Verletzte Gefühle

Kolumne25. Februar 2015, 17:12
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Den Kapitalismusgläubigen steht schon die nächste schwere Kränkung bevor

"Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält" wusste schon der deutsche Dichter Friedrich Hebbel. Nun dürfen wir sogar vermuten, dass dies auch für die Welt der Printmedien gilt. Nachdem das Magazin Datum einen Skandal um gefälschte Postings in Internet-Foren aufgedeckt hatte, tauchten rasch Gerüchte auf, wonach die von den peinlichen Enthüllungen betroffene Bank Austria auf die für sie unangenehme Geschichte mit der beleidigten Stornierung von Anzeigen im Heft reagiert habe. Wenige Tage später wurde ein ähnlicher, nur weitaus größer dimensionierter Fall aus England bekannt. Peter Oborne, der scheidende Chefkommentator der britischen Traditionszeitung The Daily Telegraph, gestand, dass ein Inseratenstopp der von Skandal-Enthüllungen gebeutelten HSBC-Bank dazu geführt habe, die kritische Berichterstattung über das Geldinstitut im Blatt deutlich einzuschränken.

Doch bevor man nun reflexartig die maßlos überzogene Angerührtheit der Banken geißelt, sollte ein Aspekt aus einem anderen Konflikt um die Pressefreiheit nicht außer Acht gelassen werden. Im Zuge der Debatten um Charlie Hebdo ist immer öfter von "verletzten religiösen Gefühlen" die Rede. Warum billigt man solche Gefühle nicht auch den Banken zu?

Was seine Wirkungsmacht anbelangt, hat sich der Glaube an den Kapitalismus längst neben allen Weltreligionen etabliert. Und genauso wie diese muss er sich zunehmend gegen Spott und Anzweiflungen zur Wehr setzen. In Zeiten, in denen die 72 Jungfrauen im Paradies als Übersetzungsfehler, die unbefleckte Empfängnis als Symbol ohne Realitätsgehalt und das samstägliche Nicht- Bedienen von Lichtschaltern zu Ehren Gottes als wirkungslos bezeichnet werden, sind auch Glaubensinhalte wie die Existenz des "Homo oeconomicus", der "unsichtbaren Hand des Marktes" oder des "freien Spiels der Kräfte" der mitunter hohntriefenden Verächtlichmachung durch Ungläubige ausgesetzt.

Dass die Banker als oberste Tempelhüter dieser Glaubensrichtung gegenüber Schmähungen besonders empfindlich sind, ist nicht erstaunlich, zumal sich seit dem großen Finanzcrash 2008 das Gewerbe des Investmentbankings imagemäßig auf einer Ebene mit Trickdiebstahl und Zuhälterei befindet.

Wenn also in diesen Tagen der parlamentarische Hypo-U-Ausschuss seine Tätigkeit aufnimmt, täten wir gut daran, unsere bankenkritischen Worte mit Bedacht zu wählen. Als Beispiel für die hochgradig verletzliche Gefühlslage der Betroffenen sei hier der vor den Ausschuss geladene Josef Pröll angeführt. Schon in seiner Zeit als Vizekanzler mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, hat er sich von der schmutzigen Welt der Politik abgewendet, um fortan auf die Kraft des Giebelkreuzes zu vertrauen. Darf man ihm nun wirklich vorwerfen, dass dieser vermutlich schon lange in ihm keimende Wille zur Bekehrung sein Denken und Handeln vielleicht unterbewusst vorzeitig beeinflusst hat?

Den Kapitalismusgläubigen steht ohnehin schon die nächste schwere Kränkung bevor. Dass der Ausschuss als Vertreter des heimischen Bankwesens ausgerechnet Wolfgang Kulterer und Tilo Berlin geladen hat, kann wohl nur als Griff in die unterste Schublade empfunden werden. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 26.2.2015)

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