Wunderheilung als Werbegag

8. Mai 2015, 15:00
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Spektakuläre Heilungsverläufe bei Sportstars führen nicht selten zu neuen Gesundheitstrends, etwa dem der Kinesiotapes - oft vollkommen zu Unrecht

Die Österreichische Fußballnationalmannschaft hat die realistische Chance, sich erstmals auf sportlichem Wege für eine Europameisterschaft zu qualifizieren. Wie gut die Chance tatsächlich ist, hängt auch davon ab, ob Österreichs bester Fußballer, David Alaba, nach seiner Knieverletzung wieder fit wird. Die Chancen stehen gut.

Spitzensportler leisten nicht nur in ihrer jeweiligen Disziplin Außergewöhnliches, sondern liefern auch regelmäßig Geschichten, die von den Medien als Wunderheilungen dargestellt werden. Oft genug sind die kurzen Pausen nach schweren Verletzungen tatsächlich verblüffend, Verletzungen, die Amateure für Monate aus der Bahn werfen, sind nach ein paar Wochen vergessen.

Die spektakulären Heilungserfolge lassen sich ebenso gut verkaufen wie sportliche Erfolge. Beispielsweise verwenden Sponsoren eine solche Story ganz direkt als Werbung. Als die Skirennläuferin Marlies Schild nach einem Innenbandriss rechtzeitig für die WM fit wurde, schrieb sich der Hersteller eines Behandlungsgerätes diesen Erfolg auf seine Fahnen. Angeblich hatten elektromagnetische Felder mit einem bestimmten Muster das Knie geheilt. Grandiose Werbung – aber können wir aus einer solchen Geschichte tatsächlich schließen, dass dieses Gerät hilft?

Kein Vergleich

Eine einzelne Geschichte, eine Anekdote, kann nie aussagen, ob eine Behandlung hilft oder nicht; es gibt keine Vergleichsmöglichkeit und keine Chancen, den Einfluss anderer Faktoren zu berücksichtigen. So können wir auch nicht wissen, ob die elektromagnetischen Felder Marlies Schild geholfen haben, oder ob es vielleicht doch das lebenslange Training, die optimale Ernährung und andere Rehabilitationsmaßnahmen waren – oder ob es sogar ganz ohne Behandlung genau gleich verlaufen wäre.

Einzelnen Heilungsgeschichten ist nicht zu trauen, auch nicht, wenn es die Geschichten von Spitzensportlern oder anderen Promis sind. In Studien hat noch kein solches Gerät bewiesen, dass es die Heilung bei Gelenksverletzungen fördert.

Sportler und andere mediale Zugpferde werden auch mehr oder weniger subtil zu Werbeträgern für Gesundheitsprodukte, indem sie solche einfach selber verwenden: Kinesiotapes wurden sicher nicht zuletzt deswegen so ein Erfolg, weil Profis sie bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking intensiv zur Schau getragen haben. An ihrer Wirksamkeit gegen Schmerzen kann es eher nicht liegen, denn eine solche wurde nicht bestätigt.

Gut und Böse

Natürlich spielen Werbeverträge, Image und Geld eine große Rolle. Manche engagieren sich aber auch ganz von sich aus für bestimmte Gesundheitsfragen. Die Auswirkungen solcher Eigeninitiativen reichen dabei von "fantastisch" bis zu "verheerend". Prominente können auf wichtige Themen aufmerksam machen und auch Gelder in Bewegung setzen, die Menschen glauben ihre oft authentisch geschilderten Geschichten.

So gelang es beispielsweise der Schauspielerin Gwyneth Paltrow in kurzer Zeit viel Geld für die Krebsforschung einzusammeln. Das ist natürlich erfreulich und es gibt auch positive Beispiele, bei denen wirksame Maßnahmen bekannter gemacht wurden.

Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein: Ein im englischen Sprachraum bekanntes Beispiel ist das ehemalige Playboy-Bunnie Jenny McCarthy, die sich vehement gegen Impfungen einsetzt. Sie predigt noch immer den längst widerlegten Mythos, dass Impfungen Autismus auslösen können und fördert so eine Impfskepsis, die letztlich verhindert, dass vermeidbare Krankheiten ausgerottet werden.

Zwischen Promi und Experte

Mit Hademar Bankhofer gibt es im deutschen Sprachraum jemanden, der sowohl als Promi als auch als Gesundheitsexperte seit Jahren in den Medien auftaucht. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass es immer unerlässlich ist, auch die Aussagen von Experten kritisch zu betrachten von echten ebenso wie von vermeintlichen.

So riet Bankhofer im Fernsehen und in Zeitungen beispielsweise auffallend oft zu Behandlungen, die direkt zu Produkten von einem seiner Geldgeber führten. Als das bekannt wurde, verlor er eine seiner Fernsehsendungen. Aber schon zuvor wurde er von Cochrane Deutschland massiv kritisiert, weil seine Gesundheitstipps im Widerspruch zum bekannten Wissen standen.

Generell gilt: Unabhängig davon, ob die medial vermittelten Tipps fundiert oder gefährlich sind – Sportler und Menschen im Rampenlicht sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Und die Zuschauer nicht alles glauben, was man ihnen weismachen will. (Gerald Gartlehner, 9.5.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Kinesiotapes boomen, nicht zuletzt aufgrund der großen Verbreitung unter Profisportlern - im Bild Golferin Michelle Wie. Für eine Wirkung gibt es jedoch keinen Nachweis.
    foto: ap/john bazemore

    Kinesiotapes boomen, nicht zuletzt aufgrund der großen Verbreitung unter Profisportlern - im Bild Golferin Michelle Wie. Für eine Wirkung gibt es jedoch keinen Nachweis.

  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

    EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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