Spanien: Proteststreik gegen Studienreform

26. Februar 2015, 05:30
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Der rigide Sparkurs der Regierung Rajoy macht die akademische Ausbildung für viele Spanier unerschwinglich

Die Lehrsäle der spanischen Universitäten und die Klassenzimmer der Oberschulen bleiben leer. Am Mittwoch traten nämlich Schüler und Studenten in einen 48-stündigen Streik, und heute, Donnerstag, werden sie in über 40 Städten gegen die Bildungspolitik der konservativen Regierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy demonstrieren.

Der Grund: Bildungsminister José Ignacio Wert ändert den Studienplan - per Dekret und ohne Debatte im Parlament. Künftig folgt das Studium einer "3+2"-Struktur, so der Name des Planes: Drei Jahre für das Studium an sich und zwei weitere Jahre für einen Masterstudiengang. Was im restlichen Europa schon länger üblich ist, stößt in Spanien auf heftigen Widerstand. Je nach Landesteil beteiligten sich 75 bis 90 Prozent der Oberschüler und Studenten nach Angaben der Studentengewerkschaft am Ausstand.

"Für viele Familien unerschwinglich"

"Wenn sie uns an Europa anpassen wollen, dann bitte in jeglicher Hinsicht", beschwert sich die Chefin der Studentengewerkschaft, Ana García. "Studieren in Spanien ist teuer, durch die Reform wird es für viele Familien unerschwinglich", sagt sie und verweist auf Vorbilder wie Frankreich, Deutschland oder Dänemark.

In Spanien war das noch nie der Fall. Und seit der konservative Partido Popular (PP) Ende 2011 die Regierung übernommen hatte, stiegen die Studiengebühren auf fast das Doppelte an. Je nach Studiengang sind es pro Jahr 2000 bis 3500 Euro. Ein Jahr Masterstudiengang schlägt gar mit 4000 bis 7000 Euro zu Buche. "Durch das zweite Masterjahr wird das Studium erneut teurer. Über 20.000 Euro kostet eine universitäre Ausbildung künftig", rechnet García vor.

"Reiner Zynismus"

Minister Wert freilich sieht das anders. Dank des kürzeren Basisstudiums würden die spanischen Familien insgesamt 150 Millionen Euro pro Jahr sparen. Ein Master sei schließlich keine Pflicht. Für García ist das "reiner Zynismus", denn "mit dem Grundstudium allein hast du keinen Abschluss, mit dem du Arbeit findest."

Der Unmut der Studierenden hat sich schon länger aufgestaut. Die Staatsausgaben für Bildung wurden im Zuge der Sparpolitik gekürzt, obwohl Rajoy im Wahlkampf versprochen hatte, dies auf keinen Fall zu tun. Insgesamt wurden 1,5 Milliarden Euro an den Universitäten eingespart. Die Ausgaben pro Student sanken damit um 25 Prozent. Auch an den Schulen wurde gespart. In den vergangenen zwei Jahren wurden 32.000 Lehrerstellen abgebaut. Und 600.000 Schüler verloren die Verpflegungszuschüsse oder gar das Büchergeld.

An den Universitäten wird außerdem bei den staatlichen Stipendien für sozial schwache Studenten gespart. Waren es vor den Kürzungen bis zu 6000 Euro für besonders Bedürftige, die außerhalb ihres Heimatortes studierten, sind es jetzt maximal 3000 Euro.

Folgenschwere Kürzungen

Die meisten bedürftigen Studenten können gerade einmal auf einen Preisnachlass bei den Studiengebühren hoffen. "Zu Beginn des Studienjahres weiß niemand, was er bekommt", berichtet García. Denn die staatlichen Stellen richten einen festen Topf ein, und der wird aufgeteilt. Je mehr Anträge, umso weniger Geld entfällt auf jeden einzelnen Antragsteller.

Die Kürzung bei den Stipendien und die teuren Studiengebühren bleiben nicht ohne Folgen: Offizielle Zahlen belegen, dass in diesem laufenden Jahr 45.000 junge Spanier weniger studieren als im Vorjahr. "Das ist, was sie wollen", schimpft García.

Und die Gewerkschaftsvorsitzende scheint mit ihrem Vorwurf recht zu haben. "Das Universitätssystem ist nicht tragbar, wir müssen darüber debattieren, welche Art von System wir wollen", erklärte die Nummer zwei im Bildungsministerium, Staatssekretärin Monserrat Gomendio wenige Tage vor Streikbeginn und erklärte umgehend, wo sie das Hauptproblem sieht: Die Uni sei zu billig, und zu viele junge Spanier studierten an den Hochschulen. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, 26.2.2015)

  • Feindbild spanischer Studenten: Uni-Minister José Ignacio Wert.
    foto: epa / emilio naranjo

    Feindbild spanischer Studenten: Uni-Minister José Ignacio Wert.

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