In Nicaragua rostet die schwarze Bohne

26. Februar 2015, 07:00
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Klimaveränderungen und ein Rostpilz reduzieren die Ernte der Kaffeebauern. Bäuerinnen im Hochland greifen zu Selbsthilfe

Maria Isabel Muñoz Zamorra kniet auf dem weichen Waldboden und zupft resolut an einer zarten Pflanze. Die kräftige Sonne im Hochland im Norden Nicaraguas fällt nur als Zwielicht durch die hochgewachsenen, tropischen Bäume. Eigentlich optimale Bedingungen für die Pflanze, die hier gedeiht. Die 54-jährige Bäuerin öffnet ihre Hand und zeigt ihren Schatz: Kaffee. Im Inneren des Fruchtfleischs befinden sich zwei Bohnen. Die hellroten Früchte werden verkauft. Dunkelrote sind überreif, sie werden kompostiert. Grün ist unreif und wird von der Bäuerin selbst verbraucht. Der Geschmack ist zu bitter für den anspruchsvollen Weltmarkt. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Ernte mehr als halbiert. Grund sind klimatische Veränderungen und ein Rostpilz.

foto: julia schilly
Maria Isabel Muñoz Zamorra bewirtschaftet 0,7 Hektar Land im Hochland von Nicaragua. Ihr Geld verdient sie vor allem mit Fair-Trade-Kaffee.

Zamorra lebt im Dorf Los Llanos, in der Nähe von Estelí, der drittgrößten Stadt Nicaraguas. 0,7 Hektar Land hat sie durch einen Kredit der Frauenorganisation Fundación entre Mujeres (FEM) bekommen. Seit 2004 gibt es FEM-Genossenschaften in Nicaragua mit 2000 Mitgliedern in 17 Dörfern. Die Frauen schaffen sich ihre Arbeitsplätze selbst. Sie bauen biologisch an und haben ein Fair-Trade-Zertifikat. Zamorra bezeichnet sich selbst als ländliche Feministin. Durch Lernprogramme hat die ehemalige Analphabetin ihren Schulabschluss nachgeholt.

Doch die Selbstständigkeit der Frauen von Los Llanos wird nicht durch Ehemänner bedroht, deren Respekt durch das zusätzliche Einkommen stetig wuchs. "Würde ich nur Kaffee anpflanzen, würde es mittlerweile traurig aussehen", sagt Zamorra. Denn seit Jahren ist es zu trocken und heiß, als dass der Kaffee gut wachsen könnte.

foto: julia schilly
Die hellroten Früchte kann die Bäuerin verkaufen, die grünen konsumiert sie selbst. Ihre Ernte wird immer weniger, da sich das Klima verändert.

Die UN-Ernährungsorganisation FAO berichtete, dass eine Dürre in Nicaragua im vergangenen Jahr 25 bis 40 Prozent der Ernte vernichtet hat. "Es hat erst im September das erste Mal geregnet, sonst beginnt die Regenzeit im Mai", sagt Zamorra. Dazu kamen starke Stürme. Die Maisernte fiel ganz aus. Viele Flüsse sind ausgetrocknet, es wird immer schwieriger, das Vieh zu tränken.

Nicaragua zählt laut Klima-Risiko-Index (KRI) von Germanwatch im Langzeitvergleich von 1992 bis 2013 zu den fünf Ländern, die am meisten von Klimaveränderungen betroffen sind. "Die hohe Platzierung ist auf Hurrikan Mitch im Jahr 1998 zurückzuführen, der einen Schaden von mehr als 1,2 Milliarden Euro verursachte", sagt David Eckstein von Germanwatch. Mittelamerika sei wegen seiner geografischen Lage besonders gefährdet.

Auch der Bericht des UN-Weltklimarats kommt zu dem Ergebnis, dass extreme Wetterereignisse in dieser Region in den vergangenen 30 Jahren zugenommen haben. Allein das Auftreten eines einzelnen Ereignisses könne aber nicht auf den Klimawandel zurückgeführt werden, betont Eckstein, ergänzt aber: "Man kann für gewisse Wetterphänomene, insbesondere Hitzewellen, einen steigenden Trend feststellen."

grafik: der standard, foto: julia schilly
Die Region um Estelí ist seit Monaten von einer Dürre betroffen.

Samenbank für Kaffee

Die weltweite Kaffeeproduktion verringert sich dadurch konstant. Mit drastischen Folgen für die Wirtschaft der Produktionsländer. Denn Kaffee ist nach Erdöl der am häufigsten gehandelte Rohstoff und für einige afrikanische und lateinamerikanische Länder existenziell. Die Preise werden für Konsumenten empfindlich steigen, prognostizieren Experten.

foto: julia schilly
Der Rostpilz ist in vielen Ländern Mittelamerikas eine Plage.

Zudem breitet sich in Nicaragua ein Rostpilz aus. Die steigenden Temperaturen begünstigen dessen Wachstum. Er ist an gelben und schwarzen Flecken auf den Blättern zu erkennen. Die Mutation des Pilzes sei aggressiver und verbreite sich rascher als eine ähnliche Epidemie in den 70er-Jahren, berichten die älteren Bäuerinnen im Dorf. Viele Pflanzen auf Zamorras Plantage sind krank oder bereits abgestorben. Sie werden ausgegraben und verbrannt. Hunderte Keimlinge hat sie gepflanzt. Doch erste Erträge gibt es erst nach drei Jahren.

Da die Regierung kaum Maßnahmen setzt, hat FEM eine eigene Samenbank für Kaffeepflanzen angelegt. Kommerzielle Sorten sind genetisch verarmt. Durch Kreuzungen werden die Pflanzen gegen neue Schädlinge, Krankheiten oder Klimaveränderungen gewappnet. Auch Zamorra ist für Veränderungen gerüstet: Sie setzt auf Chia, die essbaren, proteinhaltigen Samen erleben gerade einen Boom im Westen. (Julia Schilly aus Estelí, DER STANDARD, 26.2.2015)

Hinweis: Die Reise wurde teilfinanziert durch die Katholische Frauenbewegung Österreich, die FEM als Modellprojekt ausgewählt hat.

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