Elliot Sailors: "Habe mich nie als Mann gefühlt"

Interview3. März 2015, 05:30
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Elliott Sailors begann ihre Karriere als weibliches Model – mittlerweile modelt sie für Männermode. Ein Gespräch über überkommene Geschlechterrollen und darüber, warum geschlechtsneutrale Mode die Zukunft ist

Es ist keine ganz neue Entwicklung. Aber eine, die in den vergangenen Jahren wieder Fahrt aufgenommen hat. Da stürmte ein australisches Model namens Andrej Pejic die Laufstege, das zwar als Mann geboren wurde, aber in Frauenkleidern wesentlich bessere Figur machte. Da modelten in Werbekampagnen ätherische Wesen, halb Frau, halb Mann, da entwarfen die Modemacher Röcke für Männer und Anzüge für Frauen. Dreißig Jahre nachdem Jean Paul Gaultier mit seinem Männerrock für Furore sorgte, gehört das Spiel mit den Geschlechtergrenzen in der Mode wieder zum guten Ton.

Eine neue Generation von Designern ist nachgewachsen, die sich mit derselben Selbstverständlichkeit in ein Gender-Studies-Seminar wie in einen Schnittkurs setzt. Statt auf gesellschaftspolitische Botschaften setzen sie in den meisten Fällen auf die Lust an der Transgression und auf das Spiel mit Klischees. Beim jungen englischen Designer J.W. Anderson tragen schon einmal Buben und Mädels dieselben monströsen Plateauschuhe und ausladenden Volantröcke. Beim kalifornischen Modemacher Rick Owens ist oft kaum auszumachen, für wen sein dunkler Lagenlook eigentlich gedacht ist. Er steht Männern gleichermaßen wie Frauen. Und selbst bei Miuccia Prada bevölkern neuerdings genauso viele Männer- wie Frauenmodels die Modeschauen. "Gender ist der Kontext, und der Kontext ist oft gegendert", ließ sie die Besucher bei ihrer letzten Männerschau wissen.

All das hat auch die Modelwelt verändert. Jemand wie Conchita Wurst wird gleichermaßen von Jean Paul Gaultier wie von Karl Lagerfeld hofiert. Frauen, die in Männermode modeln, stehen hoch im Kurs. Eine von ihnen ist die Amerikanerin Elliott Sailors. Gerade ist sie auf der Modeschau von Vivienne Westwood in Mailand gelaufen. Wir erreichen sie in New York.

STANDARD: Wann haben Sie begonnen, als Model zu arbeiten?

Elliott Sailors: Mein Vater brachte mich zu einer Art Casting, da war ich neun Jahre alt. Ich habe das aber nur hin und wieder gemacht, ein Fulltime-Job wurde es erst, als ich mit 19 nach New York zog. Damals modelte ich noch ausschließlich für Frauenmode.

STANDARD: Warum haben Sie angefangen, als androgynes Model für Männermode zu arbeiten?

Sailors: Als ich 30 wurde, kam ich an einen Punkt in meiner Karriere, wo ich etwas Neues anfangen wollte, etwas, das sich richtig anfühlte, wobei ich mich nicht verstellen musste. Meine Entscheidung sollte ja nicht nur für mich etwas bedeuten, sondern auch andere dazu ermutigen, zu sich selbst zu stehen und sich nicht darin zu limitieren, was man alles sein kann. Für Frauen wird es in einem gewissen Alter schwierig, Aufträge zu bekommen, Männer können länger in dem Geschäft bleiben.

STANDARD: War die Umstellung am Anfang schwierig?

Sailors: Es war ein harter Einschnitt für mich, meine langen Haare abzuschneiden. Es hat gedauert, bis ich in dem neuen Feld Fuß fassen konnte, aber das hatte ich auch nicht anders erwartet.

STANDARD: Gab es Vorbilder wie Andrej Pejic, das androgyne männliche Model, das nun durch eine Geschlechtsumwandlung zur Frau wurde?

Sailors: Es hat mir sehr imponiert zu beobachten, was Andreja - sie hat ja kürzlich ihren Namen geändert - damals machte. Ich finde sie umwerfend.

STANDARD: Wie reagiert Ihr Ehemann darauf, dass Sie als Männermodel arbeiten?

Sailors: Der findet das toll! Er liebt mich, unabhängig davon, wie meine Haare aussehen. Er schätzt Androgynität genauso wie ich.

STANDARD: Werden sie manchmal als schwules Paar wahrgenommen?

Sailors: Ja, das kann schon vorkommen, aber für uns ist das kein Problem. Das einzige Problem ist doch, dass es noch immer Leute gibt, die Homosexuelle verurteilen, die Angst vor allem haben, was nicht genauso ist wie sie selbst.

STANDARD: Hatten Sie schon mit Vorurteilen oder Gewalt zu tun?

Sailors: Manchmal machen Leute rüpelhafte Bemerkungen. Und ich wurde schon oft aus Frauentoiletten hinausgeworfen. Abgesehen davon hatte ich aber keine gröberen Probleme.

STANDARD: Warum irritiert es Leute eigentlich dermaßen, wenn Genderrollen nicht klar definiert sind?

Sailors: Das frage ich mich auch manchmal. Ich kann darin absolut nichts Bedrohliches erkennen. Ich finde die Fluidität und Durchlässigkeit von Genderrollen total schön.

STANDARD: Sie wollten aber nie Ihr Geschlecht wechseln, wie Pejic das gemacht hat?

Sailors: Nein, gar nicht. Ich habe mich nie als Mann gefühlt, nehme mich aber dennoch in vielem als maskulin wahr.

STANDARD: Waren Sie als Mädchen ein klassischer Tomboy?

Sailors: Wenn "Tomboy" bedeutet, dass man sportlich ist, dann war ich definitiv keiner. Ich war nie sonderlich gut beim Sport, aber ich war auch kein ultrafeminines Mädchen.

STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen der Arbeit als Frauen- und Männermodel?

Sailors: Bei den Herren ist es meist entspannter, was ich sehr schätze. In der Damenmode gibt es mehr Drama, aber auch das kann jede Menge Spaß machen. Im Grunde genommen ist der Unterschied aber nicht so groß, wie man denken könnte.

STANDARD: Designer wie J.W. Anderson entwerfen unisex und ziehen die Grenzen zwischen Männer- und Frauenkleidung neu. Herrscht in der Modewelt gerade Aufbruchsstimmung?

Sailors: Mode hat sich schon immer verändert und weiterentwickelt. Zum Glück erleben wir gerade einen Zuwachs an androgyner und genderneutraler Mode. Mein persönlicher Stil richtet sich definitiv mehr nach Designern wie J.W. Anderson oder Vivienne Westwood, die Mode entwerfen, die unsere gängigen Bilder, was als feminin und was als maskulin gilt, hinterfragen. Ich denke, die beiden Bereiche werden sich in Zukunft überlappen. (Karin Cerny & Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 27.2.2015)

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