Chinas Automessen: Nur Modelle, keine Models

24. Februar 2015, 07:00
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Schanghai macht den Anfang: Bei der heurigen Autoshow sollen keine halbbekleideten Hostessen mehr von den Fahrzeugen ablenken

Neue Automodelle sollen in China weiterhin enthüllt werden dürfen. Doch für die oft noch attraktiveren "Models" gilt das nicht mehr. Im Zuge eines neuen Puritanismus sollen sie sogar gänzlich vom größten Pkw-Markt der Welt verschwinden. Die bisher weltoffene Metropole Schanghai macht auf ihrer kommenden Shanghai Automotive Exhibition (SAE) vom 22. April bis 29. April den Anfang.

"Automesse sagt Adieu zu sexy Modellen", schlagzeilte die Tageszeitung China Daily auf ihrer Titelseite. Die Schanghaier Organisatoren hätten der Zeitung ein seit Jänner umlaufendes Gerücht bestätigt, wonach die Hersteller keine Hostessen mehr auf chinesischen Autoshows einsetzen dürften. "Wir hoffen, dass die Aussteller ihre Produkte in einer gesunden Weise anbieten. Handlungen mit niedrigem Geschmack oder solche, die die soziale Moral verletzen, sind verboten."

Besucher sollen sich schnell gewöhnen

Auf Chinas Autoshows sollen sich nur noch Verkäufer, Fahrzeuge und das Käuferpublikum ein Stelldichein geben dürfen. Models haben außen vor zu bleiben. Die abwechselnd mit der "Auto China Peking" alle zwei Jahre in Schanghai organisierte größte Automesse des Landes kann 2015 ihr 30-Jahr-Jubiläum feiern. Nachdem sie 2013 mehr als 1800 Aussteller und 810.000 Menschen anzog und im April mit 900.000 Messebesuchern rechnet, glaubt sie, am längeren Hebel zu sitzen.

Aussteller und Besucher würden sich an ein "geordnetes, sauberes und sicheres" Messegeschehen ohne Hostessen schnell gewöhnen. Andere Messen in China würden nachziehen. Nach Angaben von China Daily klatschten sogar einige Vertreter chinesischer Autokonzerne Beifall, wie Werbechef Yang Xueliang von der Zhejiang Geely Group: "Sie sollten neben den Models gleich auch alle Werbenummern mit Prominenten und Stars verbieten lassen - gebt den Kunden die Automesse wieder in purer Form zurück."

Als erstes Land der Welt sagt die Volksrepublik zu offenherziger Interaktion zwischen weiblichem Menschen und Auto-Maschine und zugleich einer bisher unverzichtbaren Werbeform den Kampf an. Es sei auch eine Reaktion darauf, dass chinesische Shows in den vergangenen Jahren zu aufreizend wurden, schreibt Xinhua. Es sei ein offenes Geheimnis in der Herstellerbranche, wonach besonders verführerische Hostessen auch die Produkte begehrenswerter machten. Einige Aussteller hätten dabei übertrieben. Nach Angaben von China Daily kritisierte 2012 das Pekinger "Amt für zivilisiertes Benehmen" die "zu viel enthüllende" Kleidung einiger Models bei der damaligen Automesse. Sie hätte "negative soziale Folgen" gehabt.

Zensur einer TV-Serie

Die erneute Prüderie betrifft aber nicht nur den Messebereich. Groteske Schlagzeilen machten jüngst Chinas Zensoren, als sie in eine populäre TV-Filmserie über die altchinesische Kaiserin Wu Zetian eingriffen, die von Kinostar Fan Binbin gespielt wird. Als Fan in den ersten Folgen mit zu gewagtem Dekolleté auftrat, mussten die Szenen mit ihr umgeschnitten werden und sie hochaufgeschlossene Roben tragen.

Schanghais Messeleitung beruft sich bei ihrem Verbotsbeschluss auf zustimmende Ergebnisse einer von ihr durchgeführten Umfrage unter den Ausstellern. China Daily befragte darauf die 25-jährige Dang Jinyi, die auf Automessen als Modell arbeitet: Die Hostessen würden nicht über ihr Outfit entscheiden, sondern die Aussteller. Die meisten Hersteller von Weltklassefahrzeugen würden ihre Modelle geschmackvoll einkleiden.

Schanghai will beim Verbot bleiben. Auf der Webseite der offiziellen Tageszeitung Jiefang Ribao hieß es, dass viele Unternehmen einen Plan B in der Tasche hätten. Sie würden ihre Hostessen nicht mehr als "Models" bezeichnen, sondern als "Informationsassistentinnen, Protokollmitarbeiterinnen oder hochrangige Verkaufsberaterinnen". (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 24.2.2015)

  • In Zukunft soll es nur noch um die Ware Auto gehen. Doch viele Aussteller haben laut Medienberichten einen Plan B parat und wollen ihren Hostessen einfach eine andere Berufsbezeichnung geben.
    foto: reuters/carlos barria

    In Zukunft soll es nur noch um die Ware Auto gehen. Doch viele Aussteller haben laut Medienberichten einen Plan B parat und wollen ihren Hostessen einfach eine andere Berufsbezeichnung geben.

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