London Fashion Week: Im Retro-Rausch

25. Februar 2015, 07:00
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Bei der Modewoche in London blühen die Sechziger- und Siebzigerjahre auf. Die Designer bedienen sich für ihre Winterkollektionen historischer Elemente und zeigen ihre zeitgenössischen Interpretationen

foto: apa/epa/facundo arrizabalaga, ap/alastair grant
Burberry Prosrum. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Christopher Bailey hebt den handwerklichen Charakter in seiner Mode hervor: er setzt Wildlederflicken zusammen, variiert zwischen Mustern und floralen Drucken. Der Designer habe sich auf traditionelle Volkskünste und echtes Handwerk besonnen als er die Kollektion für Burberry Prorsum entwickelt hat, erzählt er dem Branchenblatt WWD. Sowohl auf Kleidern, als auch auf Mänteln finde sich eine traditionelle Quilt-Technik aus der englischen Kleinstadt Durham wieder. Christopher Bailey weckt Assoziationen zu den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, als er voluminöse Wildleder-Capes mit Fransen in erdigen Farbtönen über den Laufsteg schickt. Kalbsleder-Flicken in verschiedenen Farben sind patchworkartig zusammengenäht – sie zieren Trenchcoats, Overknees oder Hänger. Sichtbare Stiche verweisen wiederum auf das diesjährige Motto des Designers. Capes aus Lammfell, geblümte Hippiekleider, dazu Kurzmäntel mit moosiger Oberfläche, deckenartige Ponchos und transparente Spitze verbreiten einen bodenständigen Bohemien-Chic.

foto: peter pilotto
Peter Pilotto. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Wenn es nach Peter Pilotto und Christopher de Vos geht, wird der kommende Winter spielerisch und spacig zugleich. Sie verwenden Muster von alten Brettspielen und Flipperautomaten und machen sie zum Kernthema der neuen Kollektion: farbige Pfade schlängeln sich auf Kleidern, Jacken und Mänteln. Für diese farbenfrohen Verflechtungen und Rundgänge wählt das Designduo eine geschmeidige Silhouette mit großen Schwarz- und Weißflächen, die an den Weltraum-Look der Sechziger Jahre erinnert. Punkte, Striche, Wellen und Rauten zieren körpernahe Pullover, taillierte Röcke, geschlitzte Kleider und kastenförmige Kurzmäntel. Die amerikanische Fachpresse lobt die Kollektion, die trotz der Stapelung von Mustern und Verzierungen keinen "Overkill" auslöse - diese Kollektion wäre aufgrund ihrer feinen Ausführung herausgestochen, schreibt das Branchenblatt WWD.

foto: christopher kane
Christoper Kane. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Christopher Kane entwirft eine sinnliche Kollektion, die trotz ihrer plakativen Erotik recht züchtig bleibt. Für seine Showgäste notiert der Designer: "I wanted a feeling of attraction and sensuality in the collection, something sexual but not grotesque." Den Spagat zwischen "sinnesfreudig" und "grotesk" schafft er mit hochgeschlossenen, zum Teil transparenten Outfits. Das Spiel von Verhüllung und Entblößung ergibt sich aus flatterhaften Stofflagen, die an intimen Stellen blickdicht geschichtet sind. Nackte Körper aus farbiger Spitze winden sich um die Körper der Models, deren Körper zur Leinwand eines Lustspiels werden. Neben Ätzspitze ist auch Samt ein wiederkehrendes Trägermaterial dieser Kollektion. Die Idee der Verführung spiegelt sich auch im Motiv der Schlangenhaut wider, die als Druck auf vielen Kleidungsstücken zu finden ist.

foto: ap/alastair grant
Jonathan Saunders. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Mit seiner neuen Kollektion besinnt sich Jonathan Saunders auf seine Anfänge. "I was feeding on that and the ideas followed", sagte der Designer gegenüber Tim Blanks von style.com. "Joy and optimism" sei es, was der Brite damit ausdrückt. Und mehr noch: Bewusst konzentriere er sich auf die Handschrift seiner ersten Kollektion. Gegenüber "Womens Wear Daily" bezeichnet er seine Herbst/Winter-Modelle als "feminine, modern and colourful". Die Sechzigerjahre-Silhouette und die grafischen Muster seien ebenso charakteristisch wie seine plakativen Farbkombinationen. Die britischen Künstler Allan Jones und Bridget Riley hätten ihn zu den Motiven inspiriert, die von cartoonartigen Wolken über geometrische Gitter bis hin zu Blockstreifen reichen.

foto: reuters/toby melville
House of Holland. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Das Label House of Holland ist für seinen ironischen Zugang zur Mode bekannt. Henry Holland präsentiert seine neue Kollektion auf einem Industrieförderband. Von einem schwarz-gelben Absperrband begrenzt, befördert es die regungslosen Models. Diese Streifen finden sich in den Blusen- und Kleiderstoffen wieder. Zu den verschiedenfarbig gestreiften Oversize-Stücken kombiniert der Designer hautenge schwarze Miederröcke und Taillengürtel aus Lack. Er präsentiert knielange, weite Culottes mit Jaquardmuster in sattem Pink, Grün oder Blau - gefolgt von Kittelkleidern, die eine scheinbar willkürliche Kombination aus Schottenkaros beinhalten. Karodrucke auf pinken Mantelstoffen und auf transparenten Tüllkleidern sind ebenso wiederkehrende Elemente wie gummiartige Leggings. Die prägnanten Muster- und Farbkombinationen finden sich auch bei den zotteligen Schals und ärmellosen Gilets aus mongolischem Schafsfell wieder.

foto: ap/alastair grant
Gareth Pugh. Herbst/Winter 2015/16. London Fashion Week

Gareth Pugh verbindet seine Rückkehr nach London mit seinem zehnjährigen Jubiläum. Zu diesem Anlass kreiert er eine Kollektion, bei der es ihm um die "Idee einer großen Gruppe sehr mächtiger, starker Frauen gegangen" sei. Ein ritueller Charakter ziehe sich durch die Präsentation, die er mit der Geräuschkulisse eines Fußballstadions beschallt – er wolle damit die Untergangsstimmung durchbrechen, erklärt Pugh gegenüber style.com. Die Silhouetten erinnern an kriegerische Schachfiguren, die sich aus den skulpturalen Kleidern und Hüten ergeben. Eine Installation aus schwarzen Strohhalmen wirkt wie ein körperumspannender stacheliger Schutzschild. Geradlinige Mieder aus Leder erinnern an unnachgiebige Brustpanzer. Das Nationalsymbol Englands, das rote Georgskreuz, hebt sich von den weißen Gesichtern ab. Sie werden von dramatischen Krägen eingerahmt, die von puristischen Mänteln, Capes oder voluminösen Daunenumhängen emporragen. Gegenüber der deutschen "Vogue" erwähnt der Designer auch eine Inspirationsquelle: das Elisabethanische Zeitalter. (Klara Neuber, derStandard.at, 25.2.2015)

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