Zentralmatura: Warum die VWA eine positive Herausforderung ist

Userkommentar24. Februar 2015, 12:10
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Die erste Säule der Matura neu stärkt Schüler und Schülerinnen in ihren Kompetenzen – Eine kritische Würdigung eines Lehrers

Das Jammern und Wehklagen über die vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) wird in typisch österreichischer Manier kultiviert. Jede auch noch so kleine Panne wird als Beleg dafür genommen, dass die VWA ein Blödsinn sei. Weil beispielsweise Probleme beim Hochladen der VWA entstanden sind, wurde sofort wütend wieder auf das Bifie geschimpft, obwohl diese Einrichtung für die VWA gar nicht zuständig ist. Wenn die Plagiatssoftware, mit der automatisch die Arbeiten überprüft werden, in manchen Fällen nicht perfekt funktioniert, wird dies gleich als Beispiel für ein Generalversagen der VWA und der Zentralmatura interpretiert. Dabei sind VWA und Zentralmatura zwei "unterschiedliche Baustellen".

In Kompetenzen gestärkt

Auch auf die Gefahr hin, von der Kollegenschaft nun mit mangelhaften VWAs beworfen zu werden, möchte ich dennoch dem Projekt und seiner Durchführung eine kritische Würdigung zukommen lassen. Meine Klasse, in der ich Klassenvorstand war, konnte bereits für die Matura 2014 im Schulversuch einen Teil der Matura auf der Basis der VWA schreiben. Ich konnte erleben, wie die Schüler und Schülerinnen fast ausnahmslos im Prozess des Schreibens einer solchen Arbeit in vielen Kompetenzen gestärkt wurden. Sie erlernten jene formalen Fertigkeiten, die sie im künftigen Leben so oft brauchen werden: Textformate erstellen, richtig zitieren, Grafiken in Texte einbinden, Fußnoten richtig platzieren und so weiter.

Lernen fürs Leben

Wenn sie später auf Unis oder Fachhochschulen weitermachen, kennen sie schon den Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten, wissen, was in ein Abstract, ein Vorwort, eine Einleitung und so weiter kommt. Sie haben gelernt, Fragestellungen zu formulieren, Hypothesen zu überprüfen, und viele von ihnen haben auch erste Erfahrungen mit empirischen Methoden gemacht.

Neue Erfahrung der Kooperation

In vielen Fällen, auch in diesem Schuljahr, entstand eine neue Erfahrung der Kooperation zwischen Lehrperson und Schüler beziehungsweise Schülerin. Vor allem aber haben etliche Schüler und Schülerinnen sich mit einem Thema aus ihrem Lebensbereich auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzen können, das ihnen wirklich wichtig ist. In manchen Fällen kann dies eine Vorentscheidung für die Wahl eines kommenden Studiums beziehungsweise Berufes sein.

Möglichkeiten der Entfaltung

Im Klassenverband entstand eine neue Teamarbeit, die mit einem Hinhören verbunden war – "du, was schreibst du gerade …". Ich wage zu behaupten, dass jedenfalls eine VWA vielfach zu einem der nachhaltigsten Projekte der Schullaufbahn geworden ist. Gerade bei den VWAs werden jene Fertigkeiten geschult, die die Kritiker einer Matura neu – insbesondere der Zentralmatura – zu Recht oft einmahnen. Keinesfalls kann behauptet werden, dass durch die VWAs das Niveau einer Matura sinkt. Bei der VWA haben Schüler und Schülerinnen zudem Entfaltungsmöglichkeiten, die keinem vorgefertigten Schema entsprechen. Ob sie diese nützen oder nicht, kann freilich nicht vom Ministerium her erzwungen werden.

Gute digitale Infrastruktur

Das Ministerium (BMBF) hat mit der VWA-Website und der VWA-Datenbank eine übersichtliche und im Wesentlichen gut funktionierende digitale Infrastruktur geschaffen, sodass es sowohl für die Schüler und Schülerinnen wie auch für die Lehrpersonen sehr leicht möglich ist, die Grundlagen der VWA kennenzulernen und in den VWA-Prozess von der Einreichung bis zur Abgabe und Beschreibung der Arbeit einzusteigen. Viele Lehrpersonen haben im Laufe der letzten Jahre Fortbildungen besucht, um die Schüler und Schülerinnen bei ihren VWAs gut begleiten zu können.

Kultur des Schreibens muss sich erst entwickeln

Die Plagiatsüberprüfungen an meiner Schule haben jedenfalls gut funktioniert. Die vorgefertigten Beurteilungsbögen, mit denen nun die Arbeiten beschrieben werden, schaffen das, was in der Matura neu auch angestrebt wird: eine objektive Vergleichbarkeit der Leistungen der Maturanten und Maturantinnen. Woran es sicherlich noch am meisten fehlt, ist eine Kultur des Schreibens an den VWA, wofür in der Schule zeitliche Räume geschaffen werden müssten, die die Schüler und Schülerinnen beim Zeitmanagement unterstützen.

Positive Herausforderung

Freilich stellt die VWA im Vergleich zur bisherigen Matura ein Novum dar und bringt damit Unsicherheiten mit sich. In einigen Details wird sichtbar, wo nachjustiert werden muss. Mit der VWA wurde die sprichwörtliche Latte sehr hoch gelegt. Für eine Schule und ihre Lehrkräfte kann dies aber eine positive Herausforderung sein, nicht die Latte tiefer zu legen, sondern unsere Schüler und Schülerinnen so zu "trainieren", dass sie elegant darüberspringen können.

Große Ziele

Es kann nicht darum gehen, die Anforderungen niedrig zu halten, sodass es alle ohne große Anstrengung schaffen, sondern mit den Schülern und Schülerinnen auch große Ziele zu erreichen. Wenn die Bereitschaft in den Schulen und der entsprechende gute Wille aller Beteiligten da sind, kann die VWA als Bereicherung gewertet werden. Und vor allem muss gefragt werden: Lohnt es sich wirklich, dem alten Maturasystem nachzuweinen? (Klaus Heidegger, derStandard.at, 24.2.2015)

  • Die vorwissenschaftliche Arbeit – eine Geschichte voller Missverständnisse.
    foto: apa/harald schneider

    Die vorwissenschaftliche Arbeit – eine Geschichte voller Missverständnisse.

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