Jagd der Taliban auf Pakistans Impfhelfer

26. Februar 2015, 05:30
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In Pakistan ermorden die Taliban immer mehr Impfhelfer. Als Folge davon ist die Zahl der Poliofälle so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr

Zu ihrem Schutz gehe sie nur noch mit einer Pistole los, sagt Rubina Bibi. "Die Taliban werden uns nicht von unserer Mission abhalten." Die 57-Jährige ist eine von zehntausenden Helfern in Pakistan, die von Haus zu Haus gehen, um Kindern im Alter unter fünf Jahren die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung zu verabreichen. Eigentlich sei sie zu alt für den Job, sagt sie. Doch sie wolle jungen Frauen ein Vorbild sein.

Freiwillige wie Bibi sind Pakistans stille Helden. Sie riskieren ihr Leben, um Kinder vor Polio zu schützen. Die Taliban haben die Helfer zum Abschuss freigegeben. Fast 70 Impfmitarbeiter haben die Extremisten in den vergangenen vier Jahren getötet, noch mehr wurden verletzt und bedroht. Vielerorts sind die Teams nur noch mit Polizeischutz unterwegs, doch auch das hilft wenig. Erst am 13. Februar verschwand Abdul Hameed in der Provinz Belutschistan mit zwei Polizisten und seinem Fahrer. Vier Tage später fand man ihre Leichen in einer einsamen Hügelgegend.

In den meisten Ländern ausgerottet

Die Attentatswelle gefährdet den Kampf gegen Polio. In den 1980er-Jahren wurden durch die Krankheit jährlich weltweit 350.000 Menschen verkrüppelt. 1988 begann eine weltweite Impfkampagne. Die Zahl der Poliofälle sank bis 2013 auf 416, heute ist Polio in den meisten Ländern ausgerottet.

Auch Pakistan schien zunächst auf gutem Wege. Das Land begann 1993 mit Massenimpfungen. Im März 2001 waren 27 Millionen Kinder geimpft. Doch seit die Taliban mit Gewalt die Kampagnen aufhalten, kehrt die alte Krankheit mit neuer Macht zurück. 2014 wurden 306 neue Fälle gemeldet - die höchste Zahl seit 15 Jahren.

Damit entfielen 85 Prozent aller weltweiten Poliofälle auf das südasiatische Land, die restlichen wurden vor allem aus Afghanistan und Nigeria gemeldet. Pakistan sei zum "Epizentrum" des Poliovirus geworden, schreibt die Express Tribune.

Der Erfolg der globalen Kampagne hängt nun daran ab, ob Pakistan den Virus eindämmen kann. Andernfalls drohe ein weltweites Comeback der Kinderlähmung, warnt die WHO: "Misslingt es, Polio in den verbleibenden Regionen zu stoppen, könnte dies in zehn Jahren zu 200.000 neuen Fällen weltweit führen."

Im Visier der Fanatiker

Es war 2007, als die Impfkampagnen ins Visier der Taliban gerieten. Religiöse Hardliner behaupteten, die Impfungen seien eine Verschwörung des Westens, um muslimische Männer unfruchtbar und Kinder krank zu machen. Vollends zum westlichen Teufelswerk wurden die Impfungen, als der US-Geheimdienst CIA verbreitete, er habe eine inszenierte Impfkampagne genutzt, um Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden in Abbottabad auf die Spur zu kommen.

2012 erließen die Fanatiker eine Fatwa gegen Impfungen in Wasiristan. "Wir erklären einen Bann gegen Polioimpfungen von heute an", sagte Gul Bahadur, einer der führenden Figuren der Taliban, im Juni 2012. Die Impfungen dürften erst weitergehen, wenn die Amerikaner ihre Drohnenattacken einstellten.

Seitdem gelten Frauen wie Rubina Bibi und Männer wie Abdul Hameed bei den Taliban als Repräsentanten und Spione des Westens. Damit bomben und morden die Militanten das Land auch medizinisch ins Mittelalter zurück. Doch es gibt auch Hoffnung: Laut Umfragen wollen die meisten Eltern ihre Kinder impfen lassen.

Als der ermordete Abdul Hameed zu Grabe getragen wurde, erwiesen ihm hunderte Menschen das letzte Geleit. Der Trauerzug wurde zu einer Kundgebung gegen das sinnlose Wüten der Extremisten - und für die Impfungen. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 26.2.2015)

  • Die Impfhelfer Pakistans stehen mittlerweile unter Polizeischutz. Trotzdem  werden viele von ihnen von den Taliban bedroht. Auch Übergriffe und Morde gibt  es immer wieder.
    foto: ap photo/mohammad sajjad

    Die Impfhelfer Pakistans stehen mittlerweile unter Polizeischutz. Trotzdem werden viele von ihnen von den Taliban bedroht. Auch Übergriffe und Morde gibt es immer wieder.

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