Türkei sieht Islamgesetz als "gewaltigen Fehler"

25. Februar 2015, 17:39
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Österreich beendet auch Schulungsprogramm für türkische Imame

Ankara/Athen - Acht Imame stehen im Salon der österreichischen Botschaft, und der Hausherr sagt einen schönen Satz: "Als Religionsbeauftragte haben Sie eine besondere Brückenfunktion zwischen Ihren Gemeinden und der österreichischen Gesellschaft, zwischen der Türkei und Österreich."

Das mit der Brücke, die Klaus Wölfer, der Botschafter in Ankara, beschwor, stimmt nun so nicht mehr. Ziehbrücke wäre jetzt wohl treffender. Mit dem Islamgesetz hat das Außenministerium in Wien auch gleich die jährlichen "Imamschulungen" für beendet erklärt, mit denen muslimische Religionsbeauftragte aus der Türkei für ihren Einsatz in Österreich vorbereitet wurden - zwei Tage Rechts- und Landeskunde in Ankara, eine weitere Woche in Wien, nach der Ankunft in Österreich.

In Kreisen der EU-Diplomaten in Ankara ist die Entscheidung der österreichischen Regierung mit einer gewissen Verblüffung zur Kenntnis genommen worden. Österreich war bisher eines der wenigen EU-Länder, das eine direkte Verbindung zum türkischen Religionsamt Diyanet unterhalten hat und so auch einen gewissen Einblick in Verwaltung und Politik für die größte muslimische Glaubensgemeinschaft in Europa erhalten hat.

Fokus auf Radikalismus

Künftig lautet der Schwerpunkt im Umgang mit türkischen Imamen offiziell "Erkennung von Radikalismus" und "Verbesserung von Deutschkenntnissen". Dass ausgerechnet Religionsbeauftragte aus dem konservativ-muslimischen Regierungsapparat der AKP anfällig für Ideen des Glaubenskriegs sein sollen, stößt in Ankara auf Verwunderung; andere Landstriche der islamischen Welt seien da wohl genauer zu beobachten. Bisher zahlte Diyanet die Gehälter der Imame, die in der Regel für fünf Jahre nach Österreich geschickt wurden. Mit deutlich kritischen Worten hat deshalb der Leiter der türkischen Religionsbehörde, Mehmet Görmez, auf das Islamgesetz reagiert und das Verbot der Finanzierung von Imamen und Moscheen aus dem Ausland. Görmez sprach von einem "gewaltigen Fehler", der Österreich und seine Tradition der Toleranz gegenüber dem Islam um 100 Jahre zurückwerfe.

Der Versuch, einen eigenen Islam in den einzelnen EU-Ländern zu schaffen, sei sinnlos, hieß es in der Erklärung des Diyanet-Chefs. Er sei zufrieden, dass auch Kardinal Schönborn das Gesetz kritisiere. Mit dem neuen Auslandsfinanzierungsverbot werden in der Praxis wohl Spenden aus der Türkei über in Österreich registrierte Vereine fließen, um Moscheen und die Tätigkeit der Imame weiterhin aufrechtzuerhalten. (Markus Bernath, DER STANDARD, 26.2.2015)

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