Justiz: Alijews Tod "war eindeutig Selbstmord"

24. Februar 2015, 18:36
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Anwalt des kasachischen Ex-Botschafters glaubt hingegen an Mord - Staatsanwalt ordnet Obduktion an

Wien - Wenige Wochen vor dem Beginn seines Mordprozesses hat sich der kasachische Exbotschafter Rachat Alijew in seiner Einzelzelle in Wien stranguliert. Das ist zumindest die Darstellung der Justiz. "Es war eindeutig ein Selbstmord", sagt Vollzugsdirektor Peter Prechtl dem STANDARD (Interview siehe unten). Der Gang in der Haftanstalt Josefstadt sei videoüberwacht, niemand habe die Zelle betreten.

Alijews Verteidiger sehen das anders. Klaus Ainedter, der Alijew noch am Vortag gesprochen hat, hält einen Suizid für "überhaupt nicht nachvollziehbar". Anwalt Stefan Prochaska ist noch klarer: "Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat." Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion des Leichnams angeordnet. Tatsächlich begann am Dienstag ein Prozess gegen zwei Mithäftlinge Alijews, die diesen bedroht und erpresst haben sollen. Auch mit der Warnung, er werde in der Dusche getötet und es würde wie Selbstmord aussehen. So beschrieb es Alijew in seiner Anzeige gegen die beiden Männer an die Anstaltsleitung.

Die wiederum beteuern, Opfer einer Verleumdung zu sein, und beschreiben, dass Alijew nach anfänglicher Zuversicht über eine Freilassung immer nervöser geworden sei. Ein Polizist sagte aus, Alijew habe sich vor der Drohung gefürchtet.

Der Tod des kampfeslustigen Mordverdächtigen Alijew

"Ich kann den Verfahrensbeteiligten und auch der Öffentlichkeit sagen, dass sich der Hauptbelastungszeuge suizidiert hat", sagt Norbert Gerstberger, Vorsitzender des Schöffensenates im Erpressungsprozess gegen Marcel O. und Christian K. gleich zu Beginn. Und merkt in gewohntem Understatement an: "Das ist nicht ganz unrelevant." Womit er recht hat: Denn das angebliche Opfer, um das es in der Verhandlung geht, war Rachat Alijew.

Es hätte der erste öffentliche Auftritt des wegen Mordes angeklagten Ex-Botschafters Kasachstans seit langem werden sollen. Er hätte als erster Zeuge aussagen und schildern sollen, wie ihn seine beiden Mithäftlinge im Juni 2014 bedroht und um Geld erpresst haben. Das hatte er angezeigt, die Angeklagten leugnen.

Doch um 7.20 Uhr entdeckten zwei Stunden vor Prozessstart Beamte die Leiche des 52-Jährigen in der Dusche seiner Einzelzelle in der Sonderkrankenanstalt der Justizanstalt Wien-Josefstadt. Er hat sich laut Justiz mit Mullbinden an einem Kleiderhaken stranguliert. Woher er das Verbandsmaterial hatte, ist unklar - in einem Spital ist es allerdings nicht schwer, es sich zu beschaffen.

Das Pikante daran: Laut Anklage sollen O. und K. genau damit gedroht haben. "Sie haben gesagt, wenn er nicht 3000 Euro zahlt, wird er im Duschraum umgebracht und es wird wie ein Selbstmord aussehen", zitiert der Staatsanwalt aus dem Schreiben Alijews an die Gefängnisleitung. Tatsächlich floss Geld: Alijews Anwalt Klaus Ainedter überwies 1000 Euro an K.s Verteidiger.

Ainedter kämpft als Privatbeteiligtenvertreter für die Interessen Alijews. Sichtlich erschüttert. Eigentlich habe er die bezahlten 1000 Euro zurückfordern wollen, erklärt er. "Aber das mache ich jetzt aus Pietät nicht mehr." Gleichzeitig erhebt der Jurist schwere Vorwürfe: "Vielleicht hätte man die Befürchtungen eher wahrnehmen sollen", giftet er Richtung Staatsanwaltschaft. Die wollte das Verfahren ursprünglich einstellen, erst eine Weisung führte zur Anklage.

"Nicht nachvollziehbar"

Auch danach macht Ainedter vor Journalisten keinen Hehl daraus, dass er nicht an einen Selbstmord glaubt. "Ich beschuldige niemanden, aber aufgrund der Begleitumstände ist ein Selbstmord überhaupt nicht nachvollziehbar."

Im Gegenteil: Er habe Alijew Montagmittag noch besucht, man habe über das Mordverfahren gesprochen. "Kampfeslustig ist für seine Stimmung ein Hilfsausdruck." Sein Mandant sei den Akt gründlich durchgegangen. "Er hat einige Punkte mit Widersprüchen, Lücken und Fehlern gefunden." Zwei- bis dreimal pro Woche habe er Alijew in der Untersuchungshaft besucht, sagt Ainedter. Einen deprimierten Eindruck habe er nie gemacht.

Noch deutlicher formuliert es Stefan Prochaska, ein weiterer Rechtsvertreter von Alijew. "Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat." Eine Ansicht, der Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion, widerspricht. "Für uns war es eindeutig Selbstmord, es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass er ermordet worden ist." Es seien keine Spuren von Gewaltanwendung gefunden worden, der Gang vor der Zelle sei videoüberwacht.

Dennoch hat die Tatortgruppe der Kriminalpolizei bereits kurz nach der Entdeckung der Leiche im Auftrag der Staatsanwaltschaft die Zelle untersucht. Auch eine Obduktion Alijews wurde bereits angeordnet.

K. und O., die beiden angeblichen Erpresser, stellen den Geisteszustand von Alijew in ihrem Prozess anders dar. "Wie er gekommen ist, war er die ersten zwei Tage noch freundlich", schildert K. seine Erinnerung. "Er war sich sicher, dass er nach ein paar Tagen wieder entlassen wird. Dann ist er immer nervöser geworden, als das nicht passiert ist."

Dass er den Ex-Politiker erpresst habe, bestreitet der mehrfach Vorbestrafte, der derzeit in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist, vehement. Wobei seine Argumente nicht von der Hand zu weisen sind. "Wenn man jemanden erpressen will, verlangt man andere Summen", sagt er. Auch Gerstberger findet es ungewöhnlich, dass angebliches Erpressungsgeld nicht bar ausgezahlt, sondern überwiesen wird.

Mehrere Merkwürdigkeiten

Es gibt noch mehr Merkwürdigkeiten. In seiner Anzeige schrieb Alijew dezidiert, dass seine Mithäftlinge jeden Nachmittag um 17 Uhr Suchtgift konsumieren würden. "So ein Blödsinn", echauffiert sich K., "da sind die Pfleger mit den Tabletten gekommen." Tatsächlich waren die nach Alijews Anzeige durchgeführten Drogentests bei den Angeklagten negativ. K. erzählt weiter: "Ich bin erst neulich wieder vernommen worden, weil er (Alijew, Anm.) gesagt hat, dass ein Justizwachebeamter mir immer eine Eierspeise mit Drogenbriefen gebracht hat."

Die 1000 Euro habe er von Alijew aus Mitleid bekommen. "Er hat gesagt, er hat genug Geld. Er hat sich Namen und Adresse von meinem Anwalt aufgeschrieben und seinem gegeben." Warum Alijew die Vorwürfe erhob, können sich K. und sein Mitangeklagter nicht erklären. Verteidiger Nikolaus Rast schon: Wegen der angeblichen Erpressung habe Alijew eine Einzelzelle bekommen.

Der Chefinspektor, der in der Sache ermittelt hat, schildert dagegen, Alijew habe auch nach seiner Verlegung in eine Einzelzelle gesagt, er fürchte, dass die Drohung wahrgemacht werde. Gleichzeitig sagt der Polizist auch, dass sowohl die Aussagen der Angeklagten als auch jene Alijews in sich plausibel gewesen seien - nur eben im Widerspruch standen.

Trotz des Todes des Hauptangeklagten soll das Verfahren um die Ermordung zweier kasachischer Bankmanager demnächst starten, zuletzt war von Anfang April die Rede. Angeklagt sind der Ex-Chef des kasachischen Geheimdiensts KNB, Alnur Mussajew, sowie ein Ex-Leibwächter Alijews.

Im Prozess gegen K. und O. gibt es vorerst kein Urteil: Für weitere Zeugen wurde vertagt.

foto: standard/corn heribert
Peter Prechtl: "Es gibt kein Indiz für einen Mord."

Für Peter Prechtl, Chef der heimischen Vollzugsanstalten, steht fest, dass sich Rachat Alijew selbst getötet hat. Anzeichen für einen bevorstehenden Suizid habe aber niemand bemerkt.

STANDARD: Herr Prechtl, gibt es einen Hinweis, dass Rachat Alijew ermordet wurde?

Peter Prechtl: Nein, für den Strafvollzug gibt es kein Indiz dafür. Für uns war es eindeutig ein Selbstmord.

STANDARD: Hätte jemand in die Zelle in der Spitalsabteilung gelangen können?

Prechtl: Es gibt keinen Hinweis dafür. Der Gang vor der Zelle wird videoüberwacht, auf diesen Bildern ist nichts zu sehen. Wir haben mittlerweile auch den Türstandsanzeiger und die Gegensprechanlage überprüft. Niemand hat in der Nacht die Zelle betreten. Die Justizwachebeamten vor Ort haben auch keine Haftraumschlüssel. Zusätzlich wurden in der Zelle keine Kampfspuren entdeckt, auch ungewöhnliche Geräusche sind in der Nacht niemandem aufgefallen.

STANDARD: Alijew hat im Vorjahr angezeigt, er sei von Mithäftlingen mit dem Umbringen bedroht worden. Gab es deswegen keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen?

Prechtl: Man hat ein Auge draufgehabt. Es gibt übliche Regeln, etwa dass er keinen Kontakt zu seinen beiden Mitangeklagten hat. Aber es gab keine konkreten Bedrohungen.

STANDARD: Wie wahrscheinlich war dann ein Selbstmord?

Prechtl: Aus unserer Sicht sehr unwahrscheinlich. Wie bei jedem Häftling wurde ein psychologisches Screening durchgeführt. Bei dem Ergebnis nach dem Ampelsystem war Herr Alijew "grün". Das bedeutet, dass er ohne Bedenken in einer Einzelzelle untergebracht werden konnte.

STANDARD: Gab es nicht dennoch Anzeichen?

Prechtl: Nein, weder die Ärzte noch die Vollzugsbeamten haben in letzter Zeit meinen Informationen nach irgendeine Wesensveränderung bemerkt.

STANDARD: Wann wurde Alijew am Montag in die Zelle gesperrt?

Prechtl: Im Spital ist die Regelung etwas liberaler. Die Türen sind teilweise offen, damit sich die Patienten bewegen können. Die Schließzeit ist 18 Uhr, nach dem Dienstbeginn um sieben Uhr wird wieder aufgesperrt.

STANDARD: Wird während der Nacht nicht kontrolliert?

Prechtl: Doch. In der Krankenabteilung gibt es Extrabeamte. Alle ein bis eineinhalb Stunden wird in die Hafträume geschaut. Wobei der Dusch- und WC-Bereich nicht eingesehen werden kann.

STANDARD: Kann man einen Selbstmord in Haft verhindern?

Prechtl: Wir tun alles dafür, aber wenn jemand den Willen hat, lässt es sich kaum verhindern. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 25.2.2015)

  • Eine Außenansicht des Gefangenenhauses beim Landesgericht für Strafsachen Wien  am Dienstag, 24. Februar 2015. Der wegen Mordes angeklagte kasachische  Ex-Botschafter Rachat Alijew wurde am Morgen in seiner Einzelzelle tot  aufgefunden.
    foto: apa/roland schlager

    Eine Außenansicht des Gefangenenhauses beim Landesgericht für Strafsachen Wien am Dienstag, 24. Februar 2015. Der wegen Mordes angeklagte kasachische Ex-Botschafter Rachat Alijew wurde am Morgen in seiner Einzelzelle tot aufgefunden.

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