Nebenwirkung von Wissensdefiziten

25. Februar 2015, 09:36
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Patienten wissen nicht, welche Tabletten sie schlucken und kennen die Nebenwirkungen nicht - Österreichs Apotheker orten Handlungsbedarf

Speziell chronisch und mehrfach Kranke sind einem Risiko für Arzneimittelprobleme ausgesetzt. Studien aus Deutschland und Österreich belegen, dass Arzt, Pflege und Apotheker die medikamentöse Therapie optimieren und das Risiko für Nebenwirkungen verringern können.

Bereits seit vergangenem Jahr versucht die Österreichische Apothekerkammer das Medikationsmanagement zu propagieren. Der Apotheker soll auf Wunsch von Kunden deren Arzneimittel sichten, allfällige Risiken durch nicht optimal geeignete, von verschiedenen Ärzten mehrfach verschriebene oder in Kombination potenziell gefährliche Medikamente minimieren helfen. Dieses Service wollen die österreichischen Apotheker extra anbieten.

Nebenwirkungen von Nichtwissen

Dass mit einem solchen Vorgehen Risiken vermieden werden können, darauf gibt die derzeit in Nordrhein-Westfalen laufende WestGem-Studie erste Hinweise. Olaf Rose, Apotheker aus Münster in Deutschland, sagte am Montag bei der Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer: "Wenn wir als Apotheker zeigen wollen, dass wir einen Mehrwert für die Gesellschaft erzielen können, müssen wir das mit harten Daten unterlegen.

In der Studie wurden 160 Patienten aus Praxen von Allgemeinmedizinern im Alter über 65 Jahre, mit mehr als fünf verschriebenen Arzneimitteln und chronischen Erkrankungen - eine davon sollte eine Herz-Kreislauf-Krankheit sein - per Zufallsprinzip ausgewählt. Die Studie soll den Nutzen eines Medikationsmanagements zeigen."

Im Rahmen der Untersuchung wurden die Verschreibungsdaten der Patienten von den Ärzten abgerufen. Für die Probanden tätiges Pflegepersonal klärte die individuelle Situation und Lebensqualität der Patienten ab. Dann gingen die Daten zu einem Pharmazeuten-Gremium.

Sorgfalt bringt's

In bis zu zehn Stunden Arbeit pro Proband versuchten die Apotheker die Medikation zu optimieren. Die Informationen gingen dann wieder an die Ärzte als Angebot für die Weiterbetreuung des Patienten zurück.

Die Auswertung der Informationen von 106 Patienten zeigte, dass knapp 40 Prozent der Ratschläge zur Verbesserung der Medikation wirklich umgesetzt wurden. Wie groß das Verbesserungspotenzial bei solchen Personen ist, zeigt der Umstand, dass bei den Männern im Durchschnitt bei 3,9 Arzneimitteln ein Unterschied zwischen der Verordnung und der tatsächlichen Einnahme bestand.

Bei den Frauen war das bei 4,9 Medikamenten der Fall. "Im Durchschnitt hatte jeder Patient auch 1,1 für ältere Menschen nicht geeignete Arzneimittel verschrieben bekommen", sagte Rose.

In der deutschen Studie rund um das Medikationsmanagement zeigte sich, dass bei jedem männlichen Patienten im Durchschnitt 17 potenzielle Arzneimittelprobleme gegeben waren, bei Frauen stieg das auf einen durchschnittlichen Wert von 20. Pharmazeut Olaf Rose: "Allerdings waren nur ein Drittel der Interaktionen klinisch relevant."

Viele Leiden, viele Tabletten, viele Probleme

Viel gravierender dürften sich bei betagten Mehrfachkranken Informationsdefizite über die vom Arzt verschriebenen Medikamente und die der Verschreibung wirklich folgende Einnahme auswirken. So waren häufig verschriebene Arzneimittel gar nicht vorhanden.

Ein hoch wirksames Rheumamedikament wurde beispielsweise statt einmal alle zehn Tage gar wöchentlich eingenommen. Bei anderen Medikamenten klaffte zwischen der verordneten Einnahme - zum Beispiel drei Mal täglich - und der wirklich erfolgten Einnahme eine riesige Lücke.

"Bei mehr als 50 Prozent der Verordnungen kennt der Patient den Grund für die Verschreibung nicht. Es gibt Mehrfachverschreibungen. Fast alle Patienten nehmen ihre Medikamente mit dem Essen ein, auch wenn sie das bei manchen vorher tun sollten."

Mehrfachverschreibungen geschehen auch häufig nach vorübergehenden Spitalsaufenthalten, indem die vom Krankenhaus empfohlenen Medikamente mit jenen aus der Rezeptur des niedergelassenen Arztes kombiniert werden.

Krank von Neben- und Wechselwirkung

Laut der deutschen Studie führte das auch zu Effekten, die durchaus unerwünscht sind: Der Blutdruck war bei vielen der bisher ausgewerteten 106 Probanden zu niedrig eingestellt, was die Sturzgefahr samt Verletzungsrisiko durch Schwindelattacken erhöht. Auch der Blutzuckerwert (HbA1c) war oft zu niedrig, was bei betagten Menschen zu einem vermehrten Risiko von Unterzuckerung, speziell im Schlaf in der Nacht, führt. Die Cholesterinwerte waren hingegen eher zu hoch.

Gute Ergebnisse brachte auch eine Studie in einem Pflegeheim in Bad Gastein in Salzburg, wo ebenfalls gemeinsam von Pflegepersonal, Arzt und Apotheke zwischen Oktober 2013 bis November 2014 versucht wurde, die Medikation von 72 Patienten zu verbessern.

Das Durchschnittsalter der Betroffenen war 82 Jahre. Den Beteiligten ging es vor allem um eine Verbesserung der Medikation mit Hinsicht auf Vigilanz und Verbesserung der Schmerzbehandlung.

So kam es bei 40 Prozent der analysierten Patienten zu einer Änderung der Verordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, bei 45 Prozent zu einer Änderung in der analgetischen Medikation. Bei sieben Prozent konnten die Schlaf- und Beruhigungsmittel überhaupt abgesetzt werden, bei 36 Prozent der Schmerzpatienten die Analgetika reduziert oder abgesetzt werden. (APA/red, derStandard.at, 25.2.2015)

  • Welche Pille wofür? Und fühle ich mich dann besser. Oder schlechter. Vor allem alte Menschen nehmen viele unterschiedliche Tabletten ein - und leiden mitunter an den Wechselwirkungen.
    foto: apa

    Welche Pille wofür? Und fühle ich mich dann besser. Oder schlechter. Vor allem alte Menschen nehmen viele unterschiedliche Tabletten ein - und leiden mitunter an den Wechselwirkungen.

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