"Da muss man eben alles zertrümmern"

Interview26. Februar 2015, 17:56
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In Thomas Bernhards "Am Ziel" spielt Andrea Jonasson trotz Unfall-Handicaps eine monomanische Unterdrückerin mit Charme. Premiere: 12. März im Josefstadt-Theater. Die große Mimin über Bernhard und ihr Leben zwischen den Kulturen

Wien - Die hennarote Andrea Jonasson hat die Thomas-Bernhard-Proben im Wiener Josefstadt-Theater mit einem Malheur begonnen. Bei den Solothurner Filmtagen zog sie sich eine Wirbelfraktur im Halsbereich zu. Dennoch hat Jonasson praktisch keinen Probentag versäumt. Mit Halskrause, Anmut und eisernem Willen kämpft sich die Witwe nach Giorgio Strehler durch die Monologblöcke des Drei-Personen-Stückes Am Ziel. Regie führt Cesare Lievi, Premiere ist am 12. März.

STANDARD: "Die Mutter" aus Thomas Bernhards "Am Ziel" (1981) fällt aus der Galerie der monomanischen Bernhard-Helden heraus. Auch, weil sie eine Frau ist?

Jonasson: Am Ziel ist in mancher Hinsicht untypisch für Bernhard. Es wird in dem Stück auch fast gar nicht über Österreich geschimpft.

STANDARD: "Am Ziel" spielt in Holland. Ist nicht der auftauchende "dramatische Schriftsteller" ein Echo auf Bernhard als reale Figur?

Jonasson: Bernhard hatte große Probleme mit seiner Mutter, die ihn ja auch als Kleinkind in Stich gelassen hatte. "Die Mutter" ist jemand, den er in der Wirklichkeit nicht gehabt hat. Sie fährt als verwitwete Gusswerksbesitzerin jedes Jahr mit ihrer Tochter in ihr Haus ans Meer, nach Katwijk. Dort begrüßt sie den "dramatischen Schriftsteller" als Gast. Mit einem Mal entpuppt sie sich als Anarchistin, die der Revolution das Wort redet.

STANDARD: Wo setzt man an?

Jonasson: Es gibt Leute, die reden, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass das Leben unweigerlich zu Ende geht, dass die Natur böse ist. Diese Frau redet, um nicht auf betrübliche Gedanken zu verfallen. Es gibt diesen Satz von Pascal, der dem Stück vorangestellt ist: Wenn man die Sorgen des alltäglichen Lebens erkannt hat, wählt man die Zerstreuung. Sie befragt ihr Dasein. Das ist für sie und ihre Umgebung quälend.

STANDARD: Sie redet um ihr Leben?

Jonasson: Sie hält sich das Leben redend vom Leib. Sie amüsiert sich dabei königlich. "Ich habe mich immer am liebsten allein unterhalten", sagt sie zur Tochter. Sie sitzt auf der Bühne, die Tochter packt. Beide warten sie auf den dramatischen Schriftsteller, der sie nach Katwijk begleiten soll.

STANDARD: Die Mutter spielt das Monster also nur?

Jonasson: Wir finden auch Momente, in denen sie Humor beweist. Die Tochter hat sie kaputtgemacht. Nicht umsonst sagt sie zu ihr: "Wenn du weggehst, wirst du sterben, du bist gar nicht lebensfähig ohne mich."

STANDARD: Und sie stiehlt der Tochter auch erotisch die Show.

Jonasson: Sie flirtet mit dem Gast. Sie registriert immer stärker das Interesse des Autors an ihrer Person. Zugleich verdammt sie die Passivität der Jugend. Sie wird zur Revolutionärin. Dazu fällt ein wichtiger Satz. Der Schriftsteller küsst ihr, bevor er geht, die Hand. Und sie sagt: "Küssen Sie mir doch nicht die Hand! Wo haben Sie denn das gesehen? In Österreich?"

STANDARD: Leben wir wie diese Bernhard-Figur in einer Art ewiger Gegenwart? Auch wir können uns keine gesellschaftliche Alternative zu unserem "way of life" vorstellen.

Jonasson: Das ist richtig. Der Augenblick wird als Ewigkeit absolut gesetzt. Dazu rauschen Ebbe und Flut. Leider Gottes haben wir viele Striche machen müssen. Man muss Thomas Bernhard kastrieren. Es heißt in den Theatern: "Die Leute bleiben nicht mehr so lange im Theater sitzen!" Von einem Stück, das im Original vier Stunden dauert, bleiben zweieinhalb Stunden übrig. Das tut weh.

STANDARD: Ist das Josefstadt-Theater Ihre künstlerische Heimat geworden?

Jonasson: Meine zweite und "feste" Heimat Italien existiert fast gar nicht mehr. Die Kultur dort ist am Boden. Ans Piccolo Teatro, das zuletzt von Luca Ronconi geleitet wurde (Ronconi starb am vergangenen Wochenende, Anm.), holte der nur "seine" Leute, fast alles junge Männer. Die Schauspieler von Giorgio Strehler wurden entfernt. Ronconi war immer sehr eifersüchtig auf Strehler. Lluís Pasqual, Direktor in Barcelona, hat Lorcas Donna Roita bleibt ledig am Piccolo Teatro inszeniert. Und er wollte dafür Strehler-Schauspieler haben. So durfte ich wieder "nach Hause". Es war herrlich: Ich spielte alle Frauentypen, von der 15-Jährigen bis zur alten Jungfer.

STANDARD: Sie leben noch in Mailand?

Jonasson: Ich halte meine alte Mailänder Wohnung, in der ich 15 Jahre mit Giorgio zusammengelebt habe. Obwohl ich eine Wahnsinnsmiete für sie zahle. Ich habe nicht die Kraft, sie aufzugeben. Doch irgendwann muss ich meine Josefstadt-Gagen hier behalten. Sonst schicke ich mein Geld bloß nach Mailand hinunter.

STANDARD: Italien hat sich verändert?

Jonasson: Sehr stark. Die Leute sind traurig. Sind in der Krise, weil sie wirtschaftlich nicht mehr können. Die Verhältnisse nähern sich Griechenland an. Renzi macht viele Reformen. Aber Berlusconi hat das Land 20 Jahre lang heruntergewirtschaftet. Das kann Renzi nicht in zwei Jahren gutmachen. Mich freuen diese jungen Männer wie Renzi und Tsipras. Man bekommt das Gefühl, hier wirke eine neue Kraft. Die alten Herren müssen weg. "Da muss man eben alles zertrümmern." Das sagt meine Bernhard-Figur, "die Mutter". (Ronald Pohl, DER STANDARD, 27.2.2015)

Andrea Jonasson ist gebürtige Freiburgerin. Die zweisprachige Schauspielerin wurde u. a. durch Rollen in den Inszenierungen ihres Mannes Giorgio Strehler (1921-1997) weltberühmt. Das Piccolo Teatro di Milano tauscht sie öfter mit dem Theater in der Josefstadt.

  • Mit Zähigkeit und Anmut durch die Suada eines Bernhard-Muttermonsters: Andrea Jonasson, Wandererin zwischen den Kulturen.
    foto: sepp gallauer

    Mit Zähigkeit und Anmut durch die Suada eines Bernhard-Muttermonsters: Andrea Jonasson, Wandererin zwischen den Kulturen.

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