Roman Polanskis Schicksalstag

23. Februar 2015, 11:27
27 Postings

Vergewaltigungsvorwurf: Krakauer Gericht entscheidet ab Mittwoch über Auslieferung an USA

Warschau - In diesem Sommer will Roman Polanski in Warschau ein Drama über die Dreyfus-Affäre drehen, über den jüdischen Offizier der französischen Armee, der im 19. Jahrhundert fälschlich des Verrats beschuldigt wurde. Doch zuvor muss der Regisseur sein eigenes Justizdrama überstehen. Am Mittwoch verhandelt das Bezirksgericht Krakau über einen Auslieferungsantrag der USA. Ihm wird Vergewaltigung vorgeworfen - es geht um Sex mit einer 13-Jährigen im Jahr 1977.

"Ich vertraue auf die polnische Justiz", sagt Polanski. Der Regisseur mit französischer und polnischer Staatsbürgerschaft will zur Verhandlung kommen. Seine Anwälte haben bereits beantragt, die Öffentlichkeit auszuschließen. Wie lange das Verfahren dauert, ist noch unklar.

Stadt seiner Kindheit

Für Polanski, der seit mehreren Jahren eine Wohnung in Krakau hat, geht es nicht nur um das bei einer Auslieferung scheiternde Filmprojekt, die Angst vor einem Schuldspruch in den USA oder eine eventuelle Flucht nach Frankreich, das ihn nicht ausliefern würde. Es geht auch um seine wieder intensiver gewordene Beziehung zu Polen, zu Krakau, der Stadt seiner Kindheit, die ihm versperrt bliebe, wenn er dort um seine Freiheit fürchten müsste.

In Polen hatte Polanski erste Erfolge, hier verehren ihn auch heute viele Kinogänger. Als er 2001 für die Arbeit an "Der Pianist" nach Polen zurückkehrte, wurde das in Polen enthusiastisch gefeiert. Der Film war auch die Aufarbeitung des eigenen Kindheitstraumas: Polanski, Kind polnischer Juden, überlebte in einem Versteck das Krakauer Ghetto und den Holocaust. Aber seine Mutter wurde von den Nazis in Auschwitz ermordet.

In Polen gehen die Meinungen auseinander. Auf einigen national-katholischen Webseiten wurde er als Pädophiler gebrandmarkt. Der nationalkonservative Politiker und ehemalige Justizminister Zbigniew Ziobro meinte, Polanski genieße dank seiner Berühmtheit und "einflussreicher Freunde" Schutz.

Tomasz Lis, Chefredakteur von Newsweek Polska, schrieb dagegen: "Wenn Roman Polanski Nazi wäre, hätte er in Amerika höhere Chancen, verschont zu bleiben, als jemand, der für eine Jahrzehnte zurückliegende Vergewaltigung angeklagt wird."

Polens Generalstaatsanwaltschaft zeigte sich in einem 2010 erstellten Expertengutachten skeptisch, ob die Grundlagen für eine Auslieferung überhaupt erfüllt seien: Eine Vergewaltigung sei nach polnischem Recht bereits verjährt. (dpa, DER STANDARD, 23.2.2015)

Chronologie:

1977: In der Villa seines Freundes Jack Nicholson missbraucht Polanski in Los Angeles die 13 Jahre alte Samantha Gailey, heute Geimer. Der damals 43-Jährige bekennt sich schuldig und steht in Untersuchungshaft 42 Tage unter psychiatrischer Beobachtung.

1978: Weil ihm in den USA jahrelange Haft droht, setzt sich der Regisseur nach Frankreich ab. Für die US-Behörden gilt er seitdem als flüchtig, bei der Einreise in die USA droht ihm die Festnahme.

2005: Ein US-Richter erwirkt einen internationalen Haftbefehl. Da Polanski auch französischer Staatsbürger ist, muss er keine Auslieferung von dort befürchten.

September 2009: Bei der Einreise in die Schweiz wird Polanski verhaftet. Gegen die drohende Auslieferung legt er Widerspruch ein. Regisseure, Schauspieler und Autoren fordern seine Freilassung.

Oktober bis Dezember 2009: Die USA beantragen offiziell die Auslieferung. Der Oscar-Preisträger kommt gegen Kaution frei und steht zunächst unter elektronisch überwachtem Hausarrest.

Januar 2010: Samantha Geimer plädiert erneut dafür, das Verfahren einzustellen. Das Aufsehen um den Fall belaste ihr Familienleben. Ein kalifornischer Richter lehnt Polanskis Antrag auf eine Verurteilung in Abwesenheit ab. Er soll sich in den USA stellen.

April 2010: Auch ein Berufungsgericht in Los Angeles weist Polanskis Antrag zurück. Die Richter lehnen zudem Geimers Ersuchen ab.

Juli 2010: Die Schweiz entlässt den Regisseur aus dem Hausarrest, er wird nicht ausgeliefert. Die USA hätten die Schweizer Justiz mit ihrem Gesuch nicht überzeugen können, heißt es.

September 2013: Geimer veröffentlicht ihre Memoiren.

Oktober 2014: Polanski reist zur Eröffnung eines Museums nach Warschau. Noch am selben Tag bittet die US-Staatsanwaltschaft die polnischen Behörden um seine Festnahme. Polen weist das zurück.

Dezember 2014: Vor einem Gericht in Kalifornien scheitert Polanski erneut mit dem Antrag, das Verfahren einzustellen.

Jänner 2015: Die polnischen Behörden haben einen Auslieferungsantrag der US-Justiz erhalten, wie eine Sprecherin mitteilt. Die Krakauer Staatsanwaltschaft vernimmt den Regisseur, der in Polen einen Film drehen will.

  • Über Roman Polanskis Zukunft wird ab Mittwoch entschieden.
    foto: reuters

    Über Roman Polanskis Zukunft wird ab Mittwoch entschieden.

Share if you care.