Rhythmische Töne auf der Gefühlsklaviatur

28. Februar 2015, 18:00
9 Postings

Melodien aktivieren Bereiche im Gehirn, die für seelisches Wohlbefinden und Wahrnehmung relevant sind. Sind daher musikalische Menschen auch gefühlvoller?

Innsbruck - Filmkennern wird diese Szene aus Alfred Hitchcocks "Vertigo" (1958) ein Begriff sein: James Stewart sitzt in der Rolle des ehemaligen, an der Höhenkrankheit leidenden Polizisten John "Scottie" Ferguson völlig apathisch in einer Klinik und hört Musik. Da der Mann Hilfe braucht, hat man ihm Mozarts "Andante di molto" aus der C-Dur-Symphonie aufgelegt. Für jeden Fall habe man hier andere Musikstücke, sagt seine stets hilfsbereite, platonische Freundin Midge, die gerade zu Besuch ist. Und ergänzt hoffnungsfroh: "Mozart is the boy for you."

Zwar ist in diesem einen Fall die Behandlung nicht erfolgreich. Die Szene spiegelt aber wider, dass in den 1950er-Jahren zahlreiche Arbeiten bezüglich des Einsatzes von Musiktherapie bei seelisch kranken Menschen publiziert wurden - unter anderem von Theodor Reik, einem Schüler Sigmund Freuds. Er ist zum Beispiel der Meinung, dass Musik Gefühle viel besser ausdrücken könne als Worte. Mittlerweile wurde mehrfach nachgewiesen, dass sie auch jenen hilft, die in ihrer Gefühlswelt gefangen sind.

Das bekannteste Beispiel: Patienten mit Depressionen machen mit einer Musiktherapie große Fortschritte. Erst im Oktober des vergangenen Jahres haben Forscher der Queens University in Belfast gezeigt, dass depressive Kinder und Jugendliche dank dieser Intervention ihr Selbstwertgefühl signifikant steigern konnten.

Seit etwa zehn bis 15 Jahren untersuchen Psychologen und Neurowissenschafter die Musik und ihre Einflüsse auf Menschen und ihre Eigenschaften auch abseits therapeutischer Ansätze.

Output deutlich gestiegen

Der wissenschaftliche Output dieses Themas wurde dabei exponentiell gesteigert: laut der Plattform Pubmed um nicht weniger als 250 Prozent. In Studien hat man herausgefunden, dass Musiktherapie nicht nur positive Wirkung bei Demenzerkankungen zeigt, sondern auch die Wiederkehr des Sprechvermögens nach einem Schlaganfall (Aphasie) beschleunigt.

Aber warum ist das so? Der Schweizer Wissenschafter Marcel Zentner, seit Frühling des vergangenen Jahres Professor am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck, sagt: "Musik aktiviert offenbar wichtige emotions- und kognitionsrelevante Bereiche im Gehirn. Durch die Beanspruchung dieser hirnphysiologischen Schaltkreise stellt sich ein Trainingseffekt ein." Zentner, der selbst Klavier spielt, beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Musik und ihren Einfluss auf den menschlichen Charakter.

Zur Erforschung dieser Verbindung hat der Wissenschafter gemeinsam mit Kollegen einen Test entwickelt, durch den die musikalische Wahrnehmungsfähigkeit von Probanden überprüft werden kann. Dabei geht es nicht um die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, sondern darum, Töne, Klänge, Melodien und Rhythmen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.

Der Testablauf: Eine Melodie wird vorgespielt, danach wiederholt - und an dritter Stelle folgt sie noch einmal: entweder genau gleich oder leicht verändert. Angesprochen sind vor allem Personen ohne entsprechende Ausbildung, die von ihrem musikalischen Talent vielleicht auch noch nichts wissen. Zentner nennt sie "musikalische Schläfer".

Proms (The Profile of Music Perception Skills), wie der Test nun genannt wird, ist seit kurzem in einer Originalversion, die neunzig Minuten dauert, und in einer 15-minütigen Kurzversion auf Zentners Website verfügbar. Jeder kann mitmachen, jeder kann auch anfragen, ob der Test für eigene Forschungszecke verwendbar ist. "Die Nachfrage danach ist derzeit wirklich groß", sagt Zentner, der die enormen wissenschaftlichen Möglichkeiten derartiger Datenanalysen skizziert.

Mit einem größeren Sample könne man die Musikalität von Bevölkerungsgruppen erstmals objektiv und im Detail analysieren: Haben Frauen andere musikalische Talente als Männer? Nimmt die Musikalität im Alter ab? Steigt sie womöglich? Spielen soziodemografische, nationale oder regionale Unterschiede eine Rolle? Welche Nation ist die musikalischste? "All diesen Fragen könnte man sich widmen," sagt der Wissenschafter.

Gespür für Melodien

Durch diesen Test allein wussten die Wissenschafter natürlich noch nicht, ob musikalische Menschen emotional intelligenter sind oder mehr Sprachgefühl besitzen. Das konnte nur mithilfe weiterer Untersuchungen gelingen. Vorläufige Ergebnisse zeigen: Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang mit einem Teil der emotionalen Intelligenz.

Wer mehr Gespür für Melodien, Klangfarben und Takte hat, dem gelingt es auch besser, Emotionen in der Sprechstimme richtig herauszuhören: Ärger, Freude zum Beispiel, wobei Zentner sagt, dass noch unklar sei, inwieweit diese Zusammenhänge auch auf andere Bereiche emotionaler Intelligenz - wie das Ablesen von Emotionen im Gesichtsausdruck - übertragbar seien.

Was das Sprachverständnis betrifft, verweist Zentner auf eine Studie der Universität Oxford: Hier habe man herausgefunden, dass Kinder, die Legasthenie haben, also die gesprochene Sprache nur in falscher Reihenfolge in geschriebene Sprache umsetzen können, nach einem Rhythmustraining diese Störung weitgehend verlieren.

Dabei ist Musikalität nichts, was man Kindern erst beibringen muss. Sie scheint sogar "angeboren" zu sein. Zentner selbst trat an seiner früheren Wirkungsstätte, der University of York in Großbritannien, den Beweis an: Er spielte gemeinsam mit Kollegen einigen Babys Melodien vor, denn nur mit diesen Probanden konnten die Wissenschafter die Ursprünge musikalischer Fähigkeiten erforschen. Viele Säuglinge begannen, im Takt zu wippen. "So stark, dass wir schon fürchteten, sie würden vom Schoß der Eltern oder vom Sessel fallen."

Natürlich habe es individuelle Unterschiede gegeben. Manche Babys groovten überhaupt nicht oder reagierten kaum. Für Zentner, der auch ein neues Modell von neun musikinduzierten Emotionsgruppen - "Nostalgie" ist eine davon - entwickelte, waren die intensiven Reaktionen der Kleinkinder besonders interessant. Je rhythmischer die Kinder sich bewegten, desto mehr lächelten sie.

Das konnte zwei Gründe haben, sagt Zentner: Möglicherweise waren sie aufgrund des gelungenen Mitswingens einfach zufrieden. Wissenschafter nennen dieses Lächeln dann "mastery smile". Vielleicht aber versetzte sie die Musik in eine positive Stimmung, die es ihnen erleichterte, sich zu bewegen. Zentner: "Eine Antwort haben wir selbstverständlich nicht erhalten." Das sei auch gerade das Faszinierende an dem Thema: "Man muss mit Musikalität nicht alles auf Punkt und Beistrich erklären können." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 25.2.2015)

  • Am Skateboard liegen, Musik hören und entspannen: Wie musikalisch Menschen wirklich sind, erforschen Wissenschafter aus Innsbruck mit neuen Testwerkzeugen.
    foto: picturedesk.com/westend61

    Am Skateboard liegen, Musik hören und entspannen: Wie musikalisch Menschen wirklich sind, erforschen Wissenschafter aus Innsbruck mit neuen Testwerkzeugen.

Share if you care.