Frauen in Medien: Kulturwandel und Quotenregelung

Blog23. Februar 2015, 07:30
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Wie Medienunternehmen daran arbeiten, dass es mehr Frauen in Führungspositionen gibt

Wien - Vor kurzer Zeit wurde Zanny Minton Beddoes zur neuen Chefredakteurin des britischen "Economist" ernannt: Es ist das erste Mal der 172-jährigen Geschichte des Wochenmagazins, dass eine Frau diese Rolle übernimmt. Um die Chefredaktion des Guardian sind drei Frauen, ein Mann im Rennen. International steigt der Anteil an Frauen im Journalismus stetig, Frauen in Führungspositionen sind aber noch immer rar: Der "Economist" oder der STANDARD in Österreich sind eher Ausnahmen, wie eine aktuelle Studie des Women’s media center bestätigt. Doch immerhin: Das Bewusstsein, dass Gender-Gleichstellung in Unternehmen nicht "von selbst" passiert, wächst. Immer mehr Medienunternehmen implementieren groß angelegte Gleichstellungsprogramme. Zwei Beispiele, die beide auf EU-Ebene als Best Practices eingestuft wurden und deren Ideen zur Nachahmung anregen mögen:

"Chancen:gleich!" bei Axel Springer

Begonnen hat es mit einer Wette. Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender bei Axel Springer, diskutierte auf einer Managementtagung mit dem Chef der deutschen Telekom über Quoten. Er wettete, binnen fünf Jahren 30 Prozent Frauen in Führungspositionen zu bringen – und zwar nicht über eine Quotenregelung, sondern mit einem Projekt zum Kulturwandel im Unternehmen. Nach ausführlicher Mitarbeiterbefragung startete 2010 das konzernweite Programm "Chancen:gleich!". "Wir wollten das Thema entkrampfen", sagt Matthias Brügelmann, Leiter des Lenkungsausschusses von "Chancen: gleich!".

Brügelmann ist Stellvertreter des BILD-Chefredakteur und war zuvor Chef von Sport-Bild – die Auswahl eines Sportjournalisten als Leiter dieses Ausschusses scheint nur auf den ersten Blick unkonventionell: Als Vater von zwei Kindern weiß Brügelmann aus eigener Erfahrung, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf längst nicht mehr nur eine Herausforderung ist, der sich nur Frauen stellen müssen, und setzt sich daher für eine familiengerechte Unternehmenskultur bei Axel Springer ein. Frauenförderung ist kein Selbstzweck, das wird klar kommuniziert: Durch einen höheren Frauenanteil in Führungspositionen sollen in der Strategie-Entwicklung von Anbeginn die Interessen weiblicher Kunden von Axel Springer stärker berücksichtigt werden. Und im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen.

Das Programm setzt beim Recruiting an, fördert innovative Medienprojekte von Frauen (“Women in Media”-Award) und unterstützt die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, auch durch die Einrichtung von Betriebskindergärten. Das wirksamste Instrument, so Lenkungsausschuss-Vorsitzender Matthias Brügelmann, "ist Transparenz bei der Personalauswahl". Dies wurde Top-Down durchgesetzt: Ein Vorstandsbeschluss verpflichtet, dass bei jeder Neubesetzung einer Führungsposition mindestens eine qualifizierte Frau in der Endauswahl ist, andernfalls kann die Stelle nicht besetzt werden. Die endgültige Entscheidung muss schriftlich begründet werden, "Scheuklappen bei der Personalauswahl werden so vermieden".

Das Programm stößt intern auf hohe Akzeptanz - "mittlerweile kommen Mitarbeiter mit ihren Diversity-Ideen und -projekten aktiv auf uns zu", sagt Brügelmann. Die Zahlen zeigen die Wirksamkeit systematischer Frauenförderung: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist seit Start des Projekts von 16 auf 28 Prozent gestiegen.

Der Gleichstellungsplan des ORF

Ganz anders die Ausgangssituation im ORF, der durch das ORF-Gesetz verpflichtet ist, schrittweise einen Frauenanteil von 45 Prozent auf allen Gehalts- und Funktionsebenen zu erreichen. Derzeit sind rund 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das Ziel soll mit dem Gleichstellungsplan (hier zum Download), dessen Umsetzung 2011/2012 begonnen wurde, erreicht werden. Dieser Gleichstellungsplan wurde von EIGE, dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen, im Medien- und insbesondere öffentlich-rechtlichen Bereich als Good Practice auf EU-Ebene ausgezeichnet.

Derzeit sind mehrere Gleichstellungsbeauftragte für Programm, Administration/Technik und Landesstudios zuständig. Frauen werden gezielt mit einem "Curriculum zur Karriereförderung" unterstützt, mit Seminaren zu Soft Skills, Mentoring und einem internen "Frauen-Führungs-Forum". Neben Bildung ist auch hier die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf ein Schwerpunkt, unter anderem durch die Ausarbeitung von Teilzeitmodellen für Führungskräfte. Wie bei Springer bedeutet "Gleichstellung" nicht nur Frauenförderung. Männer werden mit einer "Papa-Kampagne" zur Inanspruchnahme von Karenz und Teilzeit ermutigt.

Zusätzlich werden beim ORF redaktionelle Richtlinien für gendergerechte Berichterstattung entwickelt. Der Aufbau einer Expertinnendatenbank oder die Initiative "New Faces" zielen auf mehr Sichtbarkeit von Frauen im Programm ab.

Solch strukturierte Maßnahmenpakete sind freilich nur in großen Unternehmen durchführbar. An einer frauenfördernden Kultur jedoch können Organisationen jeder Größe arbeiten: "Der Umgang miteinander", so Doris Fennes-Wagner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Gleichstellungsfragen beim ORF, sei letztendlich am wichtigsten, "klare Spielregeln, eine gendergerechte Sitzungskultur". (Daniela Kraus, derStandard.at, 22.2.2015)

Daniela Kraus ist Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien. Auf derStandard.at/Etat schreibt sie im Journo-Blog über aktuelle Entwicklungen in der Medienbranche – und ihre Auswirkungen auf die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten.

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  • Derzeit sind im ORF rund 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt.
    foto: ap/strauss

    Derzeit sind im ORF rund 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt.

  • Daniela Kraus, Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien.
    foto: fjum

    Daniela Kraus, Geschäftsführerin des fjum_forum journalismus und medien wien.

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