Farage rudert in die Mitte, Ukip droht Zerreißprobe

27. Februar 2015, 05:30
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Für die EU-feindliche Ukip soll die britische Unterhauswahl im Mai den Durchbruch bringen. Doch beim Parteitag drohen Misstöne

Ein schöneres Geschenk hätte die Statistikbehörde ONS der nationalpopulistischen Ukip kaum machen können. Einen Tag vor dem am Freitag in Margate (Kent) beginnenden Wahlparteitag der EU-Feinde verkündeten die Experten: Die Immigration steigt weiter an, zuletzt wuchs die Bevölkerung der Insel in einem Jahr um knapp 300.000 Menschen.

Mit Vergnügen hauten Ukip-Sprecher dem konservativen Premier David Cameron dessen Wahlversprechen von 2010 um die Ohren, er werde die Nettoeinwanderung auf eine fünfstellige Zahl drücken. "Ukip ist die einzige Partei, der die Leute in dieser Frage Vertrauen schenken", behauptete der Europa-Abgeordnete Steven Woolfe.

"Menschen außerhalb unseres Lagers"

Ähnliches dürften Delegierte und Medien nun auch von Nigel Farage zu hören bekommen. Die Rede des gerade erst aus Washington zurückgekehrten Parteichefs wird den Abschluss eines Tages bilden, an dem die Nationalpopulisten "Menschen außerhalb unseres Lagers" zu erreichen versuchen. Diesen Titel hat der Vortrag des Unterhausabgeordneten Mark Reckless, der im vergangenen Herbst von den Torys zu Ukip überlief und seine Nachwahl gewann. Daneben geht es natürlich viel um die Sünden der Brüsseler Bürokratie: die "Bedrohung der Lebensmittelversorgung" durch die EU, den "Kampf um unsere Fischereiflotte".

Nicht umsonst hat Farage seine Getreuen an die englische Ostküste geladen. Dort befinden sich viele der aussichtsreichsten Wahlkreise für die Ukip: ältere, nostalgische und schlecht ausgebildete Wähler, kaum ethnische Minderheiten. Margate liegt im Nachbarwahlkreis von Thanet South, wo sich Europaparlamentarier Farage um ein Unterhausmandat bewirbt. Den Publizitätsschub kann er gut brauchen: Einstweilen prophezeien die Umfragen noch einen Sieg der Konservativen.

Bemerkenswerte Vorhersagen

Bei deren Bewerber handelt es sich um einen Vorgänger von Farage im Amt des Ukip-Parteichefs. Dass sich der eingefleischte EU-Feind Craig Mackinlay nach zwölf Ukip-Jahren nun in Camerons Partei wohlfühlt, verdeutlicht den Wandel der einst euro-pragmatischen Tories.

Die Farage-Partei hatte im vergangenen Mai 26,6 Prozent geholt und bei der EU-Wahl Platz eins belegt, allerdings bei kaum mehr als einem Drittel Wahlbeteiligung. Für die Unterhauswahl billigen Umfragen den Nationalisten zwischen zwölf und 15 Prozent zu, das Zehnfache des Ergebnisses von 2010. Im britischen Mehrheitswahlrecht würde dies zwar wenig mehr als ein halbes Dutzend Mandate ergeben. Doch wäre das für eine Newcomer-Partei eine bemerkenswerte Leistung, die sich womöglich auf der linken Seite des Politikspektrums im Ergebnis der Grünen widerspiegelt.

"Wackeliges Bündnis"

Schon spekulieren Vertreter dieses Establishments wie der konservative Times-Kolumnist Tim Montgomerie über schöne und weniger erfreuliche Folgen des Erfolgs. Sollte tatsächlich eine veritable Unterhausfraktion zusammenkommen, Farage aber seinen Wahlkreis nicht gewinnen, würde "das wackelnde Bündnis aus Reaktionären und Ultra-Liberalen schnell zusammenbrechen".

Doch zunächst steht die heiße Phase des Wahlkampfes bevor. Ukip-Strategen hoffen, dass die umstrittenen TV-Debatten doch zustande kommen. Denn Farage ist es bisher stets gelungen, Vertreter etablierter Parteien vorzuführen. Vor der EU-Wahl etwa verzeichnete er einen klaren Punktsieg im TV-Duell mit Nick Clegg, Vizepremier und Vorsitzender der Liberaldemokraten. Wie dieser 2010 könnte Farage diesmal profitieren. Immerhin die Hälfte aller Wähler, so das Institut Ipsos Mori, ist bisher noch unentschlossen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 27.2.2015)

  • Stärkung vor der Rede: Nigel Farage ist um volksnahes Auftreten bemüht, für einen Wahlauftritt in einem Kino stärkte er sich jüngst mit Popcorn aus Parteibechern. Wie seiner Partei das neue Streben um "Menschen außerhalb unseres Lagers" bekommt, ist noch ungewiss.
    foto: epa / facundo arrizabalaga

    Stärkung vor der Rede: Nigel Farage ist um volksnahes Auftreten bemüht, für einen Wahlauftritt in einem Kino stärkte er sich jüngst mit Popcorn aus Parteibechern. Wie seiner Partei das neue Streben um "Menschen außerhalb unseres Lagers" bekommt, ist noch ungewiss.

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