Linker Star-Banker als Hellas-Berater

24. Februar 2015, 07:57
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Franzose Pigasse berät griechische Regierung in Schuldenstreit, wie schon beim ersten Schuldenschnitt

Athen - Mit Matthieu Pigasse hat die griechische Regierung einen ebenso schillernden wie engagierten Fürsprecher auf ihrer Seite. "Ein kleines bisschen Zeit" brauche Athen für Reformen, "Luft" zum Atmen, mahnte der französische Geschäftsbanker kürzlich; für einen kräftigen Schuldenschnitt warb er schon vor Wochen.

Soviel Unterstützung kommt nicht von ungefähr: Der 46-Jährige und seine Lazard-Bank beraten die neue linksgeführte Regierung in Athen im Schuldenstreit mit der EU. Doch Pigasse ist auch überzeugter Linker - und nicht nur deswegen eine außergewöhnliche Figur in der internationalen Bankenwelt.

"Es gibt einen politischen Willen der griechischen Regierung, die Reformen umzusetzen, die Entschlossenheit ist sehr groß", sagte Pigasse am Wochenende im Sender Europe 1. "Um diese Reformen umsetzen zu können, muss man ihr aber ein kleines bisschen Zeit lassen, den Schraubstock der Sparpolitik lockern, ihr die nötige Luft lassen."

Seitenhieb

Dass der eloquente Pigasse so hartnäckig - und medienwirksam - für die griechische Sache wirbt, nervt inzwischen auch die sozialistische Regierung in Paris. Im Streit um einen möglichen Schuldenschnitt für Griechenland ließ sich Finanzminister Michel Sapin jüngst zu einem Seitenhieb gegen den Geschäftsbanker hinreißen: "Ich bin auch dazu da, die griechische Regierung zu beraten, aber wenn ich berate, dann ist das kostenlos." Pigasse reagierte kühl: "Ich lasse mich nicht auf solche Polemiken ein, die ich lächerlich finde."

Dabei steht Pigasse den Sozialisten nahe. Bevor er Geschäftsbanker wurde, machte der Absolvent der Elite-Kaderschmiede ENA im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium Karriere, arbeitete dort unter anderem für die Sozialisten Dominique Strauss-Kahn, den über Sexaffären gestürzten Hoffnungsträger des linken Lagers, sowie für Laurent Fabius, den heutigen französischen Außenminister.

2002 ging der als Arbeitstier geltende Pigasse zur einflussreichen US-französischen Beraterbank Lazard, wo er später Frankreich-Chef und Vize-Präsident in Europa wurde. Sein Wort hat Gewicht bei Politikern wie Unternehmenschefs, und das nicht nur in Frankreich: Er beriet Boliviens sozialistischen Staatschef Evo Morales bei der Privatisierung von Erdgasanlagen und Argentinien bei einer Neuverhandlung der Schuldenlast.

Dabei gibt Pigasse stets den unkonventionellen Banker. Auf Krawatten verzichtet der 46-Jährige meist. In seinem Büro empfängt er Gäste auch mal mit den Füßen auf dem Schreibtisch, spricht von seiner Vorliebe für die Punk-Bands "The Clash" und "Sex Pistols".

Und ihm ist Engagement wichtig. "Lazard hat mir erlaubt, Geld zu verdienen, und ich habe eine Obsession für soziale Nützlichkeit", sagte Pigasse einmal.

So will Pigasse, 1968 als Sohn eines Journalisten in Clichy nordwestlich von Paris geboren, auch seinen Einsatz in der Medienwelt verstanden wissen. Er ist Besitzer des angesagten Kulturmagazins "Inrockuptibles", 2010 wurde er zusammen mit den Geschäftsleuten Xavier Niel und Pierre Bergé Mehrheitseigner der in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Mitte-links-Zeitung "Le Monde". Seit 2014 hält das Trio auch mehrheitlich das linksgerichtete Wochenmagazin "Le Nouvel Observateur", inzwischen in "L'Obs" umbenannt.

Gefragter Rat

In Athen ist der Rat des dreifachen Vaters nicht erst seit dem Wahlsieg des linkspopulistischen Syriza-Bündnisses von Alexis Tsipras gefragt: Bereits zwischen 2010 und 2012 beriet Pigasse Athen, damals gab es einen milliardenschweren Schuldenschnitt für Griechenland. Nach Tsipras' Sieg wurden Pigasse und die Lazard-Bank wieder engagiert. Schon zuvor hatte Pigasse öffentlich gefordert, den Griechen einen neuen Schuldenschnitt zu gewähren - von 100 Milliarden Euro.

"Griechenland befindet sich im finanziellen Notstand und durchlebt eine humanitäre Krise, wie Europa sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat", sagte der Star-Banker Mitte Februar dem Radiosender France Inter. Mit dem von den internationalen Schuldnern auferlegten Sparkurs ging Pigasse hart ins Gericht: "Ich denke, dass die Troika alles falsch gemacht hat." (APA, 24.2.2014)

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