Bauphysikerin mit Faible für Jugendstil

1. März 2015, 16:29
3 Postings

Julia Bachinger untersucht, wie Dächer allen Wetterverhältnissen standhalten

Begonnen hat alles mit Otto Wagner: Seine Jugendstilbauweise habe sie dazu motiviert, nach Wien zu kommen, um Architektur zu studieren, sagt Julia Bachinger. Bei der Architektur ist es jedoch nicht geblieben - schnell begann sich die gebürtige Oberösterreicherin in Richtung Bauphysik zu orientieren: "Weil ich es spannend fand, welche Prozesse in Baumaterialien ablaufen." Nahe lag deshalb ein Doktoratsstudium auf diesem Gebiet. Es folgten berufliche Aufenthalte in Vorarlberg - wo "viel im Bereich umweltfreundliches Bauen erreicht wurde" - und der Schweiz.

Seit einem Jahr arbeitet Bachinger nun in der Holzforschung Austria in Wien. Was sie dort beschäftigt, sind Flach- und Steildächer aus Holz: "Die Winddichtheit von Gebäuden ist für die Außenwand und die Dachfläche leicht herzustellen", sagt Bachinger, "schwieriger wird es bei der Traufe. Wir haben uns angeschaut, wann es funktioniert."

Um zu überprüfen, wie Dächer beschaffen sein müssen, um Wind und Wetter standzuhalten, führte das Team mehr als hundert In- und Outdoorexperimente durch. Die Vorgehensweise: Man errichtet ein Steildach in Höhe eines Einfamilienhauses, dessen Traufe in die Hauptwindrichtung orientiert ist. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass es bei vollgedämmten Dächern im Schatten zu deutlich geringeren Temperaturen kommt und die Holzschalung daher feuchter wird als bei teilgedämmten", sagt Bachinger.

Ihre Dissertation stand bereits ganz im Zeichen ihres derzeitigen Forschungsfokus: Es ging darin um Flachdächer, Feuchte - und um Holz. Denn bei der Herstellung von Flachdächern bringe der Naturstoff entscheidende Vorteile, sagt Bachinger: Er sei gegenüber anderen Materialien günstig und umweltfreundlich. Holzdächer ließen sich darüber hinaus einfach konstruieren - und würden sich daher vor allem für die Abdeckung von großen Hallen, wie z. B. Einkaufszentren, gut eignen.

Bachinger ist derzeit ACR-Expertin. Das Forschungsnetzwerk Austrian Cooperative Research - eine Plattform für kleine und mittlere Unternehmen - will für Forschung motivieren und wählt dazu alle zwei Monate eine Wissenschafterin oder einen Wissenschafter. Worauf will die 34-Jährige als ACR-Expertin aufmerksam machen? Darauf, wie wichtig es ist, "authentisch" zu bauen: "Es gibt viele Baumaterialien, die alle ihren Platz haben", sagt sie. "Stahlbeton für Fundamente und Kellerwände, Holz für Dächer, Außenwände und Möbel. Ich finde es schlimm, wenn Materialien am falschen Ort eingesetzt werden und dadurch Bauschäden und unästhetische Bauten entstehen."

Genau dieser Praxisbezug ist es, den Bachinger an ihrer täglichen Arbeit schätzt: "Baubeteiligte tragen Probleme an uns heran, und wir finden in der Forschung die Ursachen und Lösungen." Bewusst für eine Forscherkarriere entschieden habe sie sich aber nie: "Ich habe einfach das gemacht, was mir am meisten Spaß macht."

Spaß macht der jungen Mutter auch Sport in der Natur: Sie unternimmt Skitouren, wandert und klettert gerne. Ambitionen, Wien zu verlassen, hat sie dennoch nicht. Sie schätzt die Stadt wegen der kostengünstigen Kinderbetreuung und der "Möglichkeit, ohne Auto leben zu können". Und natürlich wegen der Jugendstilbauten Otto Wagners. (Lisa Breit, DER STANDARD, 25.2.2015)

  • Julia Bachinger testet verschiedene Baustoffe in Outdoorexperimenten.
    foto: foto: hfa / foto enzlmüller

    Julia Bachinger testet verschiedene Baustoffe in Outdoorexperimenten.

Share if you care.