Kennzahlen: Wieso Deutschland Österreich immer weiter abhängt

25. Februar 2015, 05:30
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In Österreich steigt die Arbeitslosigkeit, Deutschland meldet Rekordbeschäftigung. Sind die Deutschen so viel besser?

Wien/Berlin - Die Auswahl der Themengebiete für das Duell der beiden Länder und größten Konkurrenten um Marktanteile erfolgte streng subjektiv und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Eine Revanche wird also wohl nötig sein. Aber zunächst zum Spielverlauf im Auftaktmatch:

  • Arbeitsmarkt. Die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg vermeldete vor kurzem, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland im Jänner so niedrig war wie schon seit 24 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs auf 42,87 Millionen, das ist ein neuer Rekordwert. Die Situation in Österreich ist anders.

    Zwar steigt auch hier die Zahl der Beschäftigten an. Doch die neuen Stellen reichen nicht aus, weil immer mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Die Folge ist, dass die Arbeitslosenquote im Gegensatz zu Deutschland zuletzt angestiegen ist. Aus heimischer Sicht bitter: Österreich war laut Statistikbehörde Eurostat jahrelang das Land mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in der EU. Im Jänner hat Deutschland (Quote: 4,8 Prozent) Österreich (4,9 Prozent) diesen Platz abgenommen. Dass in puncto Arbeitsmarkt Österreich die Nase trotzdem vorn hat und den Punkt macht, liegt daran, dass Deutschland das Land der Minijobs ist.

    Mehr als drei Millionen Deutsche haben einen Zweitjob. Die Zahl hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht. Viele Menschen - vor allem Frauen - kommen nur so über die Runden, denn sie verdienen im Hauptjob zu wenig. "Die Qualität der Arbeit wird eine der Herausforderungen der kommenden Jahre sein", meint Herzog-Stein, Arbeitsmarktforscher an der Hans-Böckler-Stiftung. Deutschland hat 2015 einen Mindestlohn von 8,50 Euro eingeführt, um den Niedriglohnsektor einzudämmen. In Österreich sorgen flächendeckende Kollektivverträge dafür, dass es seit Jahren fixe Lohnuntergrenzen gibt. Österreich 1:1 Deutschland.
  • Wachstum. Klarer Sieg für Deutschland. Während Österreichs Wirtschaft 2014 kaum zulegen konnte (plus 0,4 Prozent), ist die Wirtschaftsleistung im Nachbarland um satte 1,6 Prozent gewachsen. Deutsche Unternehmen haben mehr Geld ausgegeben: Bauinvestitionen stiegen in der Bundesrepublik dreimal so stark an wie in Österreich. Wichtigster Unterschied sind aber die deutlich steigenden Ausgaben der Konsumenten in Deutschland, während die Kauflaune in Österreich gedämpft bleibt.

    Hauptgrund für die unterschiedliche Entwicklung ist laut Christian Glocker vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), dass die Realeinkommen in Österreich seit Jahren rückläufig sind. Die Lohnerhöhungen werden von der höheren Inflation und durch die kalte Progression aufgefressen. In Deutschland steigen hingegen die Reallöhne nach einer Periode der Zurückhaltung wieder. Österreich 1:2 Deutschland.
  • Defizit. Eine knappe Sache, auch wenn die Deutschen auf den ersten Blick die Nase vorn haben. Erst am Dienstag meldete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden, dass der deutsche Staat 2014 das dritte Jahr in Folge schwarze Zahlen geschrieben hat. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung nahmen 18 Milliarden Euro mehr ein, als sie ausgaben. Dass Deutschlands Neuverschuldung sinkt, hat mehrere Ursachen. Zunächst kommt der Staat extrem billig an Kredite. Die Bundesrepublik gilt wegen der Eurokrise weiter als sicherer Hafen. Im Jahr 2008 musste das Nachbarland 40 Milliarden Euro für Zinsen ausgeben. 2014 betrugen diese Ausgaben nur mehr 25 Milliarden. Zudem sorgt die gute Konjunktur dafür, dass Steuereinnahmen steigen. Die CDU-geführte Regierung in Berlin fährt außerdem einen Sparkurs.

    In Österreich ist die Situation anders, hier steigt die Neuverschuldung weiter an, wenn auch moderat. Zwar profitiert auch Österreich von niedrigen Zinsen, doch nicht zuletzt Sonderausgaben für die Hypo Alpe Adria haben das heimische Defizit 2014 auf drei Prozent hochgetrieben. Das ist aber immer noch maastrichtkonform.

    Allerdings hat diese Entwicklung in Deutschland auch eine Kehrseite. Viele Ökonomen beklagen einen Investitionsstau. Zu sehen ist dieser überall: Brücken über Autobahnen bröckeln, Schlaglöcher auf Straßen sorgen immer wieder für Ärger. "Seit rund zehn Jahren wird die Sub-stanz aufgezehrt", kritisiert Katja Rietzler, Expertin für Steuer- und Finanzpolitik am IMK. Auf 118 Milliarden Euro beziffert Ulrich Maly, der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindetages, mittlerweile den Investitionsstau. Ergebnis: ein klares Unentschieden. Österreich 2:3 Deutschland.
  • Verschuldung. Klarer Sieg für Deutschland. Erst Mitte Februar hat die Ratingagentur Fitch Österreich das Top-Rating entzogen. Nur noch bei Moody's gibt es ein Triple-A. Kein Wunder: Die heimische Staatsverschuldung steigt weiter stark an und soll heuer laut Fitch 89 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen. Die Entwicklung ist schlechter als erwartet. Das liegt vor allem an den Mehrkosten für die Aufräumarbeiten im Bankensektor. Sowohl die Hypo als auch die KA-Finanz (Bad Bank der Kommunalkredit) kosten Steuerzahler mehr als gedacht.

    In Deutschland ist die Entwicklung anders verlaufen. Als Folge der Krise 2009 ist die Verschuldung zwar auch dort gestiegen. Verantwortlich dafür waren vor allem die Bankenrettungspakete. Allein die Hypo Real Estate kostetet die deutschen Steuerzahler mehr als 19 Milliarden Euro. Doch seit 2009 werden die geretteten Banken über eigens gegründete Bad Banks nach und nach abgewickelt (Bankgrundstücke werden verkauft, Kredite noch eingetrieben). Daher sinkt die Schuldenquote in Deutschland stetig von derzeit rund 75 Prozent. Österreich verliert hier also, weil die Bad Banks erst mit großer Zeitverzögerung eingerichtet wurden. Österreich 2:4 Deutschland
  • Pensionen. Aus Berlin kamen zuletzt widersprüchliche Signale. Einerseits wurde im Nachbarland schon 2007 die "Rente mit 67" beschlossen. Seit Jänner 2012 wird das gesetzliche Pensionsantrittsalter für Männer wie Frauen in kleinen Schritten von 65 auf 67 Jahre angehoben. Wer nach 1964 geboren wurde, der muss bis 67 arbeiten, um im Alter Einbußen zu vermeiden.

    Andererseits war eine der ersten Maßnahmen der regierenden großen Koalition die Einführung der "Rente mit 63": Langjährig Versicherte, die vor 1952 geboren wurden, können schon mit 63 Jahren in Pension gehen, wenn sie 45 Beitragsjahre zusammenbringen. In Österreich ist das Regelpensionsalter für Männer mit 65 Jahren erreicht, für Frauen mit 60 Jahren. Erst ab 2024 wird jenes der Frauen bis zum Jahr 2033 schrittweise auch auf 65 Jahre angehoben. Österreich kämpft derzeit auch damit, die Wege zur Frühpensionierung einzudämmen.

    Tatsächlich geht man in beiden Ländern früher in Pension: in Deutschland mit 62,1 (Männer) und 61,6 Jahren (Frauen), in Österreich mit 61,9 (Männer) und 59,4 Jahren (Frauen). Fazit: Für die persönliche Work-Life-Balance mag kürzeres Arbeiten schön sein, volkswirtschaftlich gesehen hat Deutschland die Nase vorn. Österreich 2:5 Deutschland.
  • Wettbewerb. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gilt der Exportsektor als Rückhalt der Volkswirschaft. Beide Länder haben zuletzt zwar Marktanteile verloren. Österreichs Anteil am Weltmarkt ging in den vergangenen fünf Jahren um 17 Prozent zurück, in Deutschland betrug der Rückgang zehn Prozentpunkte. Doch das liegt weniger an der eigenen Schwäche als daran, dass aufstrebende Schwellenländer erfolgreich waren. Sowohl Deutschland als auch Österreich können ihre Exporte seit Jahren steigern - auch die Krise war nur ein kurzer Dämpfer.

    Die Produktivität ist in beiden Ländern etwa identisch, wobei die Kosten für Arbeit in Österreich in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als in Deutschland. Allerdings: Im Schnitt ist eine Arbeitsstunde in Österreich mit 31,3 Euro immer noch etwas billiger als beim Nachbarn (31,7). Ein Unentschieden. Am Ende steht eine klare Niederlage die Alpenrepublik da. Österreich 3:6 Deutschland. (Birgit Baumann, András Szigetvari, DER STANDARD, 25.2.2015)
  • Nicht nur im Fußball hat Deutschland Österreich abgehängt. Jetzt auch in der Wirtschaft.
    foto: apa/christians

    Nicht nur im Fußball hat Deutschland Österreich abgehängt. Jetzt auch in der Wirtschaft.

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