe auch ein halbes Auto. Und auf Lederschuhe verzichte ich auch nicht (lacht). Ich versuch weniger Zeug aus Plastik anzuschaffen. Ich kaufe viel Second Hand. Ich merke eine Hinwendung zu mehr Qualität und besseren Materialien. Handwerk schätze ich, je älter ich werde, zunehmend mehr. Das interessiert und berührt mich wirklich.

STANDARD: Verändert sich Konsumverhalten mit dem Alter?

Knecht: Bei mir schon, aber ich komme aus einem sehr bescheidenen Haushalt. Wir mussten sehr viel sparen. In den ersten Jahren, in denen ich mein eigenes Geld verdient habe, musste ich alles kompensieren, schmiss viel Geld raus für Dinge, die ich vorher nicht haben konnte. Das mache ich schon viel weniger. Ich kaufe heute weniger und lieber nur ein gutes Paar Schuhe ...

STANDARD: Abgesehen vom Schuhe kaufen, wenn wir an Marian aus "Wald" denken: Was kann eine Frau mit über 40 besser?

Knecht: Ich glaube tatsächlich, dass Frauen über 40 einen besseren Überblick haben. Diese Marian weiß heute besser, was sie kann und was nicht und was sie braucht und was nicht. Man merkt langsam, was einem einem etwas bedeutet und womit man sich den Rest seines Lebens abgeben möchte - und womit auch nicht mehr. In den ersten 40 Jahren findet eine ungeheure Wissensansammlung statt, die man hoffentlich in den zweiten 40 Jahren gut brauchen kann.

STANDARD: "Digital Detox" ist auch so ein neuer Trend. Marian hat am Land nur noch ein Handy, aber keine Email mehr, keinen Computer. Wie ginge es Ihnen damit?

Knecht: Das hätte ich auch gern. Den Computer brauche ich zum Schreiben. Aber ich überlege, ob ich das Smartphone aufgeben soll, weil es mich so nervt. Man kommt in eine Abhängigkeit, aus der schwer wieder rauszukommen ist.

STANDARD: Warum Facebook und nicht Twitter?

Knecht: Twitter ist so ein Megaphon-Medium. Jeder brüllt da raus: Erster, Bester, Tollster! Es steckt extrem viel Testosteron in Twitter drinnen, das ist in Facebook, finde ich, weniger. Das ist verspielter und familiärer. Twitter ist mir unsympathisch, ich bin da nur als Debatten-Voyeurin dabei, aus professionellen Gründen.

STANDARD: Ihre Protagonistin ist eine sehr arbeitssame Person. Vielleicht kommt sie ja auch aus Vorarlberg? Wie viel Knecht steckt in Marian?

Knecht: Weniger als in den bisherigen Romanfiguren. Die ist wirklich konsequent. Die lässt sich nicht treiben. Das mache ich schon. Die hat zum Leben ein anderes, kontrollierteres Verhältnis als ich.

STANDARD: Trotzdem die Frage: Ohne Fleiß kein Preis?

Knecht: Ja, leider. Das betrifft unsere Frauengeneration stark. Das haben wir gelernt. Wir haben festgestellt, dass wir viel mehr wollen als unsere Mütter. Und wir haben beschlossen, dass wir alles können wollen und alles gleichzeitig. Und über all dem, Karrieren, Beziehungen und Kinder, sind wir gehörig in Stress geraten. Es ist schwer, irgendwo loszulassen, weil wir gewohnt sind, dass wir die Dinge kontrollieren müssen. Wenn wir sie nicht machen, passieren sie nicht. Wir sind die erste oder höchstens zweite Generation von Frauen, die so lebt, wie wir leben. Pioniere haben es immer anstrengend. Es gibt natürlich Unterstützung, auch von einer neuen Generation von Männern. Anstrengend ist es trotzdem.

STANDARD: Marian definiert sich beruflich nicht über Männer, privat sehr stark. Ist das eine Schwäche von Frauen?

Knecht: Ich erlebe das bei vielen Frauen. Vielleicht gibt es, weil wir alles in der Hand haben müssen, so eine verborgene Sehnsucht nach Romantik, nach einem, der einen auffängt oder zumindest irgendwo abholt. Wir wissen eh, dass es so einen Prinzen nicht gibt. Aber die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit ist halt trotzdem da.

STANDARD: Ihre Romanfigur bleibt auch am Land nicht alleine. Die Beziehung zu Franz ist, das wird im Buch recht schonungslos beschrieben, zunächst ein Geschäft. Er bringt ihr Dinge zum Überleben, sie wird seine Geliebte. Spielt Ökonomie in Beziehungen immer eine Rolle?

Knecht: Ich fand es spannend zu erzählen, welche Währungen einer Frau bleiben, wenn nichts mehr da ist. In so einer Situation weichen, hart gesagt, die Grenzen der Zivilisation auf. Wenn man sich aber diese Art von Beziehung genauer anschaut, merkt man, dass der Unterschied zu den üblichen Beziehungen gar nicht so groß ist. Am Ende geht es immer darum: Was hast du mir zu geben? Und was gebe ich dir? Und wie kommen wir damit und miteinander zurecht? Beziehungsökonomie spielt immer eine Rolle.

STANDARD: Als Autorin des neuen Buchs müssen Sie sich ganz gut mit Bereichen wie Jagen, Fischen, Tiere ausnehmen etc. auskennen. Woher stammt Ihr Wissen?

Knecht: Vieles aus Youtube, zum Beispiel das Fische Ausnehmen. Das bekomme ich dann von einem Achtjährigen erklärt, und der macht das so gut, das kann ich jetzt. Den Jagdschein habe ich selbst einmal begonnen. Die Idee, dass man die Sachen, die man isst, auch selber töten können sollte, finde ich richtig. Ich bin total fürs Jägern. Wild zu essen finde ich konsequent. Dass man Tiere ein gutes Leben in der Natur leben lässt. Dass sie abgeschossen werden ohne, dass sie es merken: Kein Stress, keine Transporte. Im Buch geht es an einer Stelle auch um moderne Bio-Landwirtschaft und die Frage, wie man mit Tieren umgeht. Das ist mir wichtig. Die Jagd-Passagen habe ich von einem Jäger gegenlesen lassen und der war sehr genau. Bei vielen ist das Jagen negativ besetzt, aber das ändert sich gerade, weil viele Leute zu ihrem Essen, vor allem zu Fleisch zum Glück ein anderes Verhältnis kriegen.

STANDARD: Im Buch nicht viel Platz eingeräumt bekommt Marian in ihrer Rolle als Mutter einer Tochter, die nicht bei ihr, sondern beim Vater lebt. Es wird hier sehr offen ausgesprochen, dass dieses Kind die Mutter gar nicht braucht. Was waren dafür Beweggründe?

Knecht: Ich versuche schon, in meine Büchern moderne Ideen reinzubringen. Dass Mutter sein nicht immer etwas mit der biologischen Mutter zu tun hat, dass die Mutterrolle sich verändert, finde ich spannend. Ein Kind braucht nicht unbedingt seine biologische Mutter, es braucht Menschen, die es lieben und zu denen es Grundvertrauen haben kann. Wenn man das weiterdreht, geht es hier auch um homosexuelle Familien. Ich kenne auch Fälle von Müttern, die festgestellt haben. Meinem Kind geht es bei mir nicht gut, es geht ihm beim Vater besser. Dass Mütter das alles können, wenn Väter weggehen, gilt als normal. Ich wollte das einmal umgekehrt erzählen.

STANDARD: Im Buch steht: "Sie wurde alt hier im Nirgendwo". Ist der Rückzug aufs Land auch abseits vom Roman eine Option?

Knecht: Das ist schon eine Idee, die so vor mir her schwebt. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn es konkret wird. Aber ich kann mir gut vorstellen, wenn die Kinder groß sind, noch mehr Zeit am Land zu verbringen. Ich will aber nicht ausschließlich am Land leben, dazu mag ich das urbane Leben zu gerne. Ich finde den Wechsel, den ich jetzt seit Jahren schon mache, sehr spannend. In der Woche in der Stadt und das Wochenende am Land, mit Holzofenheizen und Gärtnern. Alles, was man so macht da draußen: Am Lagerfeuer sitzen oder einfach nur Herumliegen, obwohl Herumliegen tut man ohnehin nie, es ist immer etwas zu tun. Tiere möchte ich irgendwann haben. Hühner und Ziegen aber auf alle Fälle. (Mia Eidlhuber, Album, DER STANDARD, 28.2./1.3.2015)

  • Artikelbild
    foto: pamela russmann
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