"Pariser Leben": Die zu wenig geschminkte Wirklichkeit

23. Februar 2015, 08:14
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Jacques Offenbachs Operette "Pariser Leben" an der Wiener Volksoper

Wien - Eigentlich sind Stücke wie Offenbachs Pariser Leben Richtung Regisseur zielende Aufforderungen zum subjektiven Deutungstanz. Sein üppiges Figurengrüppchen lässt Offenbach am Zurechtschminken des Pariser Lebens arbeiten. Er erzählt davon, wie ein abenteuergieriger Baron aus Schweden in die Fänge einer inszenierten Realität gerät, die scheinbar seinen Wünschen entgegenkommt: Baron von Gondermark umfliegen also Damenherzen; es öffnen sich die Dekolletés jener Gesellschaft, in der Mademoiselles auch in Begleitung hoher Militärs aufkreuzen.

Was dem Baron für eine Weile als Paradies der Lüste vorkommt, ist allerdings nur Folge eines improvisierten Rollenspiels, das ernüchternd enden wird. Ein munteres Pariser Völkchen, das an sich in bescheiden Verhältnissen existiert, simuliert Edelparty und Interesse, um den Baron von seiner Gattin abzulenken. Selbige (apart Caroline Melzer) soll mit Gardefeu (witzig, aber vokal etwas mühevoll unterwegs Daniel Prohaska) im Bettchen landen.

Und sie tut es auch, während der Baron recht abgefüllt vor einer Mauer liegt und seine Hose an einen interessierten Clochard verliert. Eine Steilvorlage für einen Regisseur ist das an sich. Sie provoziert Beziehungsanalysen ebenso wie das Hinterfragen sozialer Ordnungen. Sie öffnet Türen zu Tiefenschichten aller Art und rollt einen langen Humorteppich aus.

Keine Katastrophe

Michiel Dijkema ist allerdings letztlich durch diese Türen nicht hindurchgegangen, wobei das keine Katastrophe ist. Seine handwerklich saubere Arbeit, die er in einem zwischen intim-abstrakter Aura und urbaner Stimmung pendelnden Ambiente verortet hat, gibt sich als solider Erzähler mit routinierten Slapstickreflexen.

Gar selten spitzt sich die Situation allerdings herrlich grotesk zu wie beim Schweizer Admiral mit seinem pompösen Gehabe (Rasmus Borkowski als den Admiral mimender Bobinet). Und nur einmal taucht - dann auch nicht sonderlich passend - der irreale Moment auf, in Form einer breakdanceartigen Verlebendigung von Schaufensterpuppen, die den Baron bedrängen. Ansonsten geht die Operette gemütlich Richtung Finale; Revueszenen bezirzen das Auge, während es in der Pariser Welt Verlobungen regnet. Den Baron, sensibel von Kurt Schreibmayer präsentiert, zieht es zurück zu Nachdenklichkeit und Gattin. Sehr adrett. Aber da wäre schon mehr zu erhellen gewesen.

Das Ehepaar lässt jedenfalls eine unerforschte Gesellschaft zurück, die ein respektables Volksopernensemble passabel zum Bühnenleben erweckt (u. a. Annely Peebo als Metella, Elisabeth Schwarz als Gabrielle, Christian Drescher als Jean Frick, Boris Pfeifer als schriller Brasilianer und Johanna Arrouas als Pauline).

Wobei: Es gab einige rhythmische Meinungsunterschiede zwischen Bühne und Orchestergraben, in dem Dirigent Sebastien Rouland eine etwas biedere Lesart präsentierte. Klanglich kann das Volksopernorchester nicht berauschen, wie es auch in puncto Verve und Prägnanz im eher alltäglichen Bereich verweilte.

Ein Publikumserfolg allerdings war das Ganze - was selbstredend nicht verschwiegen werden soll - in jedem Fall. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 23.2.2015)

24., 27. Februar, 2., 7., 10., 27., 29. März, 9., 14., 17., 19. April

  • Johanna Arrouas (Pauline), Kurt Schreibmayer (als Baron).
    foto: apa

    Johanna Arrouas (Pauline), Kurt Schreibmayer (als Baron).

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