Leopolds Gespür für Wally

26. Februar 2015, 18:09
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Das Leopold-Museum folgt den Spuren Wally Neuzils, der Gefährtin Egon Schieles

Wien - Wally brachte die Wende, in mehrerlei Hinsicht: 1912 malte Egon Schiele, als Gegenstück zum Selbstbildnis mit Lampionfrüchten, das legendäre Porträt seiner Lebensgefährtin. Walburga hieß diese mit Taufnamen, nicht Valerie, wovon die Forschung über Jahrzehnte die Kurzform Wally abgeleitet hatte.

Das Schicksal des Gemäldes ist amtlich. 1998 Beschlagnahme in New York, ein zwölfjähriger Rechtsstreit mit den Erben nach Lea Bondi-Jaray, der mehr als vier Millionen Euro verschlang, kurz nach Prozessbeginn schließlich die Einigung mit der Erbengemeinschaft. Gegen Zahlung von 15 Millionen Euro kehrte Wally im Sommer 2010 nach Wien zu ihrem Pendant zurück.

Mit dem Bildnis der Wally war das Thema Raubkunst erstmals ein weltweit öffentliches geworden und man verabschiedete auf internationaler Ebene die Washingtoner Prinzipien. National wurde das Kunstrückgabegesetz eingeführt, auf dessen Basis zahlreiche Restitutionen aus Bundesbesitz erfolgten.

Kann man die jüngere Vita dieses Gemäldes auf einen Text reduzieren, der das Bildnis seit der Einigung mit den Erben begleitet? Man kann, Familie Leopold kann. Ob das jenem Paradigmenwechsel in Restitutionsfragen entspricht, den der Stiftersohn 2010 verkündete? Einerlei.

Es geht nicht um dieses Provenienzthema, sondern um die Person, stellt Elisabeth Leopold klar. Also: Wally Neuzil - Ihr Leben mit Egon Schiele, die erste von drei Ausstellungen, die Diethard Leopold heuer kuratiert. Gewidmet einer Person, die ein Schattendasein führte, einer Frau, die Egon in allen Lebenslagen begleitete; eine Muse, die den Künstler nicht nur inspirierte, sondern in der Entwicklung seines OEuvres beeinflusste. Und zwar so wesentlich und an Werken reich, dass man von mehr als nur vier gemeinsamen Jahren ausgehen würde.

Sexuelle Travestie

Walburgas Leben beginnt demnach 1911, als sie 16-jährig erstmals als Motiv in den Zeichnungen Schieles auftaucht: in einer Zeit, als Wien rund 15.000 "Bordsteinschwalben" zählte und Künstlermodelle als wertlose Frauenzimmer galten, als "zufällige Anregungsmittel", wie "Alkohol, Nikotin, schwarzer Kaffee" (Zitat Egon Fridell).

Zu den Stationen gehören Krumau, wo das Zusammenleben in "wilder Ehe" Anstoß erregt. Man übersiedelte nach Neulengbach, bekannt für die Missbrauchsäffäre, im Zuge deren die Lebensgefährtin (nicht das Modell) Wally eine Vorladung erhalten hatte. 1912 wird sie Gegenstand eines symbolischen Gendertausches.

Diethard Leopold verweist auf das Gemälde Kardinal und Nonne, das hier wieder mit dem originalen Titel Liebkosung geführt wird: Die Beine des Kardinals entsprechen (über ein Aquarell belegt) jenen Wallys, das Gesicht der Nonne gleicht wiederum einem Selbstbildnis Schieles. Die Diagnose des Psychotherapeuten: sexuelle Travestie mit spirituellem Sinngehalt.

In den Jahren 1912/13 begegnet uns Wally in allegorischen Gemälden (u. a. Seher), dann scheint die Person im Alltag des Künstlers zu verschwinden. Noch bevor Edith (Harms) zur offiziellen Frau an Schieles Seite avancierte, hatte Egon sich und seine Wally nochmals verewigt: 1914/15 in einer Gouache, in der beide zu einer Menschensäule verschmolzen. Diese Arbeit fehlt, sowohl in der Ausstellung, als auch im Bestand.

Für einen Vergleich (zu Häuser am Meer) trennte man sich 2013 davon via Sotheby's. Für 9,16 Millionen Euro fand diese fantastische Komposition in einer asiatischen Privatsammlung eine vorläufige neue Heimat. Den Schlusspunkt in der Beziehung zu Egon setzt man deshalb mit Tod und Mädchen von 1915, eine Leihgabe aus dem Belvedere. "Ein ergreifendes Denkmal der Trennung" der beiden, so Diethard Leopold. Es symbolisiere die Ambivalenz des "Auseinander-gehen-Müssens und Nicht-voneinanderlassen-Könnens". (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 27.2.2015)

  • "Bildnis Wally Neuzil" (1912) von Egon Schiele.
    foto: leopold museum

    "Bildnis Wally Neuzil" (1912) von Egon Schiele.

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