Wittgensteins Enkel im digitalen Wandel

25. Februar 2015, 18:21
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Bisher wurden informatische Methoden vor allem in den Naturwissenschaften angewendet. In den Digital Humanities kommen sie auch in den Geisteswissenschaften zum Einsatz

Wien/Graz - Die Bibliothek als Biotop: Gemeinhin stellt man sich das natürliche Dasein der Geisteswissenschafter zwischen zwei Buchdeckeln vor. Wenn es aber um den Einsatz von Rechnerkapazitäten und digitale Datenanalysen geht, denkt man landläufig an die Naturwissenschaften. Doch der digitale Kulturwandel macht auch nicht vor den Geisteswissenschaften halt: Verstärkt werden hier Methoden aus dem Bereich der Informatik genutzt und digitale Hervorbringungen des Menschen kulturwissenschaftlich unter die Lupe genommen.

Diese Bemühungen waren bisher eher jenseits der Landesgrenzen wahrzunehmen - jedoch regt sich hierzulande langsam etwas: Die Akademie der Wissenschaften gründete etwa im vergangenen Jahr ein "Zentrum für digitale Geisteswissenschaften". Aktuell werden fünf Projekte in diesem Feld gefördert. Auch anderswo rücken die Digital Humanities in den Fokus: In dieser Woche widmet man sich in Graz bei einer Tagung dem Sprung der Geisteswissenschaften in den digitalen Raum.

"Wir stellen uns die Frage, welchen Mehrwert Informationstechnologien für die geisteswissenschaftliche Forschung bringen können", sagt der Tagungsorganisator Johannes Stigler vom Zentrum für Informationsmodellierung an der Uni Graz und verweist dabei auf die besondere Wechselbeziehung von Praxis und Theorie im Bereich der Digital Humanities: Ausgehend vom bloßen wissenschaftlichen Umgang mit Informationstechnologien haben sich diese Techniken in den Geisteswissenschaften selbst zum Forschungsgegenstand entwickelt.

Scheinbarer Widerspruch

Das digitale Forschungsinstrumentarium wird nicht nur als Hilfsmittel eingesetzt, sondern sein Einsatz zugleich auch reflektiert. Dass der Umgang mit diesen neuen Technologien weitaus zaghafter vonstattenging als etwa in den Naturwissenschaften, erklärt Stigler: "Auf den ersten Blick steht dieser digitale Wandel scheinbar im Widerspruch zur geisteswissenschaftlichen Traditionen, die naturwissenschaftliche Wege der Erkenntnis mit Skepsis betrachten." Bei genauerem Hinsehen zeige sich aber, dass der Einsatz von digitalen Methoden auch "neue Forschungsmöglichkeiten für eine in den Geisteswissenschaften übliche hermeneutische Annäherung eröffnen kann".

Ein Beispiel dafür ist etwa das Onlineportal "WiTTFind", das Maximilian Hadersbeck von der Universität München bei der Grazer Konferenz präsentieren wird. In diesem wurde der Nachlass des Philosophen Ludwig Wittgenstein digitalisiert, unterschiedliche Suchfunktionen eröffnen neue Möglichkeiten, Wittgensteins Werk zu analysieren.

Alexander Geyken, Arbeitsstellenleiter des "Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache" an der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, wird bei der Konferenz präsentieren, wie mithilfe elektronischer Textarchive Wort und Wortverbindungen im Zeitraum von 400 Jahren analysiert werden können.

In einzelnen Disziplinen der Geisteswissenschaften - wie etwa der Archäologie - ist der Einsatz von Informationstechnologien inzwischen recht etabliert. Im deutschsprachigen Ausland haben vereinzelte Uni-Standorte wie etwa Heidelberg, Göttingen oder Lausanne bereits Lehrstühle für Digital Humanities eingerichtet. Hierzulande fehlt eine derartige Professur noch, jedoch wurde in Graz eine solche Stelle inzwischen ausgeschrieben.

Dass diese Forschungslandschaft hierzulande aber nicht völlig brachliegt, zeigt sich darin, dass neben zahlreichen Vertretern aus dem Ausland auch einige österreichische Geisteswissenschafter in Graz vortragen. So wird der Soziologe Florian Windhager von der Donau-Universität Krems Methoden zur digitalen Visualisierung von historischen Daten präsentieren - etwa die Darstellung von umfangreichen Archivsammlungen mithilfe von interaktiven Grafiken: "Für meine Begriffe sind die Digital Humanities in erster Linie eine Erweiterung des traditionellen wissenschaftlichen Werkzeugkastens."

Jenseits klassischer Methoden

So sei es möglich, zusätzliche Analysen durchzuführen, die über die klassischen Methoden hinausgehen. "Mit digitalen Methoden kann man in die Quellen noch tiefer hineingehen und gleichzeitig weiter hinauszoomen, um Struktur und Dynamik ganzer Genres oder Diskurse in den Blick zu nehmen", sagt Windhager.

Bei der Tagung wird man nicht nur die neuen Methoden diskutieren, sondern sich auch den neuen Forschungsgegenständen der Digital Humanities widmen. Der Historiker Gernot Hausar von der Uni Wien wird das Beispiel der Videospielreihe Assassin's Creed, die in mehreren historischen Epochen spielt, geschichtswissenschaftlich analysieren: "Spiele sind für uns als Historiker so interessant, weil sich die populäre Rezeption von Geschichte immer häufiger durch Games vollzieht." Vom Bildschirm kommen die Geisteswissenschafter also nicht mehr so schnell weg. (Johannes Lau, DER STANDARD, 25.2.2015)

  • Der Einsatz informatischer Methoden eröffnet den Geisteswissenschaften  neue Inhalte und eine neue Forschungspraxis. Auf dem Foto  ist die  Lichtinstallation "Light in Dark" des Künstlerkollektivs teamLab im  National Museum of Emerging Science in Tokio zu sehen.
    foto: picturedesk.com/epa/kimima sa mayama

    Der Einsatz informatischer Methoden eröffnet den Geisteswissenschaften neue Inhalte und eine neue Forschungspraxis. Auf dem Foto ist die Lichtinstallation "Light in Dark" des Künstlerkollektivs teamLab im National Museum of Emerging Science in Tokio zu sehen.

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